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Zimt zur Zigarette

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Die Krux steckt in der Glut.

Man nehme ein bisschen Mehl, Vanillin, Zimt, Kakao, Honig, Früchte sowie eine Prise Salz und mische es gut. Klingt wie ein Kuchenrezept. Aber diese Zutaten landen in keinem Teig, sondern zwischen Rohtabak. Bis zu 600 Einzelsubstanzen erlaubt die „Tabakverordnung des Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetzes“ seit 1977 in Deutschland. Denn was für Lebensmittel in Ordnung ist, kann für Tabak schließlich nicht schlecht sein, schien die bisher gängige Annahme.

Falsch gedacht, wie das Deutsche Krebsforschungszentrum (dkfz) in Heidelberg seit einiger Zeit betont. Die Bedenken haben jetzt auch Verbraucherministerin Renate Künast erreicht. Auf 1174 Seiten Papier oder 565 Seiten im Internet ( www.verbraucherministerium.de ) können Raucher ab sofort nachlesen, was in ihrer bevorzugten Marke neben Tabak noch alles drin ist. Inwiefern die einzelnen Zusätze gesundheitsschädlich sind, soll ab jetzt systematisch untersucht werden.

Für Professor Heinz-Walter Thielmann, Toxikologe beim dkfz, ist diese Frage in vielen Fällen schon beantwortet. „Die derzeit erlaubten Zusatzstoffe erhöhen das Krebsrisiko in erheblichem Maße“, betont er. Denn was in Speisen nur in kleinem Maße erhitzt wird, erreicht in der Glutzone einer Zigarette zwischen 600 und 900 Grad Celsius. Die Zusatzstoffe verdampfen, verbrennen zu Kohlendioxid, Stickstoffoxiden, Schwefeldioxid und Wasser. In vielen Fällen aber werden sie ins so genannte „teiloxidierte Produkte“ umgewandelt, und von denen sind Dutzende krebserzeugend.

So wird aus dem harmlos klingenden Zimtalkohol das krebserzeugende Styrol. Und das wird nicht gegessen, sondern eingeatmet. Die Lebensmittelzusätze können auf diesem Wege nicht nur Bronchialkrebs verursachen, sondern über die Lunge in den Organismus gelangen - und letztendlich Krebs in mehr als 20 Organen auslösen, so Thielmann.

Aber wozu werden Vanillin in Pfeifen-, Aluminiumsilikat in Zigarillo- und Zitronensäure in den Schwarzen Krausen Tabak gestopft? Um ihnen einen „unverkennbaren Geschmack und ein ebensolches Aroma zu verleihen“, heißt es bei Philip Morris International. Margret Voigt vom Erfurter Institut für Nikotinforschung und Raucherentwöhnung umschreibt es deutlicher: „Wenn keine Zusatzstoffe drin wären, wäre es so eklig, dass man nach der ersten Zigarette nie wieder rauchen würde.“ Nur wenige Marken enthalten keine Parfümierung, sind aber mit Stickstoff und Wasser angereichert.

Denn Zusatzstoffe machen Tabak schmackhafter. Zucker beispielsweise karamellisiert mit Ammoniak und erzeugt einen „weichen“ Geschmack. In Amerika mischt man mittlerweile auch Himbeer- oder Erdbeergeschmack hinzu, das kommt vor allem bei den jüngsten potenziellen Kunden an. Dabei verkündete Marion Caspers-Merk, Drogenbeauftragte der Regierung, gestern noch stolz im Suchtbericht 2004, dass die Raucherquote bei den 12- bis 17-Jährigen in Deutschland im Jahr 2005 auf 20 Prozent gesunken ist (2001: 28 Prozent). Dabei, so auch die dkfz, sollen mit dem Einsatz von Zusatzstoffen gerade der Kinder- und Jugendmarkt erobert und der der Erwachsenen stabilisiert werden.

Von rund 20 Millionen deutschen Rauchern sind etwa sieben bis acht Millionen süchtig, und dank mancher Zusatzstoffe wird die Suchtproblematik beschleunigt. „Durch manche kann Nikotin schneller über die Lungenwege ins Gehirn gelangen, zum Beispiel Ammoniak“, so Margret Voigt. Und steckt dann noch ein bisschen Menthol im Tabak - ein Zusatz, der fast allen Zigaretten zugefügt wird - dann kratzt der Zug am Glimmstängel weniger im Hals, man kann tiefer inhalieren, der Rauch reicht tief in die Lunge und das Nikotin ist ein bisschen schneller in den Gefäßen. Für die Wissenschaftler klingt es da wie Hohn, wenn Philip Morris verkündet: „Nach umfassenden Tests sind wir zu dem wissenschaftlichen Urteil gelangt, dass die in unseren Zigaretten verwendeten Zusatzstoffe die Risiken des Rauchens nicht vergrößern. Jede Zigarette - ob mit oder ohne Zusatzstoffe - macht süchtig und verursacht Erkrankungen.“