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Interview mit Andreas Nöthen
„Die Szenerie in Rio ist schon einmalig“

Lesezeit 7 Minuten
Ein FC-Fan an der Copacabana: Auch zur Olympia bleibt Andreas Nöthen seiner Lieblingssport und seinem Club treu.

Ein FC-Fan an der Copacabana: Auch zur Olympia bleibt Andreas Nöthen seiner Lieblingssport und seinem Club treu.

Rio de Janeiro – Herr Nöthen, haben Sie schon besondere „olympische Momente“ in Rio de Janeiro erlebt?

Wir waren auf dem Olympiaboulevard unterwegs und die Stimmung ist schon sehr speziell. Die Brasilianer sind sicher nicht die größten Organisatoren, machen aber durch Fröhlichkeit und Begeisterungsfähigkeit einiges wieder wett. Wir trafen einen Seifenblasenmacher aus der Schweiz, einen Schwimmer aus Tansania, hörten viel Deutsch in der Menge. Olympia ist zu einem tollen, bunten Fest geworden, trotz der teilweise berechtigten Kritik im Vorfeld.

ZUR PERSON

Andreas Nöthen (43) wurde in Bonn geboren, wuchs in Meckenheim auf und ging in Rheinbach zur Schule. Zuletzt lebte er in Frankfurt. Gemeinsam mit Frau Wiebke und den Kindern Ella und Edgar (6) wohnt er seit Anfang Februar in Rio de Janeiro. Nöthen ist von Beruf Journalist. Seine ersten Artikel schrieb er für die Bonner Rundschau, es folgten ein Volontariat und eine Anstellung als Redakteur bei der Rhein-Zeitung/Mainzer Rhein-Zeitung. Danach arbeitete er bei der Immobilien Zeitung. Über seinen Alltag in Brasilien schreibt er in seinem Blog www.hallorio.de.

Ist die Stadt in diesen Tagen anders als sonst?

Voll ist es an der Copacabana immer. Und auch der Verkehr ist, wie immer, nahe dem Infarkt. Aber natürlich sieht man überall in der Innenstadt und in der Südzone Menschen in Landesfarben zu den Veranstaltungen ziehen. Man hört viele Sprachen. Und ein positiver Nebeneffekt: die Metro-Stationen sind endlich mal vernünftig ausgeschildert, das darf auch gerne nach den Spielen so bleiben. Auffällig: Viele versuchen, sich ein Stück vom Olympiakuchen abzuschneiden. Wer irgendetwas gelb-grünes auftreiben kann, macht an einem der Hauptwege einen Straßenstand auf und versucht, das an Touristen zu verkaufen. Der informelle Sektor hat aufgrund der Krise in den vergangenen Monaten spürbar zugenommen, die Leute verkaufen teilweise ihren Hausstand, um über die Runden zu kommen. Darum ist den Händlern nur zu wünschen, dass die Touristen Souvenirs bei ihnen kaufen – Bierbecher, Fahnen, T-Shirts was auch immer.

Werden Sie selbst noch Wettbewerbe besuchen?

Ja, Donnerstag geht es zum Bronzespiel der Herren im Hockey und Samstag zum Modernen Fünfkampf. Dort soll es ja sogar deutsche Medaillenhoffnungen geben.

Wie hat es Sie und ihre Familie überhaupt nach Brasilien „verschlagen“?

Meine Frau Wiebke und ich hatten schon immer Hummeln im Hintern und sind gerne und viel verreist. Und wir hatten uns, als wir uns 1996 in England im Studentenwohnheim kennenlernten, vorgenommen, irgendwann noch einmal im Ausland längere Zeit zu leben. 20 Jahre später klappte es dann. Meine Frau ist Lehrerin an der Escola Alema Corcovado, der deutschen Schule in Rio de Janeiro. Dass es allerdings Brasilien wurde, darauf hatten wir keinen Einfluss. Die Bewerbung geht in ein Zentralregister, auf das die Schulleiter der Auslandsschulen Zugriff haben. Diese kontaktieren dann die jeweiligen Wunschlehrer. Südamerika hatten wir gar nicht auf dem Schirm, wir konnten ja weder Spanisch noch Portugiesisch. Deshalb hatte uns schon überrascht, als aus Rio die Mail kam, in der stand „Haben Sie Lust hier zu unterrichten?“ Zuerst mussten wir beide schlucken, aber bei Rio konnten wir einfach nicht widerstehen. Ein Angebot aus China hatten wir abgelehnt, auch wegen der Kinder. Das wäre ein zu krasser Schritt gewesen.

Haben Sie sich schon eingelebt in ihrer neuen Heimat?

