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„Unter Tage habe ich Sprinten gelernt“Wilhelm Ehlers wurde mit 90 Deutscher Meister beim Crosslauf

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Wilhelm Ehlers trägt einen Trainingsanzug und schwingt Hanteln neben seinem Oberkörper hin und her.

Wilhelm Ehlers ist im Alter von 90 noch fit und macht jeden Morgen Hantelübungen.

Ehlers gewann 15 Meistertitel in verschiedenen Altersklassen. Er trat wiederholt für den Alfterer SC an. Das Laufen begann aber viel früher.

Noch während die Lok auf den Schienen fährt, springt Wilhelm Ehlers aus dem Führerstand. Er läuft zur Wettertür, die verschiedene Abschnitte der Sohle – einem unterirdischen Hohlraum beim Bergbau – trennt und schließt sie auf. Kurz nachdem der letzte der 50 Wagen in der Obhut des Grubenlokführers die Wettertür passiert hat, verriegelt er diese wieder – die Bereiche müssen getrennt sein, auch damit Grubengase abgeleitet werden können. Fehlen derartige Vorkehrung droht Explosiongefahr. Ehlers rennt daraufhin zurück zum Führerhaus und setzt seinen Weg auf den Schienen fort. 

Das Manöver mit der Wettertür sei natürlich nicht erlaubt gewesen, aber bei zwei Stopps seiner Lok, hätte er die Wagen jeweils feststellen und dabei riskieren müssen, dass deren Reihung unterbrochen worden wäre, erinnert sich Ehlers: „Die Strecke war nicht flach, sondern ging auf und ab.“ Wegen der unebenen Strecke mussten die Wagen bei einem Halt fixiert werden. „Einmal fuhr die Lokomotive auf den Schacht zu“, berichtet er weiter: „Ich lief hinterher, rannte zum Führerhaus und bremste die Lok gerade noch ab.“ Das sei die brenzligste Situation bei der Arbeit unter der Erde gewesen.

Wilhelm Ehlers überstand die Zeit im Bergbau unbeschadet

„Unter Tage habe ich das Sprinten gelernt“, blickt der heute 90-Jährige auf seine prägende Zeit im Bergbau zurück. Wilhelm Ehlers hat inzwischen 15 Meistertitel in Läufen der jeweiligen Altersklasse gewonnen, den ersten davon im Alter von 80 Jahren. Das Laufen begleitet ihn aber schon von Kindesbeinen an: „Ich komme aus einem kleinen Dorf, dort gab es keine öffentlichen Verkehrsmittel“, so Ehlers: „Die Eltern bringen heute ihre Kinder zur Schule, für uns war als Kinder klar, dass wir zu Fuß hingehen.“ Sein späterer Schulweg sei zwölf Kilometer lang gewesen: „Ich bin mit dem Fahrrad hin- und zurückgefahren. Kondition aufzubauen, war eine Grundbedingung.“

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt einen Mann mit fünf Kindern. Das Baby hält er auf dem Arm, die vier Kinder stehen vor ihm.

Wilhelm Ehlers (3 v.l.) ist der Zweitälteste unter fünf Geschwistern.

Ehlers wurde 1935 geboren, sein Vater fiel 1943 im Zweiten Weltkrieg: „Vaters erste Wehrübung endete am Tag meiner Geburt.“ Im Kreis Diepholz in Niedersachen wuchs der spätere Läufer als Zweitältester von fünf Geschwistern auf. Er erinnert sich an große Moore, Maisanbau und rastende Kraniche. Sagt aber auch: „Der Nordwesten Deutschlands gehörte zu den finanziell benachteiligten Regionen.“

Nach der Schule stellte sich für Ehlers die Frage nach dem Berufsweg. Landwirtschaft oder Bergbau? Im Bergbau habe er sich bessere Aufstiegschancen versprochen, begründet er seine Entscheidung. Anfang der 1950er Jahre, „zur Zeit des Koreakriegs“, arbeitete er als Grubenlokführer in der Zeche Dannenbaum in Bochum und sprang dort verbotenerweise von der Lok. „In der Förderung sind die meisten und schwersten Unfälle passiert.“ Trotz der hohen Verletzungsquote in dem Berufsfeld blieb Ehlers unbeschadet.

