Bonn – 3824 Städte und Gemeinden im Deutschen Reich ehrten den Generalfeldmarschall und späteren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg mit der Ehrenbürgerwürde. Vielerorts tragen immer noch in Deutschland (West) Straßen und Plätze den Namen des seinerzeit populären Militärs und Politikers - auch in Bonn (Hindenburgplatz in Kessenich) und Bad Godesberg (Hindenburgallee). Die Stadt Bonn verlieh Paul von Hindenburg im Jahre 1933 (zusammen mit Adolf Hitler) die Ehrenbürgerwürde.
Schon seit längerem wurden in Bonn Stimmen laut, die forderten, Hindenburg wegen seiner Rolle bei der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler im Januar 1933 im nachhinein die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen und Allee beziehungsweise Platz umzubenennen. Zuletzt beschäftigten sich im Jahre 2000 politische Gremien in Bonn mit dem Thema. Im Interesse der betroffenen Anwohner in Godesberg und Kessenich sprach man sich gegen eine Umbenennung aus.
Kein Beschluss, sondern eine "erste Lesung"
Paul von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934) wurde mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs als General reaktiviert und verschaffte sich wenig später (Ende August 1914) zusammen mit General Erich Ludendorff als Befehlshaber der 8. Armee mit der Vernichtung einer russischen Arme nahe der ostpreußischen Ortschaft Tannenberg im Deutschen Reich eine ungeheuere Popularität. Im August 1916 wurde er zusammen mit Erich Ludendorff Chef der Obersten Heeresleitung (OHL), die aufgrund ihrer Machtfülle bis zum Ende des Weltkriegs quasi eine "Militärdiktatur" ausübte und Kaiser Wilhelm II. und die amtierende Reichsregierung völlig an den Rand drängte. Die Erklärung des uneingeschränkten U-Boot-Krieges 1917 erwies sich als fatale Fehleinschätzung, da es die USA aufseiten der Alliierten in den Weltkrieg führte.
Paul von Hindenburg sorgte 1919 mit der sogenannten "Dolchstoß"-Erklärung in einem Reichstagsausschuss, der sich mit den Ursachen der Niederlage des Deutschen Reiches auseinandersetzte, für böses Blut und erbitterte Diskussionen im Reich. Danach seien die Truppen "im Felde unbesiegt" gewesen und von den "Novemberrevolutionären" durch den Waffenstillstand in Compiegne bei Paris "von hinten erdolcht" worden. Hindenburg tat dieses Ausspruch wider besseren Wissens, da er und Erich Ludendorff in der "Augustkrise" 1918 von der sich abzeichnenden Niederlage der deutschen Armeen an der Westfront überzeugt waren und die Reichsregierung in Berlin drängten, mit den Alliierten umgehend in Friedensverhandlungen einzutreten.
Aufgrund seiner nach wie vor großen Popularität in der Bevölkerung ließ sich Paul von Hindenburg 1925 von den Rechtsparteien im Reichstag auffordern, für das Amt des Reichspräsidenten zu kandidieren. Hindenburg wurde im zweiten Wahlgang gewählt. Obwohl erklärter Monarchist, übte er das Amt zunächst buchstabengetreu und sehr gewissenhaft aus. Doch mit dem Einsetzen der Weltwirtschaftskrise und dem Erstarken der NSDAP verlor Hindenburg die Übersicht und geriet immer mehr in Abhängigkeit zu einer "Kamarilla" um den Staatssekretär im Reichspräsidialamt, Otto Meißner, seinem Sohn Oskar von Hindenburg, General Kurt von Schleicher und den Zentrumspolitiker Franz von Papen.
