Rhein-Sieg-Kreis â Kurzarbeit zieht seit November wieder an. Die Arbeitsvermittler fĂŒr Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis sehen verstĂ€rkt Anmeldungen von Friseurbetrieben, nachdem zuvor vor allem Gastronomie und Veranstaltungsbranche betroffen waren. Dennoch ist Stefan Krause, Chef der Agentur fĂŒr Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, guter Dinge: âKurzarbeit wahrt die Chance, Arbeitslosigkeit zu vermeiden.â Ebenso verhindere sie einen âGroĂteil von Insolvenzenâ.
Nach Berechnung der örtlichen Arbeitsagentur habe Kurzarbeit 2020 vermieden, dass 12â 600 oder gar 12â 700 Arbeitnehmer arbeitslos geworden wĂ€ren. Viele Betriebe hĂ€tten nicht aufgegeben, sondern sich verkleinert. âNun wird alles vom Faktor Zeit abhĂ€ngenâ, so Krause: wie schnell die KontaktbeschrĂ€nkungen aufgehoben werden könnten, der Impfstoff seine Wirkung entfalte und Hilfen ausgezahlt wĂŒrden. Vermieter von GeschĂ€ftsrĂ€umen seien immer weniger bereit, AbschlĂ€ge hinzunehmen.
Jahresverlauf
Krause zog die Bilanz eines untypischen Jahres: âZuerst blieb die FrĂŒhjahrsbelebung aus und ab April stiegen die Arbeitslosenquoten. Aus 5,6 Prozent zu Jahresbeginn wurden im April schon 6,1 Prozent, im August sogar 6,9 Prozent (entsprechend 34â 503 Arbeitslosen) und zum Jahresende 6,4 Prozent (32â 122). Im Vergleich zu den jeweiligen Monaten des Vorjahres schlugen die Quoten schon zu Jahresbeginn vier bis fĂŒnf Prozent auf, ab April schlagartig 18 Prozent und im Juli, Oktober und November sogar 26 Prozent. âWir hatten schon mit einer Steigerung gerechnet, weil die Zahlen jahrelang sankenâ, versuchte Krause eine Relativierung. Im Rhein-Sieg-Kreis lagen die monatlichen Steigerungen etwa zwei Prozent unter denen von Bonn. Krause schlussfolgert: Bisher sei die im Dienstleistungssektor starke Bundesstadt von der Konjunktur unbeeindruckt gewesen.
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Doch nun habe sie sich als pandemieanfĂ€llig erwiesen, wĂ€hrend der stĂ€rker gewerblich geprĂ€gte Rhein-Sieg-Kreis sich widerstandsfĂ€higer zeige. Und ein weiteres Mal relativiert Krause: Die aktuellen Arbeitslosenzahlen seien mit denen von 2007 vergleichbar. âDamals war das fĂŒr uns ein Boom-Jahr. Doch nach der Finanzkrise 2008/09 haben wir uns an eine verbesserte Situation mit riesig gewachsener Zahl an sozialversicherungspflichtig BeschĂ€ftigten gewöhnt.â âAuf der Arbeitslosenseite ist es gar nicht so dramatischâ, findet Krause und verweist auf die Zu- und AbgĂ€nge in der Arbeitslosenstatistik. Im MĂ€rz wurden 1921 Menschen aus dem Agenturbezirk arbeitslos, im April 3141. âWenn wir jemanden an der Bushaltestelle fragen wĂŒrden, wĂŒrde der sagen: ,Was soll ich mich bewerben, wer wĂŒrde jemanden einstellen?â Aber das ist nicht so. Im August gab es ein Plus gegenĂŒber dem Vorjahr, ebenso im November.â Der Arbeitsmarkt sei nicht tot.
Jugendarbeitslosigkeit
Ăblicherweise werden viele 15- bis 25-JĂ€hrige im FrĂŒhjahr arbeitslos. âEs beunruhigt mich normalerweise nicht, weil der Markt diese gut ausgebildeten jungen Leute meist nach 100 Tagen aufgenommen hatâ, sagte Krause. Doch diesmal habe das nicht stattgefunden. âWir hoffen sehr, dass es kein Ausfall ist, sondern es sich um eine zeitliche Verschiebung handelt.â Die ab September sinkende Jugendarbeitslosigkeit gebe Hoffnung: âPerspektivisch braucht unsere Region diese ausgebildeten FachkrĂ€fte.â Aus 2221 arbeitslosen Jugendlichen im Januar wurden im April plötzlich 2632. Im August waren es sogar 3319, zum Jahresende 2615.
