Rhein-Sieg-Kreis – Trotz steigender Lebensmittelpreise, eklatantem Personalmangel und inflationärer Energiekosten rückt für viele Gastronomen ein weiteres Thema allmählich in den Fokus. Das EU-Verpackungsgesetz ändert sich zum 1. Januar 2023. Im neuen Jahr müssen sogenannte Letztvertreiber, zu denen auch Gastronomen gehören, neben Einwegverpackungen und Einweggetränkebechern zusätzlich eine Mehrwegalternative anbieten. Von dieser Regelung ausgenommen sind Betriebe, die maximal fünf Mitarbeiter beschäftigen oder lediglich über eine Größe von 80 Quadratmetern verfügen.
Den Hotel- und Gaststättenverband Dehoga Nordrhein hält das Thema auf Trab. So hat der Branchenverband gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Meckenheim die ortsansässigen Gastronomen bereits zweimal eingeladen. Dabei wurden die neuen Regelungen vorgestellt und wurde umfassend über mögliche Lösungen sowie geeignete Mehrwegsysteme informiert. Die Gastronomen sollen bei der Einführung eines geeigneten Mehrwegsystems unterstützt werden. „Wünschenswert wäre vor allem, eine möglichst einheitliche Lösung für Meckenheim zu finden, um so den größtmöglichen Nutzen für die Betriebe und die Kundschaft zu erzielen“, erklärt Sonja Crämer von der städtischen Wirtschaftsförderung. Dieses Ziel scheint gegenwärtig noch ein Stück weit entfernt zu sein.
Mehrweg als vorteilhaftes Marketinginstrument?
Doch das Engagement der Stadt für ihre Gastronomen wird von der Dehoga anerkannt. „In seinen Bemühungen, die einheimische Gastronomie-Szene rechtzeitig und fachgerecht zu unterstützen und für das Thema zu sensibilisieren, nimmt die Stadt Meckenheim eine Vorreiterrolle ein“, lobt Michael Söntgen, Referent im Außendienst der Dehoga. Ihm sei daran gelegen, dass die Gastronomen das neue Gesetz nicht als Bürde empfinden, sondern die Chancen erkennen. „Es wäre wünschenswert, dass viele Betriebe die Novelle als vorteilhaftes Marketinginstrument nutzen, um die Kundenbindung zu vertiefen“, verweist Söntgen auf positive Effekte. Darüber hinaus sei es für die Gastronomen ratsam sich zu vernetzen. Je mehr sich auf ein einheitliches System verständigen können, desto mehr Vorteile ergeben sich daraus für die Gäste, so Söntgen. Mit diesem Ansinnen befinden sich Branchenverband und Stadt auf einer Linie.
„Die Teilnahme an einem Poolsystem – im Gegensatz zu Individuallösungen – ist mit sehr geringem Einführungsaufwand verbunden“, hebt auch Sonja Crämer die Vorteile einer gemeinsamen Lösung hervor. So könnten die teilnehmenden Anbieter Anschaffungskosten sparen und die Poolsystemanbieter stellten sicher, dass die Gefäße lebensmittelecht und gastrogeeignet sind. Die Verpackungen der Poolanbieter hätten den Vorteil, ausreichend getestet worden zu sein. Darüber hinaus ergäben sich Vorzüge bei der Organisation der Rückgabe des Mehrweggeschirrs, beim Bestandsmanagement und in der Kommunikation mit Kunden, so Crämer. „Bei den Veranstaltungen in Meckenheim wurden Mehrwegsysteme von vier verschiedenen Poolsystemanbietern beispielhaft präsentiert. Zudem gab es ausführliche Informationen über alle derzeit auf dem deutschen Markt befindlichen Anbieter“, führt Crämer an.
Nach ihrer Auskunft waren zu den Veranstaltungen insgesamt 47 Betriebe aus Meckenheim eingeladen. Zur ersten Informationsveranstaltung am 8. Juni kamen 16 Teilnehmer aus insgesamt zwölf lokalen Betrieben, die zweite Veranstaltung am 10. August, bei der eine gemeinsame Lösung vorangebracht werden sollte, haben 13 Teilnehmer aus neun Betrieben besucht. Gastwirte, die nicht an den Veranstaltungen teilgenommen haben, erhielten alle Informationen im Nachgang per E-Mail oder Post.
Müllvermeidung bei Firma Mauel schon länger Thema
Vertreter der Firma Mauel, die in Meckenheim mit drei Cafés präsent ist, haben die Veranstaltungen mit großem Interesse verfolgt. Das Thema Müllvermeidung stehe bei Mauel schon länger auf der Agenda, versichert Geschäftsführer Andreas Schneider. So sei der Absatz von Heißgetränken To go seit dem Ausbruch von Corona spürbar gestiegen. Für die Mitnahme werden firmeneigene Porzellanbecher genutzt. „Uns kommt die Gesetzesnovelle durchaus gelegen“, sagt Schneider. Jeden Kunden künftig auf die Wahlmöglichkeit hinzuweisen, dürfe den Absatz der Becher weiter erhöhen. Aus Sicht des Marketings sei die Regelung daher positiv. Die Teilnahme an einem Poolsystem komme für die Firma allerdings gegenwärtig nicht in Betracht. „Wir müssten dann auch Teller, Schüsseln und Besteck zurücknehmen, die von anderen Betrieben zuvor ausgegeben wurden. Da bei uns Mahlzeiten zum Mitnehmen keine Rolle spielen, wäre ein gemeinsames System zu aufwändig“, so Schneider.
Während der Lockdowns spielte das To-go-Geschäft im Restaurant „Zum Fässchen“ erstmals eine tragende Rolle, erzählt Chefin Andrea Stangl. Mittlerweile sei diese Welle aber wieder abgeflaut, wobei manche Stammgäste ihr Essen nach wie vor auf Porzellantellern abholen, für die die Stangls kein Pfand nehmen. Eine Poollösung ist momentan kein Thema: „Das wäre für uns zu zeitintensiv. Wir bevorzugen eine individuelle Lösung“, sagt sie. Für italienische Restaurants dürfte die Gesetzesänderung besonders bedeutsam sein. Pizzen zählen schließlich traditionell zu den To-go-Rennern. Familie Ercosman aus dem La Campana überlegt gegenwärtig noch, welches Mehrwegsystem passen könnte.
Gemeinsame Lösung wird weiter verfolgt
Das gilt auch für Mert Kumtepe aus dem benachbarten „Il Mattone!.Jens Pfannkuch, Chef des Restaurants „Stellwerk“ am Meckenheimer Bahnhof, ist mit seinen Überlegungen schon etwas weiter. „Bowls, Burger und Co. außer Haus laufen sehr gut“, sagt Pfannkuch. Der Gastronom habe die Angebote für Mehrwegverpackungen deshalb schon länger unter die Lupe genommen. Für eine eventuelle Poollösung favorisiere er das System von Hygiene Express, einer Meckenheimer Firma, die sich als Spezialist für Hygiene- und Gastronomiebedarf versteht. „Diese Firma bietet den Charme einer regionalen Lösung, die zudem preislich akzeptabel wäre und gute Lagermöglichkeiten bietet“, meint Pfannkuch.
„Die Umsetzung einer gemeinsamen Lösung mit möglichst vielen Meckenheimer Betrieben ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht konkret absehbar, wird aber weiter verfolgt“, schätzt Crämer den Stand der Diskussion ein. Dabei stehe die städtische Wirtschaftsförderung für Fragen und Anregungen weiterhin jederzeit zur Verfügung.