Obwohl Paul von Hindenburg gegen Adolf Hitler ursprünglich ein tief sitzendes Misstrauen hegte, versagte er Ende Januar 1933, als er - besonders durch den Einfluss von Franz von Papen, der ihm einredete, man könne Hitler durch ein Präsidialkabinett wirkungsvoll "einrahmen" - Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler ernannte. Hindenburg deckte auch das "Ermächtigungsgesetz" im März 1993, das den Reichstag ausschaltete und Hitler uneingeschränkte Macht ohne Parlamentskontrolle einräumte. Wohl auch aufgrund einer fortschreitenden Senilität durchschaute Hindenburg nicht den radikalen Griff Hitlers zur Diktatur. Selbst die Mordserie der SS gegenüber der SA beim sogenannten "Röhmputsch" im Juni 1934, der auch sein Vertrauter Kurt von Schleicher zum Opfer fiel, billigte Paul von Hindenburg. Er starb am 2. August 1934 und wurde im Tannenberg-Ehrenmal in Ostpreußen beigesetzt. Seine letzte Ruhe fand Hindenburg 1945 auf Veranlassung der US-Militärbehörden in der Elisabethkirche in Marburg. (al)
Der in Bonn ansässige "Verein Wissenskulturen", der sich unter anderem mit den "Phänomenen des gesellschaftlichen Wandels" befasst, hatte sich im Frühjahr erneut des Themas "Umbenennung und Aberkennung der Ehrenbürgerwürde" angenommen und hierzu im Mai einen Bürgerantrag formuliert. Der Bürgerausschuss des Rates diskutierte jüngst erstmals über dieses Thema. Unter dem Strich befürworten die meisten Mitglieder des Ausschusses zumindest die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde für Paul von Hindenburg. Die Verwaltung betonte, dass man sich in diesem "konkreten Fall" einer Umbenennung "aufgeschlossen" zeige. Auf Antrag von Dieter Steffen (CDU) wurde beschlossen, wegen des "sensiblen Themas", die Sitzung als "erste Lesung"zu betrachten und noch keine Beschlüsse zu fassen. Das Gespräch mit den Bürgern solle gesucht werden.
Der Vorsitzende des "Vereins Wissenskulturen", Dr. Michael Paetau, erläuterte im Bürgerausschuss die Gründe, die für eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürde Hindenburgs sprächen. Paetau bezog sich auf eine Erklärung der Stadt Bonn aus dem Jahre 2009, "entschieden gegen Gewalt, Diskriminierung, Ausgrenzung und Rassismus" vorgehen zu wollen. Hindenburg sei kein Symbol für Gewaltfreiheit, Völkerverständigung und Demokratie: Er habe sich eher von Expansionsstreben und antidemokratischen Überzeugungen lenken lassen.
Dass sich an der Person Paul von Hindenburg nach wie vor die Geister scheiden, wurde auch im Bürgerausschuss deutlich. Paul Hartwig hatte einen Antrag auf Beibehaltung der Ehrenbürgerwürde und und der Straßennamen gestellt. Seine Argumentation zielt in die Richtung, dessen Rolle bei der Ernennung Hitlers mit allen Folgen nicht ausschließlich aus der historischen Distanz zu beurteilen. Zum Verständnis: Hindenburg zögerte im Jahre 1932, Hitler zum Reichskanzler zu bestellen. Er forderte ihn im Sommer 1932 auf, in ein breites Bündnis der Rechtsparteien einzutreten, das über eine Mehrheit im Reichstag verfüge. Hitler lehnte ab.
Münster schuf Fakten
In Bonn wird noch diskutiert, in Münster sind Ende März Fakten geschaffen worden. Da wurde der Hindenburgplatz auf Ratsbeschluss, dem Bürgeranträge und eine historische Kommission "vorgeschaltet" waren, in Schlossplatz umbenannt. Die Auswertung einer Bürgerbefragung zu diesem Thema ergab, dass die Hälfte der Befragten für eine Umbenennung des Platzes votierten. Immerhin: Ein gutes Drittel der Befragten stimmte für eine Beibehaltung des Platznamens, wobei zu berücksichtigen ist, dass viele befragte Münsteraner angaben, keine tieferen Kenntnisse zur Person von Paul von Hindenburg zu haben.
Das strittige Thema wird in der Bezirksvertretung Bonn am 28. August beraten, am 29. August in der Bezirksvertretung Bad Godesberg.
