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Seit einem Jahr in BornheimUkrainische Familie hat sich schon ein bisschen eingelebt

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07.03.2023-bor-Familie Lilia Frolova (v.l.) mit ihren Töchtern und Ehemann Mykola Frolov. Foto: Margret Klose

Nach Sechtem ist Lilia Frolova (l.) mit ihrer Familie jetzt umgezogen. Die Frage, ob sie bleiben oder wieder in die Ukraine zurückkehren wollen, ist noch unbeantwortet.

Die aus der Ukraine stammende Familie Frolov wohnt seit gut einem Jahr in Bornheim. Von Dnipro sind sie über Polen nach Deutschland gekommen, nun leben sie in Sechtem. Sie schildern, wie sie sich in der Fremde einleben.

„Es geht uns langsam besser“, sagt Lilia Frolova (32). Vor ein paar Tagen sind sie und ihr Mann Mykola Frolov (37) mit ihren drei Töchtern Katja (12), Liesa (9) und Mascha (5), ihrer Cousine, deren Töchter und der 62-jährigen Mutter von Waldorf nach Sechtem gezogen. „Jetzt haben wir alle ein bisschen mehr Platz“, sagt die 32-Jährige. Kaum zu glauben, aber die Familie aus der Ukraine wohnt nun schon fast ein Jahr in Deutschland. Die beiden großen Töchter gehen längst in Merten die Schule, Nesthäkchen Mascha hat einen Kindergartenplatz in Dersdorf. „Eigentlich ist jetzt erst einmal alles perfekt“, sagt Frolova.

Aber kleinste Geräusche und Gerüche können bei Kriegsflüchtling Lilia Frolova immer noch Panik auslösen. Hektisch sucht sie dann automatisch nach einer Fluchtmöglichkeit für sich und ihre Kinder – bevor sie sich selber beruhigt: „Wir sind ja in Sicherheit – hier ist kein Krieg.“ Familie Frolova lebte im ukrainischen Dnipro. Die Stadt ist nach Kiew, Charkiw und Odessa die viertgrößte Metropole des Landes. „Wir hatten dort eine schöne Wohnung“, berichtet die 32-Jährige. Ihr Mann war Elektriker, sie war Englischlehrerin. „Ich habe in derselben Schule gearbeitet, in die auch die beiden ältesten Töchter gingen“, sagt sie. Alles sei gut gewesen – bis zum 24. Februar 2022, dem Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine. Seitdem hat sich das Leben der Familie völlig verändert.

„Jeden Tag und jede Nacht heulten seitdem die Sirenen“, berichtet die 32-Jährige. Immer wieder musste sie mit den Kindern in den nächsten Luftschutzbunker flüchten. Stundenlang hätten sie mitunter dort ausharren müssen. Todesangst sei ihr ständiger Begleiter gewesen. „Die Angst war einfach überall, am Tag und in der Nacht“, erklärt sie. Am 11. März 2022 seien wieder die Raketen geflogen. Wieder hätten sie im Luftschutzkeller gesessen, als sie die nahen Einschläge hörten. Fensterscheiben zerbrachen und irgendwo war ein Feuer ausgebrochen. „Erst später haben wir erfahren, dass es auch einen toten Zivilisten gegeben hat“, berichtet Mykola Frolov.

Nach dem Angriff kam die Flucht nach Deutschland

07.03.2023-bor-Spielen hilft, um die langen Zeiten im Luftschutzkeller zu vertreiben. Repros: Margret Klose

Stundenlang musste die Familie in der Ukraine in Luftschutzkellern ausharren.

Am 14. März, zwei Tage nach diesem Angriff, haben sie die Situation einfach nicht mehr ertragen. „Wir haben ein paar Sachen zusammengepackt und sind gegangen, weg aus dem vertrauten Umfeld, weg von Freunden, der Familie und weg vom Krieg“, in eine für sie völlig unbekannte und ungewisse Zukunft. „Es war jetzt eine andere Angst, die mit uns unterwegs war“, schildert es der 37-jährige Mykola Frolov. Es war die Furcht vor dem Ungewissen. „Wir kannten ja zuerst weder die Sprache, noch die Mentalität der Menschen in Deutschland“, erklärt er.

Allein das Gefühl, in der Fremde mit den Mädchen alleine klarkommen zu müssen, habe ihnen Angst und Kummer bereitet. Aber die Bedenken, die Kinder könnten durch diesen Krieg zu Schaden kommen, sei noch viel größer gewesen. Ihnen zuliebe hätten sie ihre Heimat verlassen. „Die Kinder sollten ohne Angst vor Luftangriffen, Gewalt, Tod und den schrecklichen Geräuschen der detonierenden Raketeneinschläge heranwachsen“, sagt seine Frau. Zuerst sind sie mit dem Bus bis an die polnische Grenze gefahren, gingen dann zu Fuß weiter. Sie hatten Glück, der Stau war an diesem Tag relativ klein. In Polen wurde die Familie mit einem Bus zu einem Zentrum für ukrainische Flüchtlinge gebracht. „Dort bekamen wir auch Essen und zu trinken“, erinnert sich Lilia Frolova.

07.03.2023-bor-Unbeschwertes Spielen war erst wieder in Bornheim möglich gewesen - hier auf einem ausgestellten Traktor. Foto: Margret Klose

In Bornheim konnten die Kinder zum ersten Mal wieder unbeschwert spielen.

Ein Mann habe der ganzen Familie dann angeboten, sie in seinem Auto mit nach Deutschland zu nehmen – nach Köln und von dort nach Bornheim. Zurückblickend sei es die richtige Entscheidung gewesen. „Wir alle müssen aber noch fleißig Deutsch lernen“, lacht die 32-Jährige. Im Minijob betreut sie zurzeit ukrainische Kinder, während deren Eltern die Deutschkurse besuchen. Noch haben sie sich nicht mit der Frage auseinandergesetzt, ob sie nach dem Krieg in Deutschland bleiben oder zurück in die Ukraine gehen wollen. Es sei ja gar nicht absehbar, wie die wirtschaftliche Lage im Kriegsland sein wird. „Dort ist jetzt ja alles kaputt“, sagt sie. Mykola Frolov hofft, bald die Erlaubnis zu bekommen, den Führerschein Klasse D zu machen. Denn er hat einen Traum: „Ich möchte Busfahrer werden, am liebsten direkt hier in Bornheim.“