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ZwangsstörungenWenn aus Marotten Süchte werden

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Auch übermässiges Duschen kann eine Zwangsstörung sein. (Bild: dpa)

Acht Uhr - höchste Zeit fürs Büro. Die Haustür fällt zu. Ist der Herd auch aus? Ja, ich habe ihn ausgeschaltet. Bestimmt? Ich weiß es genau. Wirklich ganz sicher? Eigentlich schon. Aber vielleicht sollte ich besser noch mal nachschauen, nur so zur Sicherheit . . .

Fast jeder kennt Situationen wie diese. Manch einer muss jeden Morgen gleich zweimal prüfen, ob alle Elektrogeräte aus sind. Andere Menschen schauen täglich mehrfach, ob sie den Geldbeutel noch haben. Oder sie drehen ständig die Wasserhähne zu, jedes Mal ein bisschen fester. Es gibt Menschen, die wechseln mehrfach am Tag die Unterwäsche oder laufen sofort zum Waschbecken, sobald sie jemandem die Hand geben mussten. Oder sie ordnen Regale penibel nach Systemen, die nur sie selbst verstehen.

Ist das noch normal? Oder handelt es sich etwa um eine Zwangsstörung? "Zwanghafte Phänomene gibt es auch im Alltag", erklärt der Psychotherapeut Jan-Michael Dierk, Experte für Zwangsstörungen in der Medizinisch-Psychosomatischen Klinik Bad Arolsen. Aber keine Sorge: "Wer zweimal den Herd kontrollieren muss, bevor er beruhigt aus dem Haus gehen kann, leidet noch nicht an einer Zwangsstörung", sagt er. "Aber wenn andere Aktivitäten eingeschränkt sind und die Betroffenen anfangen zu leiden, wird es bedenklich." Ein alarmierendes Zeichen ist auch, wenn Menschen erfolglos versuchen, sich den inneren Zwängen zu widersetzen. Zwangs-Patienten erkennen in der Regel nämlich, dass ihre Rituale sinnlos sind, können aber dennoch nicht von ihnen lassen.

In manchen Fällen reicht es Menschen eben nicht, ein paar Mal nach dem Schalter der Kaffeemaschine zu sehen. Ständig müssen sie die Kontrolle wiederholen, immer und immer wieder nachsehen, so dass sie kaum noch aus dem Haus kommen. Experten sprechen von einem Kontrollzwang, einem der häufigsten Zwänge überhaupt. Betroffene leben stets in der Angst, potenzielle Gefahren zu übersehen. "Den Patienten fehlt die unbefangene Zuversicht", berichtet der Psychotherapeut Thomas Hillebrand aus Münster, der auf die Behandlung dieser Störungen spezialisiert ist. "Sie interpretieren die Welt als von Grund auf gefährlich und leben in der ständigen Angst, etwas Schlimmes könnte passieren."

Auch bei Reinigungszwängen, die ebenfalls zu den typischen Zwangsstörungen zählen, steht die Angst im Vordergrund. In der Regel fürchten sich die Betroffenen vor Keimen, vor Gift, Krankheiten und Tod. So bittet im Internetforum der Selbsthilfeorganisation Deutsche Gesellschaft Zwangserkrankungen (DGZ) der Betroffene mit dem Nickname Leonidas um Hilfe, der unter einem exzessiven Wasch- und Putzzwang leidet: Seitdem er als Krankenpfleger aidskranke Patienten versorgen musste, lebt er in der ständigen Angst, sich mit HIV zu infizieren. "Alles in meiner Wohnung und meiner Stadt ist mit HIV kontaminiert", schreibt er. "Es ist die Hölle. (. . .) Nach Feierabend zwängle ich häufig stundenlang. . . wasche Wäsche, putze, dusche . . ." Obwohl sich Leonidas durchschaut und weiß, dass seine Angst grundlos ist, kann er sich nicht befreien. Putzen ist für ihn der einzige Weg, sich zu entspannen - das ist typisch für Zwangshandlungen dieser Art.

Außerdem gibt es Menschen, die unter zwanghaften Gedanken leiden. Zum Beispiel gibt es Mütter, die von dem Gedanken besessen sind, sie könnten ihrem Kind etwas antun. Oder Männer, die in ständiger Angst leben, sie könnten gegen ihren Willen eine Frau vergewaltigen. Bezeichnend für solche Fälle ist, dass die Betroffenen sich vor ihren aggressiven Gedanken fürchten, obwohl sie sie niemals in die Tat umsetzen. All dies gehört zum weiten Spektrum der Zwangsstörungen, an denen Schätzungen zufolge ein bis zwei Prozent aller Erwachsenen leiden.

Viele Betroffene legen schon in der Kindheit auffällige Verhaltensweisen an den Tag. Gisela Röper, Expertin für Zwangsstörungen an der Universität München, rät Eltern daher, Ordnungsrituale von Kindern zu beobachten, ohne sie jedoch überzubewerten: Viele Kinder pflegen nämlich eine Zeit lang harmlose Marotten, die von selbst wieder verschwinden - zum Beispiel, die Kleider nach einem bizarren System bereitzulegen oder abends zweimal unters Bett zu schauen, ob ein Monster darunter liegt. "Erst wenn das Kind belastet wirkt, sich die Rituale massiv ausweiten und der Tagesablauf dadurch gestört wird, sollten die Eltern den Kinderarzt darauf ansprechen", sagt Röper.

Grundsätzlich sind familiäre Rituale etwas Positives, da sie Halt vermitteln. Einschlaf-Rituale wie Vorsingen oder Lesen tragen dazu bei, dass sich die Kinder beschützt fühlen. Röper geht daher davon aus, dass in den Familien vieler Zwangspatienten Geborgenheit zu kurz kam: "Die Betroffenen leiden unter einem chronischen Gefühl mangelnder Sicherheit", sagt die Psychologin.

Inwiefern auch die Gene eine Rolle spielen, ist noch unklar. Sicher wird der Hang zu Zwangsstörungen nicht vererbt wie etwa die Haarfarbe. So betont Jan-Michael Dierk: "Ein Zwangs-Gen gibt es nicht." Dennoch gehen Experten davon aus, dass bei der Veranlagung zur Ängstlichkeit, die Zwangs-Patienten meist gemein ist, Erbfaktoren mit im Spiel sind. Daneben könnte es sein, dass sich die Betroffenen zwanghaftes Verhalten ein Stück weit von ihren Eltern abgeschaut haben. Auch so erklärt sich, warum die Probleme in manchen Familien gehäuft auftreten.

Vielen Betroffenen hilft eine Verhaltenstherapie, bei der sie lernen, den Zwängen nicht nachzugeben. So meint ein Patient, der Angst vor Schmutz hat, sich nur entspannen zu können, wenn er sich wäscht. "Dieser Teufelskreis wird in der Therapie durchbrochen", sagt Thomas Hillebrand. Der Patient ringt sich dazu durch, sich absichtlich zu beschmutzen, ohne sich danach zu waschen. "Er macht dabei die Erfahrung, dass seine Anspannung mit der Zeit auch von allein vergeht", erklärt der Experte. Dieser Prozess wird mehrfach wiederholt. Gleichzeitig hilft Betroffenen in der Regel die Einsicht, dass die Gefahr, sich tatsächlich z. B. eine schlimme Krankheit zu holen, extrem gering ist. Die Aussichten auf Erfolg sind bei einer solchen Verhaltenstherapie relativ gut: Etwa 60 bis 80 Prozent der Patienten können danach wieder freier leben.