1500 Jahre altFunde aus Gräbern in Bonn-Beuel präsentiert

Vorsichtig wurden die Gräber aus drei jahrhunderten freigelegt und die Grabbeigaben gesichert.
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Bonn – Ein Grab, in dem nur der Torso eines Pferdes liegt, klingt nach dem Beginn eines Tatort-Krimis. Doch dass der Kopf fehlt, hat einen simplen Hintergrund: „Er ist aus Platzgründen abgetrennt worden“, erläutert Dáire Leahy. Er ist der Grabungsleiter des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR) und kümmerte sich mit seinen Kollegen zwischen Mai und Oktober 2018 um die Merowingergräber, die im Neubaugebiet an der Straße Am Köppekreuz in Beuel gefunden wurden.

Bei der Präsentation konnten die Besucher einige Fundstücke begutachten, die bereits restauriert wurden.
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Bei der Präsentation, die mehr als 50 Anwohner verfolgten, kommentierte er die Resultate. Am Ende des Baufeldes fanden sie auf 2220 Quadratmetern 73 Grabfelder mit zahlreichen Beigaben. Jeweils 20 Frauen und Männer sowie neun Kinder und fünf Pferde erblickten das Tageslicht, 19 Funde konnten die Experten nicht mehr zuordnen. Sie stammen aus der Zeit 500 bis 550 n. Chr. bis ins 8. Jahrhundert.
Die Merowinger
Die Merowinger waren das älteste Königsgeschlecht der Franken und gewinnen ab dem 5. Jahrhundert an Bedeutung, bis sie Mitte des 8. Jahrhunderts von den Karolingern abgelöst werden. Nach ihnen wird die Epoche des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter im gallisch-germanischen Raum Merowingerzeit genannt. Vor allem in germanisch besiedelten Teilen Europas zeichnen sich die Gräber dieser Epoche durch zahlreiche Grabbeigaben aus. Sie stellen wichtige archäologische Quellen dar und finden sich in den südlichen und westlichen Teilen Deutschlands sowie anderen Ländern im Rheingebiet. (r.)
Exemplarisch stellte Leahy eine „Patchwork-Familie“ vor und zeigte die Besonderheiten auf. Der „Vater“ lag in einem der ältesten Gräber, die aufgrund von Verfärbungen im Boden gut zu erkennen waren. Zahlreiche Waffen begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Ein Schild lag neben dem Schädel, Wurfaxt, Messer, Speer, Kreuzschwert und eine bronzene Gürtelschnalle sowie eine Schere aus Eisen, ein Trinkhorn und ein Keramikgefäß verweisen auf die Mitte des 6. Jahrhunderts: „Ein typisches Waffengrab, das aus Brettern und Steinen errichtet war“, so Leahy.
Auch das Pferd wurde begraben
Die „Mutter“ starb 150 Jahre später. Sie war wohlhabend, denn in ihrem Grab lagen mehr als 100 Beigaben. Silberne Ohrringe, die vermutlich in Konstantinopel (heute Istanbul) angefertigt wurden, eine Halskette, ein Ring mit Glaseinlage plus ein Riemen am Gürtel, an dem wahrscheinlich ein Messer hing, zeigen, dass es der Frau zu Lebzeiten gut ging.
In einer Kammer aus Tuffstein fand sich das „Kind“. Das Mädchen, das mit ungefähr acht Jahren verstarb, trug eine Perlenkette und Ohrringe, in dem Grab lagen zudem römische Gefäße aus dem 3. Jahrhundert. Das Pferd musste übrigens nicht nur ohne Kopf, sondern auch ohne Beigaben seine Ruhestätte einnehmen. Die Hälfte der Gräber wurden geplündert, was Leahy der Kirche zuschreibt: „Sie wollte im frühen Mittelalter keine heidnischen Gräber mehr, also wurden sie systematisch ausgeraubt.“ Davon zeugten Skelettreste, die kreuz und quer im Grab verstreut waren.

Dieses Trinkhorn wurde im Grab eines Mannes gefunden.
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Die Gräber waren dem LVR seit den 1960er Jahren bekannt, doch erst durch die Bauanfrage des Unternehmens Bonava war es möglich, dort auf Entdeckungsreise zu gehen. 500 000 Euro kostete die Firma das Projekt: „Wir hoffen, dass uns der Betrag teilweise zurückerstattet wird, sagt Bonava-Projektleiterin Mirella Mikolajewska. Sie „befürchtet“ weitere Gräberfelder im Baugebiet. Der LVR empfiehlt, den Bereich nicht zu bebauen, sondern das hochkarätige Bodendenkmal, das dem Denkmalschutz unterliegt, zu umbauen: „Wir wollen die Stadtentwicklung nicht verhindern, sondern die Archäologie als Quelle erhalten“, stellte Martin Vollmer-König vom Landschaftsverband klar.
Bauprojekt
Die Baulandentwicklung für weitere Mehrfamilienhäuser an der Grabungsfläche sowie Umfang und Zeitplan sind noch unklar. Seit 2015 ließ die Bonava Am Köppekreuz 18 Mehrfamilienhäuser mit 327 Miet- und Eigentumswohnungen mit einer Wohnfläche von 20 400 Quadratmetern errichten. (lh)
Einige Fundstücke konnten die Besucher vor Ort begutachten, sie wurden bereits restauriert. Zur genauen Identifikation trugen die Wissenschaftler vorsichtig die Erdschichten ab und versetzten die Funde, so gut es ging, in ihren ursprünglichen Zustand. Diese Arbeiten laufen noch, die Ergebnisse will der LVR im kommenden Frühjahr präsentieren.