Als Soldat gewöhnte sich Ehlers eine morgentliche Laufroutine an

Das Laufen zog sich als roter Faden auch durch seinen nächsten Berufspfad beim Militär. „Als Soldat wurde ich nach Wuppertal versetzt“, sagt Ehlers: „Das liegt in einer Mulde, die Kaserne lag oberhalb.“ Vor Dienstbeginn, gegen 5 Uhr in der Früh, habe er angefangen zur Kaserne hochzulaufen. Das sei zur morgentlichen Gewohnheit geworden. Sollte ihn ein Vorfall auf der Arbeit im Lauf des Tages ärgern, habe er sich den Frust über sieben Kilometer von der Seele gelaufen: „Die Probleme waren dann einfach weg.“

Und auch im Privaten fand der Kölner Gefallen an der Bewegung: „Ende der 50er Jahre habe ich das Wandern für mich entdeckt.“ Er sei unter anderem im Odenwald und auf dem Jakobsweg unterwegs gewesen oder auf den Roen gestiegen: „Das Fichtelgebirge fehlt mir noch.“

Eine lange Verbundenheit zum Alfterer SC und einige Meistertitel

Die Laufbewegung der 1960er Jahre übte weiteren Einfluss auf Ehlers aus. „Es gab früher viele Volksläufe“, sagt er: „Alfter hatte immer einen am 1. Mai.“ Gegen Ende der 60er-Jahre wurde in der Gemeinde der Alfterer Sport-Club (SC) gegründet. Mitte der 70er-Jahre trat Ehlers dem Verein bei. „Am Anfang habe ich das Alfterer Platt nicht verstanden. 1975 betrug meine erste Marathonzeit knapp über drei Stunden, die zweite lag drunter“, berichtet Ehlers mit verschmitztem Lächeln. Nicht immer seien seine Lauferfolge mit Medaillen belohnt worden: „Zu meinen Preisen gehört ein Aschenbecher, ein Tauchermesser, ach – alles Mögliche.“

Wilhelm Ehlers läuft auf diesem Bild bei einem Marathon mit.

Wilhelm Ehlers blickt auf mehrere Meistertitel in Marathonläufen in seinen jeweiligen Altersklassen zurück.

Aus Wuppertal wurde der Sportler schließlich ins Rheinland versetzt, erst nach Bonn später Köln. „Er ist in Köln-Weiß jahrelang täglich 13 Kilometer in der Nähe des Rheins gelaufen“, weiß Rainer Meyer, Vorsitzender Alfterer SC, über Ehlers: „Beim Alfterer SC ist Ehlers sehr geschätzt für seine Dauerhaftigkeit, Gradlinigkeit und Freundschaft zu den Kameraden.“ Laut dem 75-Jährigen nimmt Ehlers weiterhin an Vereinssitzungen teil.

Zweimal gewann Ehlers den Bonn-Marathon in seiner Altersklasse. Auch in Krakau war er erfolgreich – Ehlers verrät, dass er neben Englisch und Französisch für das Dolmetschen im Beruf, nach seiner Pensionierung noch Polnisch gelernt habe. Für den Alfterer SC ging er unter anderem 2015 bei der Weltmeisterschaft in Frankfurt an den Start und dann als erster seiner Altersklasse durch die Ziellinie. „Das sensationelle bei ihm ist, dass er Deutscher Meister in der Klasse 90 geworden ist“, so Rainer Meyer. Den besagten Titel holte Ehlers bei den Deutsche Meisterschaften Crosslauf 2025 in Darmstadt.

Das tägliche Training lässt sich Wilhelm Ehlers nicht nehmen

Dieser Crosslauf im vergangenen Jahr war vermutlich Ehlers letzter Lauf bei einem Wettbewerb. Das Herz bereite ihm mittlerweile Probleme. Die gesundheitlichen Bedenken nehme er ernst und stelle sich danach um: „Lieber noch ein paar Jahre spazieren, als gar nichts mehr zu können.“ Fit hält er sich weiter über morgentliche Gymnastikübungen: „Ich trainiere täglich mit Zwei-Kilo-Hanteln für 15 Minuten.“

Dass Ehlers trotz seines hohen Alters körperlich und geistig fit ist, führt er neben der Beschäftigung mit verschiedenen Sprachen und der Lektüre historischer, sowie politischer Texte auch auf den Sport zurück. „Ich bin der Meinung, das Laufen hat mir in jeder Beziehung geholfen“, sagt er und haut dabei zum Nachdruck mehrfach auf den Tisch. Er sei immer auf seine Beine angewesen gewiesen: „Ich besaß nie ein Auto.“

Menschen, die gerade erst mit dem Sport anfangen, empfiehlt Ehlers ruhig wenig zu machen, das aber regelmäßig. Und: „Man sollte sein Training in eine Zeit legen, in der niemand was von einem möchte.“