Rhein-Sieg-Kreis – „Es war dunkel und furchtbar still. Es gab das Nichts und kein Gefühl. Doch heute kann ich mit Güte sagen: Ich lebe und habe mich selbst getragen.“ Mit diesen vier Zeilen beschreibt der Musiker, Autor und ehemalige Journalist Dirk Roggenbach seine Empfindungen, als ihn völlig unerwartet ein Schlaganfall ereilte. „Damals“ hat er dieses kurze Gedicht genannt. Dieses „damals“ war 2009. Roggenbach war gerade 34 Jahre alt. Kein Alter, in dem man damit rechnet, plötzlich aus dem Leben gerissen werden zu können.
Hilfe muss vor allem ganz schnell kommen
Heute, am Tag gegen den Schlaganfall, blickt er für die Rundschau zurück auf jenes Ereignis im März, das sein Leben von einer Sekunde auf die andere veränderte. „Ich saß wie so oft an meinem Schreibtisch, als plötzlich mein rechter Fuß einschlief. Anschließend wurde mein Bein warm. Ich bemerkte eine innere Unruhe. Wenige Sekunden später folgte die linke Seite. Ich legte mich auf den Boden und fühlte mich wie in einem Tunnel. So stelle ich mir die Panik und die Angst kurz vor dem Tod vor.“ So beschreibt der heute 45-jährige, der lange Zeit in Roisdorf lebte, seine Empfindungen. Er hatte Glück, dass er nicht allein in seiner Wohnung war und nach seiner damaligen Freundin rufen konnte, die blitzschnell reagierte und den Notarzt rief. Was folgte, war ein Filmriss. An die folgenden Stunden kann er sich nicht mehr erinnern. „Ich muss ein schlimmes Bild im Krankenhaus abgegeben haben.“ So sagte es ihm seine mittlerweile verstorbene Mutter danach. Dem Umstand, dass er nicht alleine zu Hause war, verdankt Roggenbach sein Leben. Viele seien heute Singles und lebten ohne eine Partnerin, dies könne im Ernstfall ein Problem sein. Ihm hätte auch sein Handy nicht helfen können. Er sei nicht mehr in der Lage gewesen, selbst Hilfe zu rufen.
Risiko Einsamkeit
Der bundesweite Tag gegen den Schlaganfall steht 2021 unter dem Motto „Erst einsam, dann krank – Kümmern schützt vor Schlaganfall.“ Soziale Isolation und Einsamkeit gelten als besonderer Risikofaktor. Gerade in Corona-Zeiten braucht es daher besondere Konzepte, wie die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe (www.schlaganfall-hilfe.de) betont. Sie bildet ehrenamtliche Schlaganfall-Helfer aus und appelliert an Nachbarn, Freunde und Angehörige, sich um Menschen zu kümmern, die von Einsamkeit bedroht sind oder alleine leben.
Besteht der Verdacht auf diese Krankheit, hilft die FAST-Regel: Der Betroffene soll zuerst lächeln. Hängt dabei ein Mundwinkel herab, zeigt sich eine Lähmung im Gesicht. Fällt ein ausgestreckter Arm herunter, kann dies ein Indiz sein. Eine Sprachstörung lässt sich feststellen, indem man die Personen einen einfachen Satz sagen lässt. Sind Anzeichen vorhanden, ist per 112 der Notarzt zu rufen. (fes)
Auf schnelle Hilfe kommt es aber an: Je rascher die betroffene Person behandelt wird, desto größer sind die Chancen, keine bleibenden Schäden davonzutragen. Darauf weist der Rhein-Sieg-Kreis hin. Oft seien die Symptome nicht eindeutig, daher sei es wichtig, den FAST-Test zu kennen. „FAST steht hierbei als Abkürzung für Gesicht (Englisch face), Arme (arms), Sprache (speech) und Zeit (time)“, erklärt die Leiterin des Kreisgesundheitsamtes Dr. Kirsten Hasper, „bei diesem Test werden in der Reihenfolge der Buchstaben einige Bewegungen abgefragt, die bei einem Schlaganfall nicht mehr vollständig ausgeführt werden können.“ (siehe Kasten).
Da es sich bei der Krankheit immer um einen medizinischen Notfall handele, gehören die Patienten auch während des Lockdowns sofort ins Krankenhaus, mahnt Hasper. Viele scheuten sich jedoch, die 112 zu wählen und einen Krankenwagen zu rufen in der Hoffnung, die Beschwerden würden von alleine wieder verschwinden: „Diese falsche Hoffnung kostet aber wertvolle Zeit und kann sehr schlimme Folgen haben.“ Viele Betroffene würden zum Pflegefall oder würden sterben.
Der harte Weg zurück ins Leben
Den Weg zurück in ein halbwegs normales Leben erkämpfte sich Roggenbach mit einer dreijährigen Reha. An Spätfolgen leidet er bis heute. Seine Motorik ist eingeschränkt, er kann keine langen Strecken mehr laufen. Da er lichtempfindlicher als früher ist, geht er meist nicht ohne Sonnenbrille vor die Tür: „Im Vergleich zu damals, direkt nach dem Schlaganfall, ist das ein Riesenfortschritt. Ich kenne andere, die das nicht geschafft haben.“
Seine Erlebnisse verarbeitet der Künstler in Songs, Büchern und Gedichten. 2016 veröffentlichte er die Autobiografie „lichtschatten“, in der er auch von seiner Zeit als Journalist und Musiker der Band „Firerock“ erzählt, mit der er 1994 im Vorprogramm von Nena in der Bonner Rheinaue auftrat. Derzeit schreibt er an einem Rückblick auf seine Krankheit. Auch nach zwölf Jahren hat er ständig Angst, dass ihm so etwas noch einmal passieren könnte. Seine Botschaft: Nicht nur Ältere kann der Schlag treffen.
