„Boxemotion“Teilnehmer sollen Stressituationen besser meistern
Bad Honnef – Es riecht nach Schweiß in der Turnhalle des ATV. In den Ecken eines Boxrings, provisorisch markiert durch ein paar Seile, umtänzeln sich etwas zögerlich zwei Frauen, das Gesicht bis auf Augen und Mund hinter einem Kopfschutz versteckt, die behandschuhten Fäuste schützend vor der Brust. Turnschuhe quietschen auf dem Hallenboden, im Hintergrund surrt eine Videokamera.
Der aufmerksame Zuschauer merkt schnell: Es ist kein gewöhnlicher Boxkampf, der in der Selhofer Sporthalle steigt. Denn bei „Boxemotion“, dem Tagesseminar, das Anke Müller und Till Wagener jetzt zum ersten Mal in Kooperation mit dem Allgemeinen Turnverein Selhof (ATV) durchgeführt haben, geht es weder um Punkte noch um Knock-Outs. Stattdessen sollen die Teilnehmer lernen, Stresssituationen im Alltag besser zu meistern – und das mit Hilfe eines Boxcoachings.
„Ehrlicher geht’s nicht.“
„Ring des Lebens“ nennen die Seminarleiter ihr Konzept auch, denn „wir haben festgestellt, dass man sich im Ring zu 110 Prozent analog verhält wie im richtigen Leben“, sagt Wagener. „Ehrlicher geht’s nicht.“ Soll heißen: Ist jemand im Ring eher zurückhaltend, so weiche er auch in Konflikten aus, angriffslustige Boxer handelten auch im Alltag forscher.
So weit die Theorie.
Bevor es ernst wird, lernen die Workshop-Teilnehmer, drei Frauen und ein Mann, die richtige Körperhaltung und Schlagtechnik. „Die meisten Verletzungen beim Boxen betreffen die Hände“, weiß Müller, die als Boxtrainerin beim ATV arbeitet. Abgesehen von einer Rippenprellung habe sich bei „Boxemotion“ aber noch nie jemand ernsthaft verletzt. Beim sogenannten „Sparring“ bekommen die Teilnehmer anschließend den Spiegel vorgehalten: In Zweierpaaren steigen sie in den Ring und liefern sich einen zweiminütigen Showdown, den Wagener auf Video festhält. Die entstandenen Clips wertet er im Einzelgespräch gemeinsam mit den Teilnehmern aus. Nicht selten seien dabei schon Tränen geflossen, erzählt der 50-Jährige.
Coach gibt Verhaltenstipps
Die Klienten würden ihre eigene Persönlichkeit auf der Aufnahme erkennen, Probleme und Schwachstellen kämen „innerhalb von zwei Minuten auf den Tisch“. Der Coach gibt Verhaltenstipps, die in einer zweiten Sparring-Runde umgesetzt werden können.
Sich wehren, Nein sagen und ihre Grenzen setzen – das hat eine der Teilnehmerinnen, die namentlich nicht genannt werden will, am Ende des Tages gelernt. Im Ring agierte die Mittfünfzigerin anfangs zu passiv, und „auch im Alltag gehe ich allem aus dem Weg, was Unfrieden stiftet“, beklagt sie.
Übrig sei bloß die Wut geblieben
„Ich muss mir mehr Pausen gönnen“, hat eine andere Teilnehmerin für sich erkannt, die wegen eines Kindheitstraumas in psychiatrischer Behandlung war. Das Trauma sei wegtherapiert, übrig sei bloß die Wut geblieben, erzählt sie. Diese Wut soll jetzt am Boxsack raus.
Anke Müller steht daneben, wenn die Teilnehmer Zorn, Verzweiflung oder Trauer an der Maisbirne auslassen. „Es ist faszinierend, welche Gefühle dabei aufploppen. Hier sind schon 1,90 Meter große Kerle rotzwasserheulend rausgekommen“, erinnert sich die 55-Jährige. Vom Ehestreit bis hin zur verdrängten Vergewaltigung käme beim Einprügeln auf den Sandsack jede Art von seelischem Ballast zum Vorschein. Einzig Traumata will „Boxemotion“ nicht therapieren: „Da müssen Psychologen ran“, sagt Müller.
„Emotionales Sandsacktraining“
Welche Wirkung „emotionales Sandsacktraining“ haben kann, weiß die Bad Honneferin aus Erfahrung. Seit rund 20 Jahren steht sie hobbymäßig im Ring und ist außerdem die erste weibliche Ringrichterin Deutschlands. Zusammen mit Till Wagener aus Niederkassel, der ebenfalls leidenschaftlich gerne boxt und zusätzlich zu seinem Job als Finanzberater eine pädagogische Ausbildung hat, hat sie vor fünf Jahren „Boxemotion“ ins Leben gerufen und patentieren lassen. Schüler des Siebengebirgsgymnasiums haben das Konzept bereits als Schulprojekt getestet.
Sobald sich mindestens vier Teilnehmer angemeldet haben, soll „Boxemotion“ wieder als Tagesseminar in Kooperation mit dem ATV angeboten werden. Die Teilnahme kostet 150 Euro. Auch als Teambuildingmaßnahme ist der Workshop nach Angaben der Leiter geeignet.
