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Zukunft der NiederlandeLeben mit dem Wasser

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Neue Ideen sollen die Zukunft der Niederlande sichern. (Bild: dpa)

Es ist ein sonniger Morgen, und allmählich wacht die Stadt auf. Leute machen sich mit dem Auto oder dem Boot auf den Weg zur Arbeit, Eltern bringen ihre Kinder zur Schule, Jogger drehen ihre Runden über Wege und durch Parks. . . Ein ganz normaler Tag in einer ganz normalen Stadt - aber diese schwimmt und ist komplett von Wasser umgeben. In einigen Jahren, ist Rutger de Graaf sicher, wird diese Vision Wirklichkeit werden.

De Graaf ist Leiter des Projekts „Floating City Ijmeer“, der schwimmenden Stadt im Ijsselmeer, die irgendwann einmal die wirtschaftlich für die Niederlande ungemein wichtigen Ballungszentren Amsterdam und Almere miteinander verbinden und zugleich entlasten könnte. Denn die Region hat gleich mehrere Probleme: Zunahme der Bevölkerung und der Verstädterung bei zugleich empfindlichem Ökosystem mit bedeutsamem Tourismus- und Naherholungswert. Das Wasser verschärft die Situation.

Der Kampf gegen das Wasser bestimmt seit Jahrhunderten das Leben der Niederländer und das Erscheinungsbild ihres Landes: Weite Poldergebiete hinter hohen und noch dickeren Deichen, Schleusen, Dünen, Binnenseen, Dränage- und Kanalsysteme prägen die Landschaft. Ein Fünftel der Niederlande ist dem Meer abgerungene Erde. Nicht umsonst lautet ein niederländisches Sprichwort: „Gott erschuf die Welt, aber die Holländer erschufen Holland.“

Gefragt sind solch schöpferische Qualitäten angesichts des stetig steigenden Meeresspiegels heute mehr denn je. Denn dieser werde laut dem Weltklimarat (IPCC) bis 2100 zwischen 18 und 59 Zentimeter steigen. Bei der Schätzung wurde der Einfluss der schmelzenden Eismassen vorsichtig mit zehn Prozent veranschlagt - schlicht, weil es keine feste Größe gibt, denn das Eis schmilzt schneller, je mehr sich die Schmelze beschleunigt.

Die Flüsse laufen über

Ein von der niederländischen Regierung einberufenes Gremium allerdings kommt zu anderen Zahlen: Die Deltakommission rechnet mit einem Anstieg zwischen 65 und 130 Zentimetern. Und das Wasser droht von allen Seiten, nicht nur von der Küste. Auch die Flüsse werden durch den Klimawandel laut Experten im Winter deutlich mehr Wasser führen und häufiger über die Ufer treten. Denn sie liegen ebenfalls unter Meeresspiegel-Niveau, und Auslaufflächen fehlen. Im Sommer dagegen könnte das Wasser knapp werden.

Lösungen müssen also her. Ein umfangreiches Regierungsprogramm setzt auf Altbewährtes, und Premierminister Jan Peter Balkenende erklärte, er sei nicht gewillt, gewonnenes Land wieder preis zu geben: Umfangreiche Baumaßnahmen wie Vorverlagerung der Küstenlinie, Ausbau der Sturmflutwehre und Schaffen von Überflutungsflächen für Rhein und Maas sollen bis 2050 realisiert werden - wenn das Programm im nächsten Jahr verabschiedet wird. Experten schätzen, dass die Umsetzung der Maßnahmen den Steuerzahler jährlich bis zu zwei Milliarden Euro kosten wird.

Zugleich beschreitet die Regierung aber neue Weg. In ihrem Auftrag sollen innovative Lösungen entwickelt werden. Man dürfe das Wasser nicht länger als Feind betrachten, „wir müssen es zu unserem Partner machen“, hat der Leiter des Nationalen Klimaprogramms, Pavel Kabat, als Parole ausgegeben - ein harter Schlag für die niederländische Seele, die so lange auf Abwehr getrimmt war. Kabat fordert, den Klimawandel als technologische Herausforderung zu begreifen.

Diese Herausforderung angenommen hat der Betrieb DeltaSync mit Diplomingenieuren der TU Delft unter der Leitung von Rutger de Graaf. Die „Floating City“ besteht aus Pontons, die über ebenfalls schwimmende Weg-Elemente miteinander verbunden werden. Durch den Zusammenschluss wird gewährleistet, dass auch dann der Auftrieb bestehen bleibt, selbst wenn ein Element beschädigt wird. Größere Pontons werden durch Unterteilung in abschottbare Kammern gesichert, die zugleich als Lagerräume, Parkplätze oder als Raum für die Haustechnik genutzt werden können. Das Baumaterial ist eine Kombination aus Schaumstoff und Beton - ein unsinkbares Floß mit stabilem Gerüst.

Darauf hätten dann die Häuser ausreichend Platz und Standfestigkeit, wenn das Projekt umgesetzt wird. „Es ist zunächst eine Demonstration der Möglichkeiten - auch für anderen Regionen“, sagt de Graaf. Ein lebendes, atmendes Testgelände für neue Technologien.

Lokale Ressourcen nutzen

„Denn es wird sich alles dynamisch weiterentwickeln. Am Zeichentisch etwas zu entwerfen ist eine Sache, in der Praxis wird man lernen und Dinge verändern. Eben so, wie Städte schon in der Vergangenheit entstanden sind.“ Neben den anfangs großen Häuserkomplexen kann er sich in ferner Zukunft auch Einfamilienhäuser mit Gärten und Freizeitanlagen vorstellen.

Oberstes Prinzip der Stadt ist die Nutzung und Schonung der lokalen Wasser- und Energiereserven, etwa durch Sonnenlicht, Wärmepumpen, Windturbinen oder die Nutzung des Spannungspotentials zwischen dem Süßwasser des Ijsselmeers und dem salzigen Wasser der Nordsee.

Völlig ablehnend stehen die Niederländer der neuen Idee, das Wasser nicht zu bekämpfen, sondern sogar darauf zu vertrauen, nicht gegenüber, hat de Graaf in einer kleinen Internetumfrage festgestellt. „Über 300 Leute waren ernsthaft interessiert, in einer schwimmenden Stadt zu leben.“