Abo

Bilanz im Corona-JahrEtliche Friseure haben Kurzarbeit angemeldet

5 min

Vor allem Friseure haben im zweiten Lockdown Kurzarbeit angemeldet.

Rhein-Sieg-Kreis – Kurzarbeit zieht seit November wieder an. Die Arbeitsvermittler fĂŒr Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis sehen verstĂ€rkt Anmeldungen von Friseurbetrieben, nachdem zuvor vor allem Gastronomie und Veranstaltungsbranche betroffen waren. Dennoch ist Stefan Krause, Chef der Agentur fĂŒr Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, guter Dinge: „Kurzarbeit wahrt die Chance, Arbeitslosigkeit zu vermeiden.“ Ebenso verhindere sie einen „Großteil von Insolvenzen“.

Nach Berechnung der örtlichen Arbeitsagentur habe Kurzarbeit 2020 vermieden, dass 12 600 oder gar 12 700 Arbeitnehmer arbeitslos geworden wĂ€ren. Viele Betriebe hĂ€tten nicht aufgegeben, sondern sich verkleinert. „Nun wird alles vom Faktor Zeit abhĂ€ngen“, so Krause: wie schnell die KontaktbeschrĂ€nkungen aufgehoben werden könnten, der Impfstoff seine Wirkung entfalte und Hilfen ausgezahlt wĂŒrden. Vermieter von GeschĂ€ftsrĂ€umen seien immer weniger bereit, AbschlĂ€ge hinzunehmen.

Jahresverlauf

Krause zog die Bilanz eines untypischen Jahres: „Zuerst blieb die FrĂŒhjahrsbelebung aus und ab April stiegen die Arbeitslosenquoten. Aus 5,6 Prozent zu Jahresbeginn wurden im April schon 6,1 Prozent, im August sogar 6,9 Prozent (entsprechend 34 503 Arbeitslosen) und zum Jahresende 6,4 Prozent (32 122). Im Vergleich zu den jeweiligen Monaten des Vorjahres schlugen die Quoten schon zu Jahresbeginn vier bis fĂŒnf Prozent auf, ab April schlagartig 18 Prozent und im Juli, Oktober und November sogar 26 Prozent. „Wir hatten schon mit einer Steigerung gerechnet, weil die Zahlen jahrelang sanken“, versuchte Krause eine Relativierung. Im Rhein-Sieg-Kreis lagen die monatlichen Steigerungen etwa zwei Prozent unter denen von Bonn. Krause schlussfolgert: Bisher sei die im Dienstleistungssektor starke Bundesstadt von der Konjunktur unbeeindruckt gewesen.

Das könnte Sie auch interessieren:

Doch nun habe sie sich als pandemieanfĂ€llig erwiesen, wĂ€hrend der stĂ€rker gewerblich geprĂ€gte Rhein-Sieg-Kreis sich widerstandsfĂ€higer zeige. Und ein weiteres Mal relativiert Krause: Die aktuellen Arbeitslosenzahlen seien mit denen von 2007 vergleichbar. „Damals war das fĂŒr uns ein Boom-Jahr. Doch nach der Finanzkrise 2008/09 haben wir uns an eine verbesserte Situation mit riesig gewachsener Zahl an sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigten gewöhnt.“ „Auf der Arbeitslosenseite ist es gar nicht so dramatisch“, findet Krause und verweist auf die Zu- und AbgĂ€nge in der Arbeitslosenstatistik. Im MĂ€rz wurden 1921 Menschen aus dem Agenturbezirk arbeitslos, im April 3141. „Wenn wir jemanden an der Bushaltestelle fragen wĂŒrden, wĂŒrde der sagen: ,Was soll ich mich bewerben, wer wĂŒrde jemanden einstellen?‘ Aber das ist nicht so. Im August gab es ein Plus gegenĂŒber dem Vorjahr, ebenso im November.“ Der Arbeitsmarkt sei nicht tot.

Jugendarbeitslosigkeit

Üblicherweise werden viele 15- bis 25-JĂ€hrige im FrĂŒhjahr arbeitslos. „Es beunruhigt mich normalerweise nicht, weil der Markt diese gut ausgebildeten jungen Leute meist nach 100 Tagen aufgenommen hat“, sagte Krause. Doch diesmal habe das nicht stattgefunden. „Wir hoffen sehr, dass es kein Ausfall ist, sondern es sich um eine zeitliche Verschiebung handelt.“ Die ab September sinkende Jugendarbeitslosigkeit gebe Hoffnung: „Perspektivisch braucht unsere Region diese ausgebildeten FachkrĂ€fte.“ Aus 2221 arbeitslosen Jugendlichen im Januar wurden im April plötzlich 2632. Im August waren es sogar 3319, zum Jahresende 2615.

