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Serie „Mein liebster Platz“Naschen bei der Pilgerrast in Alfter-Gielsdorf

4 min
Ein Teil einer Kirche bei blauem Himmel.

Mein liebster Platz St. Jakobus in Alfter-Gielsdorf als Teil des Jakobsweges mit Naschgarten

In der Serie „Mein liebster Platz“ entdeckt Rundschau-Redakteur Manfred Reinnarth den Naschgarten hinter St. Jakobus in Alfter-Gielsdorf.

„Die 1. Etappe auf dem Weg nach Santiago“, haben Sylvie und Bernd am 26. Mai in das Pilgerbuch von St. Jakobus in Alfter-Gielsdorf geschrieben. Damals gab es hinter der Kirche vermutlich noch nicht viel zu naschen, jetzt werden aber langsam die Tomaten reif. Die saftigen Johannisbeeren sind es schon, der Brombeerstrauch muss jedoch noch ein wenig wachsen.

Während ich auf einem abgepflückten Blatt des wilden Basilikums kaue und den feinen Geschmack genieße, denke ich an die vielen Pilger, die hier schon gewesen sein mögen. Aber wer hat nicht nur den Stempel vom Tisch im Inneren der stets kühlen Kirche in sein Pilgerbuch gedrückt, sondern auch das liebevoll angelegte Hochbeet hinter dem Haus entdeckt?

In einem Pilgerbuch haben sich Pilger eingetragen.

In einem Pilgerbuch könne sich Besucher eintragen

Thorsten und Rosalie, beide sieben Jahre alt, gehören mit zu den vielen Besuchern des Gotteshauses, die sich im Pilgerbuch eingetragen haben. Den Weg nach Spanien haben sie nicht angetreten, wie sie wissen lassen. Aber sie haben ein Vorhaben. Sie notierten: „Hoffentlich schaffen wir es, Jacobus irgendwann in Santiago zu besuchen.“ 

1867 Kilometer sagt der Internetrechner, müssten bis zu dem Ort in der spanischen Provinz Galizien beschritten werden, an dem der Apostel Jakobus begraben sein soll, denn Santiago kommt von Sant'Iacobus; „di Compostella“ ist die eigentliche Ortsbezeichnung, zumal es viele Stätten gibt, an denen der Heilige verehrt wird. Und weil dieser Ort fast am Atlantik liegt, ist die Jakobsmuschel das Zeichen der Pilger dorthin geworden.

Teil des Jakobsweges mit Stele und Bildstock

Teil des Jakobsweges mit Stele und Bildstock

Die Muschel findet sich auch in Gielsdorf etliche Male. Auf modernen dunkelblauen quadratischen Klebeschildern ist sie mit gelben Rippen wie Sonnenstrahlen dargestellt, ein Zeichen, das sich an den Treppenaufgängen von der Kirchgasse her, aber auch auf dem in Kunststoff eingeschweißten Pilgerbuch wiederholt. Der ganz offizielle Stationsmarker aus Metall steht verschämt am gepflasterten Vorplatz neben der Kirche. Er ist von der Deutschen Jakobusgesellschaft aus Düsseldorf dorthin gestellt worden. Vielleicht, weil er mit seinem Kubus einfach nicht zu der mittelalterlichen Kapelle passt, die den Kern dieser ungewöhnlichen Kirche bildet, und sich inzwischen in leuchtend weißer Farbe eine Einheit bildet.

Was sie so ungewöhnlich macht, ist ihre Vorgeschichte als Teil einer Burg, die vielleicht der lothringische Pfalzgraf Ezzo am Ende des ersten Jahrtausends nach Christus für seine Tochter Richeza baute, um seine Handelswege über Rheinbach bis Siegburg gegen den Kölner Erzbischof zu sichern. Der Turm war einst ein Wehrturm und diente im ausgehenden Mittelalter als Gefängnis und ist mit der Burgkapelle erst um 1490 verbunden worden, als hier für die Gläubigen, die sonst nach Lessenich in die Messe gemusst hätten, ein größeres Gotteshaus entstand.

Ein Blick durch das Gitter in die einstige Burgkapelle

Ein Blick durch das Gitter in die einstige Burgkapelle

Heute ist der Turm Durchgang zu den beiden Kirchenräumen. Ja, es gibt zwei, denn die Einwohner des alten Winzerortes, der wie viele Ortschaften im 19. Jahrhundert aufblühte, mochten die Kapelle nicht aufgeben, als ihr Ort so gewachsen war, dass der Platz nicht reichte. Ein Kirchbauverein brachte in nur zehn Jahren die Mittel auf, und so führte der Kölner Diözesanbaumeister Vincenz Statz, der Wiederentdecker der Gotik, 1879 einen Erweiterungsbau gen Süden an.

So kann nun jeder Besucher, ob er nun in den neuen Teil möchte oder bloß den Pilgerstempel abdrückt, durch ein schmiedeeisernes Gitter hindurch die alte Kapelle bewundern. Die Muscheln am Gewölbe sind aufgemalt. Ein Wandgemälde aus frühester Zeit zeugt vom Martyrium der beiden Patrone, von Margaretha und von Jakob dem Älteren. 

Auf einem Holzschild ist zu lesen "Nasch-Garten St. Jakobus Ernten erwünscht"

Ganz jung ist das gemalte Schild aus Kinderhand, das den Weg um den Chor der Kapelle in den Garten und zum Hochbeet weist

Es gibt aber auch jüngere Hinweise auf den Kirchenpatron. Wenn aus dem Turm das lange eingestrichene g erklingt, ruft von dort die 1955 gegossene Jakobs-Glocke. Neben dem Kapelleneingang steht der Pilgerheilige in Stein gemeißelt, die Steinfigur in der Nische darüber haben Pilger aus Santiago mitgebracht.

Ein Tomatenstrauch mit grünen Tomaten, die sich langsam rot färben.

Die ersten Tomaten färben sich rot.

Ganz jung ist das gemalte Schild aus Kinderhand, das den Weg um den Chor der Kapelle in den Garten und zum Hochbeet weist. Die erste Cherry-Tomaten der Sorte Philovita färben sich bereits. Kapuzinerkresse blüht orange, eine Gurke hängt aus der Kiste heraus. „Nasch-Garten St. Jakobus - Ernten erwünscht“ steht auf einem Holzschild. Der Rasen ist konventionell gepflegt, aber die Regenwassertonne im Winkel zwischen den beiden Kirchenflügeln zeugt von einsetzender Nachhaltigkeit.