Inzwischen haben wir uns gut eingefunden. Die Kinder wurden hier eingeschult und kommen gut klar – das ist natürlich sehr wichtig, dass sie sich auch wohlfühlen. Auch meine Frau hat das erste Halbjahr gut überstanden. Das Leben ist hier natürlich anders. Nichts geht einen normalen Weg. Ständig tun sich Hindernisse auf, die man irgendwie umschiffen muss. Sei es bei der Wohnungssuche, dem anschließenden Mietvertrag oder anderen Dingen, bei denen Behörden, Ämter oder Institutionen involviert sind. Selbst um auf der Bank eine Rechnung bezahlen zu können, muss man, wie man es in Deutschland vom Einwohnermeldeamt kennt, eine Nummer ziehen und warten. Ebenso bei der Post oder im Schnellrestaurant. Brasilianer scheinen Bürokratie noch mehr zu lieben als wir Deutsche. Auch die Menschen sind super. Sehr herzlich, offen und hilfsbereit. Durch die Schule und die Kinder haben wir schnell Kontakt zu Kollegen oder Miteltern gefunden, die Kinder waren schon auf etlichen Kindergeburtstagen – und da gehen die Eltern immer mit. Was das angeht, wurde uns der Übergang sehr leicht gemacht.

Was gefällt Ihnen besonders gut in Rio de Janeiro?

Die Stadt ist ein Hingucker, die Szenerie ist schon einmalig. Hier ist alles dicht beisammen: Berge, Urwälder, natürlich die Strände. Der Freizeitwert ist hoch. Es gibt im Stadtgebiet viele lohnende Ausflugsziele und Wanderwege. Auch das Wetter ist angenehm. Die Sonne scheint viel. Momentan ist es ja Winter, dennoch hatten wir heute 33 Grad Celsius. Aber auch die Menschen sind einfach nett. Man kommt leicht ins Gespräch, spätestens beim Fußball ist alles gut, wenn man das 7:1 von der WM nicht erwähnt. Dieser Schmerz sitzt sehr tief in der brasilianischen Seele, das spürt man.

Und worauf könnten Sie im Alltag gerne verzichten?

Der Verkehr mit seinen ständigen Staus kann schon sehr nerven, man kann beinahe die Uhr danach stellen. Wir haben schon einmal freitagabends für den Rückweg vom Strand in Ipanema nach Botafogo, wo wir wohnen, über eine Stunde gebraucht, für vier oder fünf Kilometer. Und auch der Bürokratiefetischismus kann an den Nerven zerren, zumal es bei der nächsten Gelegenheit von vorne losgeht.

Ach, und noch was: Anders als in deutschen Supermärkten ist hier nicht immer alles vorrätig. Das heißt: Siehst Du etwas, was Du gerne haben möchtest, aber vielleicht erst beim nächsten Mal brauchst, nimm es trotzdem mit. Beim nächsten Besuch könnte es weg sein, oder doppelt so teuer.

Wie klappt es mit der portugiesischen Sprache?

Portugiesisch ist nicht leicht. Als alter Pallottiner dachte ich, ich hätte durch sechseinhalb Jahre Lateinunterricht eine gute Grundlage. Aber entweder habe ich damals nicht richtig aufgepasst, was auch sein kann, oder die Unterschiede sind doch recht beachtlich. Die Grammatik hat es wirklich in sich. Es ist wirklich schwer, einen mittellangen Satz unfallfrei hinzukriegen, die Präpositionen sind echt die Hölle. Doch der Alltag klappt eigentlich gut. Wenn man die Leute hin und wieder bittet, etwas langsamer – mais devagar – zu sprechen, kommt man gut klar. Das Lesen von Zeitungen klappt dagegen ganz gut. Aber bis ich mal ein tiefgreifendes Gespräch über Politik oder Philosophie führen kann, dürfte es noch ein Weilchen dauern. Doch unsere Sprachlehrerin Karla wird uns das schon einbimsen mit der Zeit. Dafür klappt das auf Englisch und viele Bekannte sprechen auch Englisch, was uns manchmal auch etwas faul macht, muss ich zugeben.

Können Sie auch für deutsche Medien aus Brasilien berichten?

Inzwischen berichte ich hin und wieder für einige Medien - Berliner Morgenpost und dpa waren schon darunter, oder die Frankfurter Neue Presse. Aber die großen Themen - politische Krise, Impeachment gegen Präsidentin Rousseff, Wirtschaftskrise, Korruptionsskandal oder Zika-Virus haben es bislang relativ schwer gemacht, mit anderen Themen durchzustoßen. Hinzu kommt, dass das Geschehen in Südamerika in Deutschland nur ein Randthema ist. Und: Die weitere Nachrichtenlage scheint den Kollegen wenig Zeit zu lassen, den Blick einmal hochzunehmen. Dabei gibt es hier etlichen spannenden Lesestoff quasi auf der Straße – den findet man in meinem Blog www.hallorio.de. Während Olympia schreibe ich nichts, das schaue ich mir als Tourist an. Für den Sport reisen meist die Spezialisten an, von vielen Sportarten hätte ich auch keine Ahnung. Da geht vieles einfach nur über persönliche Kontakte. Richtig viel konnte ich berichten, als wir Rio verließen und den Urlaub in Curacao verbrachten.

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