Bonn/Gaschurn – Die Szenen haben sich tief in seine Erinnerungen gebrannt. Vor allem die Geräusche: Das Schlagen des Teleskopstockes im Sekundentakt auf Arme und Oberschenkel, das Krachen des dicken Astes auf dem Kopf, das warme Blut, das über das kalte Gesicht lief und das seltsame Brummen des grünen Autos, das am 15. Dezember 2014 in das Tal bei Gaschurn im Vorarlberg einfuhr, um das Grauen in seine Heimat zu bringen. Im Bonner Prozess um Geiselnahme, Entführung und Freiheitsberaubung, erzählte Jakob R. (alle Namen geändert), ein 26-jähriger Österreicher, was ihm an diesem Tag widerfahren ist. Die Schilderungen des Mannes waren so eindringlich und die erzählten Erlebnisse so sinnlich-erfahrbar, dass im Gerichtssaal 2.20 allen der Atem stockte.
Der Einbruch der Gewalt in dieses beschauliche Tal mit den saftigen Wiesen, Wildbächen und einer einzigen Kreuzung kam mit einem 24-jährigen Bonner, der von seiner rasenden Eifersucht gesteuert und eskortiert von zwei „Freunden“ Jakob R. an der Bushaltestelle abfing. Der Bonner hatte eine einzige Mission: Er wollte seine langjährige Freundin Alina K., die ein halbes Jahr zuvor den Gaschurner bei einem Skiurlaub kennengelernt hatte, zurückholen und den Mann, „mit dem sie jetzt Spaß hat“ abstrafen. „Eine Lektion erteilen“, nannte er seine Strafaktion, die er zuvor wiederholt mit Droh-SMS und Anrufen angekündigt hatte. Dass die Drohungen real werden könnten, damit hatte das Liebespaar nicht gerechnet. In dem abgelegenen Tal fühlten sie sich geschützt.
„So einen aggressiven Menschen habe ich noch nie gesehen“, schilderte Jakob R. den 24-Jährigen, der ihm sogleich („Wir regeln das unter Männern“) mit einem Faustschlag ins Gesicht begrüßte: „Seine Augen waren weiß vor Zorn, seine Worte zischten durch Zähne, die zusammengepresst waren.“ Dann bekam Jakob R. auch schon eine Pistole in den Mund geschoben: „Ich hatte Todesangst, wie ich sie noch nie hatte.“ Aber das war erst der Auftakt zu einem Martyrium, das anderthalb Stunden dauerte, und von dem er nicht glaubte, dass er es überleben wird.
„Ich wollte aber an diesem Tag nicht sterben. Ich habe mich ganz auf mich selbst konzentriert und habe auf dem Weg in den Wald von meinen Tal Abschied genommen.“ Der „Henkersplatz“, den er selbst aussuchen sollte, war ein einsamer Holzsammelplatz im Wald. Hier musste er sich auf einen Stein setzten und wurde gefoltert: Mit dem Schlagstock vor allem, und besonders qualvoll mit einem Elektroschocker, mit dem der Rächer Brust und Arme, dann gezielt sein Genital traktierte. Damit es besonders wirksam ist, wurde auch altes Wasser aus einer Blechdose über seine Hose gekippt. Der Schmerz sei jedes Mal unbeschreibbar gewesen. Der 24-Jährige habe ihm einen Tannenzapfen zwischen die Zähne gesteckt, damit er nicht laut schreit.
Dann war das Akku des Schockers leer. Er habe fast jubiliert, obwohl es weitere, wilde wütende Schläge mit dem Ast gab, bis er blutete und liegenblieb. Die Männer gingen, er sollte bis 300 zählen, aber dann hörte er erneut Schritte: „O Gott, jetzt knallen sie dich ab.“ Sie kamen wieder, mit Alina, die während der Misshandlungen vom dritten Angeklagten im Auto bewacht wurde. Die 21-Jährige wurde gezwungen, ihn anzusehen und musste laut abschwören, ihn niemals wiederzusehen. Aus Angst hatte sie es versprochen. Dann verschwanden alle. Das grüne Auto fuhr weg.
„Es war eine Stille wie nach einem Sturm. Ich hörte den Fluss, ich roch den Waldboden. Ich habe es überlebt!“ Er stand auf, ging zum Fluss, wusch sich das Blut aus dem Gesicht und bedeckte seinen gebrochenen Finger mit dem Ärmel. Zehn Minuten sei er zu Fuß gegangen, bis er zum Gasthof „Zum Adler“ kam und Freunde benachrichtigen konnte. Im Krankenhaus erzählte er, er sei vom Holzstapel gefallen. Die Ärzte glaubten ihm das nicht und holten die Polizei. Die Angst, dass der Freundin etwas geschieht, die noch in der Gewalt des Trios war, sei zu groß gewesen. Aber ihr gelang es, noch an diesem Tag bei ihren Eltern in Bonn Schutz zu finden. Sie hatte es auch geschafft, heimlich die Polizei zu alarmieren. Weihnachten erst meldete Jakob R. sich bei Alina. Eine Woche brauchte er Zeit, um ihr zu verzeihen. Denn mit ihr kam auch das Grauen in sein Tal, „einem Ort, wo so was einfach nicht passiert.“