Ältere Arbeitslose

10 692 Menschen zwischen 50 und 65 Jahren waren in diesem Jahr arbeitslos. Dies sei „durchaus pandemiebedingt auf höherem Niveau“, sagte Krause, relativierte aber: „Seit mindestens einer Dekade werden Belegschaften Ă€lter. Die Babyboomer kommen in die letzte Dekade ihrer ErwerbstĂ€tigkeit.“ Verglichen mit 2010, als 7489 Ă€ltere Menschen im Agenturbezirk ohne Arbeit waren, ist das eine Steigerung um ein Drittel.

Freie Stellen

Das Angebot freier Stellen war durch die Covid-19-Pandemie laut Arbeitsagentur „stark beeintrĂ€chtigt“. Krause: „Einen RĂŒckgang hĂ€tten wir ohnehin gehabt, weil wir auf Rekordniveau waren und es langsam abschmolz.“ 16 465 freie Stellen wurden 2020 gemeldet – 9069 weniger als im Jahr zuvor.

Kurzarbeit

10 161 Betriebe haben aktuell Kurzarbeit angezeigt, was mehr als 100 000 Arbeitnehmer betrifft. Krause: „Es ist aber nicht so grauenhaft, wie es auf den ersten Blick scheint.“ Es habe eine Spitze im April gegeben. Im August hĂ€tten 2700 Betriebe mit etwas mehr als 20 000 Betroffenen tatsĂ€chlich Kurzarbeit angemeldet. Angezeigt waren 92 700, um diese Abrechnungsmöglichkeit zu haben. Zur zweiten Welle, fĂŒr Oktober und November, habe es viele VerlĂ€ngerungs- und sogar Neuanzeigen gegeben, so Krause. „Das heißt nicht, dass alle RĂ€der still stehen. Nicht mal ein Viertel der Unternehmen hat Arbeitsausfall ĂŒber 50 Prozent.“ Der durchschnittliche Arbeitsausfall betrage 38,2 Prozent. Der letzte amtlich endgĂŒltige Wert ist von Juni: In 3941 Betrieben wurde kurzgearbeitet. 33 191 Arbeiter waren betroffen.

BeschÀftigung

Zur sozialversicherungspflichtigen BeschĂ€ftigung gibt es laut Krause ein „Allzeithoch.“ Mit 343 986 im Agenturbezirk stagniert sie gerade.

Ausblick

Trotz der Unterbrechung von Lieferketten geht es dem Gewerbe in Rhein-Sieg unerwartet gut. Die Pandemie ĂŒberlagere jedoch den digitalen Strukturwandel, fĂŒrchtet Krause. Er werde nach der Pandemie offen zutage treten und ein Bremsklotz beim Neustart sein. Ralf Holtkötter, der Chef des Jobcenters Rhein-Sieg, verweist auf die „verblĂŒffende Innovationskraft“ der Unternehmen an Rhein und Sieg. Einige hĂ€tten sich sehr schnell der Situation angepasst und Masken wie Filter produziert oder Alternativen erschlossen.

Langzeitarbeitslose

Im MĂ€rz und April verdoppelten sich im Bonner Jobcenter, wie dessen Vize-Chef Robert Zirbes meldet, die Antragszahlen. „Wir waren zunĂ€chst erschrocken und befĂŒrchteten ein großes Problem.“ Doch nach dem scharfen Lockdown seien die Zahlen „Gott sei Dank“ unter das Vorjahresniveau zurĂŒckgegangen. Nun im zweiten Lockdown gebe es â€žĂŒberhaupt keine Auswirkung“. Faktisch werden aktuell keine Maßnahmen erzwungen. Im Rhein-Sieg-Kreis lag die Zahl der Menschen in Grundsicherung laut Holtkötter im Dezember wieder auf Vorjahresniveau – trotz des Anstiegs im MĂ€rz und April. Es sei gelungen, per Telefon und Mail den Kontaktbedarf der Menschen zu decken. 4700 Langzeitarbeitslose wurden trotz der Pandemie in Arbeit gebracht. Die Jugendarbeitslosigkeit liege sogar auf dem niedrigsten Niveau seit GrĂŒndung der Grundsicherungsstelle im Rhein-Sieg-Kreis. Mit mehr Vermittlern, intensiver Arbeit und guten MaßnahmentrĂ€gern sei das gelungen. Viele Maßnahmen funktionierten bereits „hybrid“ , also teilweise online. Dies sei ein Fingerzeig fĂŒr die Zukunft. Es mĂŒsse nicht mehr jeder aus dem Kreis den „irren Weg“ nach Siegburg antreten. „Das könnte uns sehr weiterbringen.“

Wanderbewegung

Zwar mussten sich im Jahr 2020 Tausende Menschen im Raum Bonn eine neue Arbeit suchen, doch habe es kaum Wanderungen zwischen Branchen gegeben. So seien die stÀrksten AbgÀnge aus Dienstleistungsbranche, Handel und dem Gesundheits-Sozialwesen doch in gleicher Reihenfolge von diesen Branchen wieder aufgenommen worden.