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Leseförderung mit sozialem CharakterGymnasium Alfter entwickelt Escape-Room für Grundschüler

5 min
Die Klasse 6a hat sich Leserätsel für Grundschulkinder ausgedacht, die sich auf deren Lieblingsbücher beziehen.

Die Klasse 6a hat sich Leserätsel für Grundschulkinder ausgedacht, die sich auf deren Lieblingsbücher beziehen.

Die Klasse 6a des Gymnasium Alfter hat einen Escape-Room für Grundschüler entwickelt. Rätsel fördern Lese- und Sprachkompetenz.  

„Da kommen sie!“, ruft eine Schülerin der Klasse 6a und hüpft vor Aufregung auf der Stelle. Schon von Weitem sieht man die Drittklässler der Grundschule Oedekoven zum Gymnasium Alfter kommen. Für sie hat die 6a einen „Escape-Room“ erstellt, bei dem Lesekompetenz und Sprachförderung im Vordergrund stehen – und natürlich der Spaß am Rätseln.

Ein Escape-Room ist ein Spiel, bei dem Teilnehmerinnen und Teilnehmer in einem Raum „eingesperrt“ werden. Sie lösen Rätsel, um sich zu befreien. Die Lösung ergibt einen Code, der die Tür geöffnet. Bei diesem Escape-Room erschließen sich die Drittklässler neue Räume des Gymnasiums.

„Wir haben euren Schulleiter entführt“, lesen die Grundschülerinnen und Grundschüler in einem Brief, den sie auf dem Boden des Foyers finden. „Um ihn zu befreien, bleibt nur eine Stunde Zeit.“ Hinweise, in welchem Raum der Schulleiter gefangen gehalten wird, finden die Grundschüler in Büchern, erklärt das Begrüßungskomitee.

Unterrichtsinhalte mit sozialem Engagement verbinden

Vier Umschläge sind im Foyer versteckt, die Kinder teilen sich in Gruppen auf. „Dann sucht mal schön“, gibt Sabine Arends den Startschuss. Sie ist Deutschlehrerin am Gymnasium Alfter und betreut das Projekt Escape-Room gemeinsam mit Kollegin Hildegard Debrus, die ebenfalls Lehrerin für Deutsch ist und Klassenlehrerin der 6a.

Ein Quiz im Altersheim, ein Beet mit Frühblühern für die Schulgemeinschaft und jetzt der Escape-Room zur Förderung der Lese- und Schreibkompetenz bei Grundschülern – das sind Beispiele für Projekte, die am Gymnasium Alfter als „Service Learning“ stattfinden. Das verbinde Unterrichtsinhalte mit sozialem Engagement und gesellschaftlichem Lernen, erklärt Henning Tetz, Stellvertretender Schulleiter.

An der Tür hängt ein Buchstabenschloss. Zwei Grundschülerinnen geben das Codewort „Lesen“ ein.

An der Tür hängt ein Buchstabenschloss. Zwei Grundschülerinnen geben das Codewort „Lesen“ ein.

Schülerinnen und Schüler sollen selbst etwas lernen und gleichzeitig etwas für andere tun – in diesem Fall: Leseförderung mit sozialem Charakter. Das Service Learning vernetze das Gymnasium Alfter, das 2023 eröffnet wurde, in der Gemeinde.

„Es fängt mit einer Idee an, dann herrscht erst einmal Chaos und letztendlich kommt alles in geordnete Bahnen“, erklärt Debrus. Seit November bereiten die Sechstklässler den Escape-Room vor: „Das war sportlich.“ Einmal konnte die Klasse die Rätsel ausprobieren – als NRW-Schulministerin Dorothee Feller das Gymnasium Alfter besucht hat. Die Schülerinnen und Schüler haben dann kleine Fehler ausgebessert, einige Rätsel einfacher und andere schwieriger gestaltet.

In Nullkommanichts treiben die Grundschüler die Umschläge auf. In jedem ist ein kurzer Text, aber nicht alle Buchstaben sehen gleich aus, einige sind hervorgehoben – das erkennen die Drittklässler schnell. Die Buchstaben ergeben ein Wort, das jeder Gruppe verrät, in welchem Raum es für sie weitergeht. „Küche“, liest ein Grundschüler laut und die Gruppe läuft los. In vier Räumen hat die 6a Stationen mit weiteren Rätseln aufgebaut. Diese beziehen sich auf Bücher, die die Grundschüler bereits kennen und besonders gerne mögen. Um herauszufinden, welche das sind, waren die Gymnasiasten zu Besuch in der Grundschulklasse und haben die Kinder interviewt.

Zum Abschluss machen die Dritt- und Sechstklässler ein gemeinsames Gruppenfoto. Die Grundschüler präsentieren ihre Urkunden.