Ăltere Arbeitslose
10â 692 Menschen zwischen 50 und 65 Jahren waren in diesem Jahr arbeitslos. Dies sei âdurchaus pandemiebedingt auf höherem Niveauâ, sagte Krause, relativierte aber: âSeit mindestens einer Dekade werden Belegschaften Ă€lter. Die Babyboomer kommen in die letzte Dekade ihrer ErwerbstĂ€tigkeit.â Verglichen mit 2010, als 7489 Ă€ltere Menschen im Agenturbezirk ohne Arbeit waren, ist das eine Steigerung um ein Drittel.
Freie Stellen
Das Angebot freier Stellen war durch die Covid-19-Pandemie laut Arbeitsagentur âstark beeintrĂ€chtigtâ. Krause: âEinen RĂŒckgang hĂ€tten wir ohnehin gehabt, weil wir auf Rekordniveau waren und es langsam abschmolz.â 16â 465 freie Stellen wurden 2020 gemeldet â 9069 weniger als im Jahr zuvor.
Kurzarbeit
10â 161 Betriebe haben aktuell Kurzarbeit angezeigt, was mehr als 100â 000 Arbeitnehmer betrifft. Krause: âEs ist aber nicht so grauenhaft, wie es auf den ersten Blick scheint.â Es habe eine Spitze im April gegeben. Im August hĂ€tten 2700 Betriebe mit etwas mehr als 20â 000 Betroffenen tatsĂ€chlich Kurzarbeit angemeldet. Angezeigt waren 92â 700, um diese Abrechnungsmöglichkeit zu haben. Zur zweiten Welle, fĂŒr Oktober und November, habe es viele VerlĂ€ngerungs- und sogar Neuanzeigen gegeben, so Krause. âDas heiĂt nicht, dass alle RĂ€der still stehen. Nicht mal ein Viertel der Unternehmen hat Arbeitsausfall ĂŒber 50 Prozent.â Der durchschnittliche Arbeitsausfall betrage 38,2 Prozent. Der letzte amtlich endgĂŒltige Wert ist von Juni: In 3941 Betrieben wurde kurzgearbeitet. 33â 191 Arbeiter waren betroffen.
BeschÀftigung
Zur sozialversicherungspflichtigen BeschĂ€ftigung gibt es laut Krause ein âAllzeithoch.â Mit 343â 986 im Agenturbezirk stagniert sie gerade.
Ausblick
Trotz der Unterbrechung von Lieferketten geht es dem Gewerbe in Rhein-Sieg unerwartet gut. Die Pandemie ĂŒberlagere jedoch den digitalen Strukturwandel, fĂŒrchtet Krause. Er werde nach der Pandemie offen zutage treten und ein Bremsklotz beim Neustart sein. Ralf Holtkötter, der Chef des Jobcenters Rhein-Sieg, verweist auf die âverblĂŒffende Innovationskraftâ der Unternehmen an Rhein und Sieg. Einige hĂ€tten sich sehr schnell der Situation angepasst und Masken wie Filter produziert oder Alternativen erschlossen.
Langzeitarbeitslose
Im MĂ€rz und April verdoppelten sich im Bonner Jobcenter, wie dessen Vize-Chef Robert Zirbes meldet, die Antragszahlen. âWir waren zunĂ€chst erschrocken und befĂŒrchteten ein groĂes Problem.â Doch nach dem scharfen Lockdown seien die Zahlen âGott sei Dankâ unter das Vorjahresniveau zurĂŒckgegangen. Nun im zweiten Lockdown gebe es âĂŒberhaupt keine Auswirkungâ. Faktisch werden aktuell keine MaĂnahmen erzwungen. Im Rhein-Sieg-Kreis lag die Zahl der Menschen in Grundsicherung laut Holtkötter im Dezember wieder auf Vorjahresniveau â trotz des Anstiegs im MĂ€rz und April. Es sei gelungen, per Telefon und Mail den Kontaktbedarf der Menschen zu decken. 4700 Langzeitarbeitslose wurden trotz der Pandemie in Arbeit gebracht. Die Jugendarbeitslosigkeit liege sogar auf dem niedrigsten Niveau seit GrĂŒndung der Grundsicherungsstelle im Rhein-Sieg-Kreis. Mit mehr Vermittlern, intensiver Arbeit und guten MaĂnahmentrĂ€gern sei das gelungen. Viele MaĂnahmen funktionierten bereits âhybridâ , also teilweise online. Dies sei ein Fingerzeig fĂŒr die Zukunft. Es mĂŒsse nicht mehr jeder aus dem Kreis den âirren Wegâ nach Siegburg antreten. âDas könnte uns sehr weiterbringen.â
Wanderbewegung
Zwar mussten sich im Jahr 2020 Tausende Menschen im Raum Bonn eine neue Arbeit suchen, doch habe es kaum Wanderungen zwischen Branchen gegeben. So seien die stÀrksten AbgÀnge aus Dienstleistungsbranche, Handel und dem Gesundheits-Sozialwesen doch in gleicher Reihenfolge von diesen Branchen wieder aufgenommen worden.


