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Ernte in Meckenheim
„Preise für Äpfel sind zum Heulen“

Resistenter, süßer, knackiger: Suzanna Felten setzt auf eine Neuzüchtung mit dem Arbeitstitel „Wurtwinning“. Foto: Meike Böschemeyer

Resistenter, süßer, knackiger: Suzanna Felten setzt auf eine Neuzüchtung mit dem Arbeitstitel „Wurtwinning“.

Krankheiten und Schädlinge gab es im vorigen Jahr in den Apfelplantagen rund um Meckenheim kaum, und die Witterung war günstig.  Nun sind jedoch die Lager voller denn je, und der Preis im Keller.

„Menge und Qualität haben gestimmt“, bekräftigt der Meckenheimer Obstbaumeister Manfred Felten. Der Preis, den der Großhandel zahle, liege allerdings unter den gestiegenen Produktionskosten und sei schlechterdings „zum Heulen“. 30 bis 70 Cent gibt es je Kilo. Die Gründe hierfür sieht der Herr über 23 Hektar Obstplantagen unter anderem in der „Überproduktion in Europa“. Im Hofladen verkauft Ehefrau Suzanna Felten die eigenen Äpfel zu einem „fairen Preis“, sodass die Produktionskosten hereinkommen. Jede Woche hat Felten außerdem zwei Sorten zu 1,40 Euro das Kilo im Angebot. Der „Wurtwinning“ hat einen Dauereinführungspreis von 1,60 Euro das Kilo. Der „Apfel mit der kuriosen Bezeichnung“ – weil er vom niederländischen Züchter Fresh Forward noch keinen Namen hat – ist laut Suzanna Felten ein Kassenschlager: „Wurtwinning schmeckt so gut, dass sogar Menschen, die jahrelang keinen Apfel gegessen haben, wieder zugreifen.“

Der neue Apfel „Wurtwinning“

Einige Kunden, die früher andere Sorten gekauft hätten, entschieden sich jetzt für Wurtwinning, „weil er so schön fest und aromatisch ist.“ Ehemann Manfred ist schon lange überzeugt von dem süßen bis fein säuerlichen Apfel. Vor etwa sechs Jahren hat er ihn das erste Mal am Versuchsstandort Klein Altendorf probiert. „Ein Apfel ist ein Genussmittel, also muss er schmecken!“ Diese Bedingung erfülle die Neuzüchtung, die auf der Meckenheimer Pilotanlage wachse, und sie habe eine „noch nie dagewesenen Crunchigkeit“, schwärmt Felten. Dieses englische Wort soll das knusprige Bissgefühl beschreiben. Seine Widerstandsfähigkeit gegen Pilze musste der neue Apfel bei seiner Premiere noch nicht beweisen, aber seine überragende Hitzeresistenz. Felten vermutet, dass das mit der späten Rotfärbung zusammenhängt: „Der Apfel hängt länger hell am Baum und nimmt dadurch weniger Hitze auf.“ Andere Sorten fallen mit weichen bräunlichen Flecken auf, wo Fruchtfleisch unter der Schale „gekocht“ hat. Die Äpfel waren zudem überdurchschnittlich süß: mit einem Zuckeranteil von 17 statt der üblichen 14 Prozent.

Das Experiment ist geglückt, hat Felten aber einigen Mut abverlangt. Aus Lizenzgründen darf er den Wurtwinning nur im Hofladen und an Selbstabholer abgeben: „Meine größte Sorge war, nicht so viele Äpfel verkaufen zu können und am Ende mit einem Überschuss von 18 Tonnen dazustehen.“ Vor einem Jahr hat Felten die Blüten „runtergeschnitten“, um das Wachstum der 2500 Bäume zu fördern. Auch Biobauer Michael Rönn in Meckenheim-Ersdorf hatte an der Ernte „sehr viel Spaß“ – bis die erste Abrechnung kam. 65 Cent pro Kilo sind ihm bestätigt worden. Der gesamte Biobereich packe gerade Geld drauf, denn ein Kilo Äpfel koste ihn 1,20 Euro. Rönn: „Wir leben von der Substanz und müssen sehen, dass es weitergeht. Von den wenigen Äpfeln, die ich für 3,25 Euro das Kilo im Hofladen verkaufe, kann ich nicht leben.“ Weil Kunden zudem momentan preisbewusster einkauften, sei der Hofladenverkauf eingebrochen.

Mit dem Großhandel ist kein Überleben möglich

Von seiner Ernte – 500 Tonnen – habe er 90 Prozent an den „viel zu mächtigen“ Großhandel verkauft, sagt Rönn: „Der Handel fährt mit unseren Produkten Werbung, aber es wird billig eingekauft, um zum normalen Preis zu verkaufen.“ Für den Obst- und Gemüsebau sieht der Obstbauer in dritter Generation unter diesen Voraussetzungen keine Zukunft: „Wenn nichts Gravierendes passiert, wird der Sonderkulturbereich in Deutschland bald dichtgemacht.“ Betriebsleiter Karl-Josef Wiesel vom Obstbau-Versuchsgut Campus Klein Altendort kennt die Probleme alle. Er sieht das veränderte Kaufverhalten der Konsumenten als Herausforderung. Der Apfel sei eben nicht als Grundnahrungsmittel einzustufen. Um den Abverkauf in Schwung zu bringen, würden im Handel die Preise gesenkt: „Und wenn die einmal unten sind, ist es schwierig, sie wieder nach oben zu bringen, vor allem, wenn es genug Ware gibt.“ Für den Verbraucher ist das zunächst gut. Er bekommt im Handel durchweg gute Qualität zu niedrigen Preisen. Eine Erholung dieser Situation, glaubt Wiesel, könne erst dann wieder eintreten, wenn die Ernte geringer ausfalle: „Ob es so kommen wird, weiß ich nicht, denn das Kaufverhalten der Menschen verändert sich.“


Zahlen

1,1 Millionen Tonnen Äpfel sind im vorigen Jahr in Deutschland geerntet worden, sagt das Statistische Bundesamt. Das sind etwa 66.000 Tonnen mehr als im Jahr zuvor. Im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre seit 2012 brachte die Ernte 2022 sogar 100.000 Tonnen mehr – 10,3 Prozent. Der Apfel ist mit großem Abstand das am häufigsten geerntete Baumobst in Deutschland. (gvt)

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