Zum Abschluss machen die Dritt- und Sechstklässler ein gemeinsames Gruppenfoto. Die Grundschüler präsentieren ihre Urkunden.

Und so funktionieren die Rätsel-Stationen: Die Kinder lesen einen Text und lösen eine Aufgabe dazu – eine Frage, ein kleines Quiz, Memory oder Puzzle. Eine Schülerin der 6a fragt: „Was darf ein Hamster essen?“ „Bananenchips“, lösen die Grundschüler richtig. „Welcher Buchstabe kommt in dem Wort Bananenchips am häufigsten vor?“ Die Kinder müssen sich kurz beraten und stellen dann fest: „N.“

Fünf Buchstaben ergeben ein Lösungswort

Das ist ein Buchstabe des Lösungswortes. „Die Sechstklässler mussten sich in die Lesevorlieben der Grundschulkinder hineinversetzten, um den Escape-Room zu erstellen“, betont Debrus. Die 6a hat die Bücher besorgt, hat die Grundschüler eingeladen, sich die Geschichte um den entführten Schulleiter ausgedacht, die Räume thematisch dekoriert und sich die Rätsel dazu ausgedacht. Alles selbstständig.

Immer im Hinterkopf hatten die Sechstklässler dabei, dass Grundschüler auf einem anderen Level lesen als sie selbst. „Ihr schafft das noch!“, motiviert eine Sechstklässlerin. Ein Rätsel fehlt noch, aber die Zeit wird knapp. „Wer hat noch nicht vorgelesen?“, fragt eine andere. Die 6a hat alles im Griff.

An der Station, die Lilli, Paulina und Mine betreuen, geht es um ein Buch, in dem eine Bäckerei eine wesentlich Rolle spielt. Dazu passend bieten sie den Grundschülern Kekse an. „Die haben auf jeden Fall beim Rätsellösen geholfen“, sagt Lilli. „Doping“, lacht Schulleiter Sebastian Muders, der sich den Escape-Room nicht entgehen lässt. „Stift“, bestellt ein Grundschüler. Für viele Worte ist keine Zeit, die Uhr tickt. Grundschülern helfen, besser zu lesen – das ist der „Service“-Aspekt, erklärt Muders. Ein „Learning“ – also ein Lerneffekt – stellt sich auf Seiten der Gymnasiasten ein: Auch sie verbessern ihre Lesekompetenz.

„Die Kinder lernen so viel“, schwärmt Debrus und Grundschullehrer Tobias Swawoll ergänzt: „Das ist das, was hängen bleibt.“ Er ist sicher, an diesen Besuch am Gymnasium Alfter werden sich seine Schülerinnen und Schüler erinnern. Als Sabine Arends bei der Grundschule angefragt habe, ob eine Klasse Interesse an dem Escape-Room hat, habe er direkt „Hier!“ geschrien und die 3c, die Eisbären-Klasse, dafür angemeldet.

Der entführte Schulleiter wird verkörpert von einem Teddybären. Die Pfoten sind gefesselt, das Maul zugeklebt.

Der entführte Schulleiter wird verkörpert von einem Teddybären. Die Pfoten sind gefesselt, das Maul zugeklebt.

Die erste Gruppe hat alle Rätsel gelöst und herausbekommen, wo der Schulleiter festgehalten wird. Am Buchstabenschloss geben sie den Code „Lesen“ ein und siehe da – es springt auf. Die Grundschüler öffnen die Tür und finden: den Schulleiter, verkörpert von einem großen Teddybären, dessen Pfoten hinter dem Rücken zusammengebunden sind, das Maul ist zugeklebt. Bevor die Kleinen sich ein von den Sechstklässlern selbst gebasteltes Lesezeichen und eine Packung Knete als Belohnung schnappen, binden sie den Bären los.

Jedes Grundschulkind bekommt eine Urkunde. „Die hänge ich in mein Zimmer“, sagt Ben. Die Rätsel zu lösen, war für ihn „ganz easy“. „Hat es Spaß gemacht?“, fragt Grundschulklassenlehrer Swawoll. Alle Drittklässler zeigen Daumen hoch. „Was sagen wir, wenn etwas Spaß gemacht hat?“ Die Kinder rufen laut „Danke!“ im Chor. Die Sechstklässler sind zufrieden, es hat alles genauso geklappt, wie sie sich das vorgestellt haben.

Auch, wenn es mit 19 Drittklässlern schon einmal wuselig wurde. „Beim Lesen konnten wir gut helfen“, berichtet Max: „Aber plötzlich standen da nur noch zwei Kinder.“ Den Rest der Gruppe konnten sie schnell wiederfinden. Die 6a hat viel Arbeit in ihr Projekt gesteckt. „Das hier ist das große Highlight“, sagt Schülerin Mia als sich die Grundschüler verabschieden.