Dokument einer KatastropheEvi Baumgartner hat die Flut in Heimerzheim gefilmt

Evi Baumgartner bei der DLRG in Bonn.
Copyright: Evi Baumgartner
Swisttal – Als die Flut im Sommer 2021 Heimerzheim vereinnahmte und niemand wusste, wie hoch das Wasser noch steigen würde, zückte Evi Baumgartner ihr Handy und begann zu filmen, was sie sah. Weil die 58-Jährige am Morgen am Abzweig zum Haus Weidenbrück unter fassungslosen Menschen steht, die nur mühsam Parallelen zum Hochwasser von 1961 und 1984 ziehen können, da sich einfach niemand richtig erinnert, beschließt sie, eine Filmdokumentation von der aktuellen Katastrophe zu erstellen. Die ist nun fertig und wirklich sehenswert. 44 Betroffene hat Baumgartner vor die Kamera bekommen und schon viel Beifall für ihren gut einstündigen Film erhalten.
„Das übersteigt alles, was unser Dorf bislang gesehen hat“, schoss es ihr schon am ersten Tag der Flut durch den Kopf. Zwar arbeitet Evi Baumgartner in der Filmbranche, aber im organisatorischen Bereich. Mit privaten Filmen von Festen und Familienereignissen hat sie allerdings Erfahrung. Auch eine Dokumentation gibt es bereits von ihr – über die Whirly-Girls, eine internationale Vereinigung von Hubschrauberpilotinnen. Denn sie ist selbst eine und staunte wegen ihrer Mitgliedsnummer 1037, wie wenige es davon weltweit gibt. Nun drängte sich ein zweites Mal aus persönlichen Gründen eine Dokumentation auf.
Auf der Suche nach Strom steckengeblieben
Auch wenn Evi Baumgartner als junge Frau mit der Familie von Heimerzheim nach Metternich zog und seit Jahren in Dünstekoven auf Gut Capellen lebt, tat es ihr doch weh, wie Heimerzheim unterging. „Fünf Tage hatten wir keinen Strom. Von überall gab es Meldungen von Evakuierungen, aber nicht für Dünstekoven. Ich brauchte am Morgen Strom fürs Handy und bin darum nach Heimerzheim gefahren. Kurz nach 8 Uhr“, erinnert sie sich. „Der Verkehr stockte, aber man konnte bis zum Höhenring fahren. Hinter mir Feuerwehr und Rettungswagen, DLRG, von vorne Polizei. Es war laut. Das hatte ich noch nie so erlebt.“

Evi Baumgartner am Schnittpult.
Copyright: Evi Baumgartner
Und als sie kurz darauf am Rande des Wassers stand und hörte, wie die Menschen Vermutungen über frühere Hochwasser anstellten, dachte sie: „Ich muss das festhalten, damit die Leute in 30, 40 oder 50 Jahren nicht wieder Vermutungen anstellen.“ So war sie zuerst der Beobachter am Rande. Im Film kommen viele Privataufnahmen hinzu, und dass sie teils unscharf sind, wird wohl niemanden stören – außer die Macherin des Films.
Sie war nicht ganz allein mit ihrer Idee: „Ein Fotograf stand am ersten Morgen auf der anderen Seite des Wassers, Dirk Restel. Der wollte ein Buch machen, und wir haben beschlossen, zusammen Betroffene zu interviewen, um die Leute nicht doppelt anzusprechen.“ Das Buch ist noch nicht fertig, aber wegen des Films fühlte Baumgartner Zeitdruck. „Wenn ich es jetzt nicht mache, dann ist es zu sehr in der Vergangenheit“, fand sie und nahm zum Jahrestag der Flut einen Trailer auf, den sie im Internet zeigte.

Der Film zum Hochwasser 2021.
Copyright: Evi Baumgartner
Die Zahl der Interviewten limitierte sie absichtlich. „Ich habe für mehr als sechs Stunden Filmmaterial. Aber wer schaut so eine lange Dokumentation an? Ich wollte nicht, dass jemand zu kurz kommt.“ Sie wunderte sich, wie offen die Menschen letztlich mit ihr sprachen. „Es gab ein großes Vertrauen, das ich sehr schätze. Die kannten mich ja nicht.“
Für das Gedächtnis der Gemeinde
Doch so einfach war es nicht. Beim ersten Rundgang war der WDR dabei. Und als sie mit jemandem sprach, dessen Fachwerkhaus komplett zerstört ist, war der sehr barsch. „Die Medien wollen doch nur Sensation“, bekam sie zu hören und konterte: „Ich bin nicht Medien, sondern ganz privat. Es ist für das Gedächtnis unserer Gemeinde. Da wurde es etwas lockerer.“ Die Menschen verstanden: Der Filmerin aus dem eigenen Ort ging es nicht um Trümmer, sondern die Erzählung.
Den Film hat sie komplett alleine erstellt und finanziert. „Deshalb hat es auch so lange gedauert. Skript, Kamera, Ton, Moderation, Licht, Schnitt – da hat ein Kollege bei den Feinheiten noch geholfen – alles in Personalunion.“ Das nötige Equipment kam wie von selbst herbei. Gerätehersteller liehen ihr das Nötigste, und ein Verkäufer auf einer Internetplattform unterstützte sie als er erfuhr, wozu sie die Ausrüstung brauchte.

Die Flut rauscht durch Heimerzheim.
Copyright: Evi Baumgartner
„Ich habe auch im Schlamm gestanden und geholfen, Böden und Wände rauskloppen. Aber der Film ist mein Beitrag als Spende“, sagt Baumgartner. Letztlich habe sie auch eine kleine Förderung vom Heimatministerium erhalten und für die Vervielfältigung der DVDs verwendet, die an die „Protagonisten“, wie sie sagt, gingen. Spenden, die sie nun mit dem Film generiert, gibt sie komplett an Betroffene weiter. Zahlen muss niemand, um den Film zu schauen.
Und ist sie zufrieden? „Sehr! Ich bin sehr glücklich, dass es fertig ist. Kürzlich ist der Film in der evangelischen Kirche in Heimerzheim gezeigt worden, und es waren sehr viele da. Die Resonanz war extrem positiv – wenn man bei solch einem Ereignis davon sprechen kann.“

Die geflutete Burg Heimerzheim.
Copyright: Evi Baumgartner
Sie ist auch froh, dass es nun die von ihr erwünschte Dokumentation für ihren Heimatort gibt. „Das Erscheinungsbild von Heimerzheim hat sich in Stunden um 180 Grad gedreht. Alleine unten auf der Kölner Straße. Es ist schön zu sehen, dass wieder Geschäfte da sind. Aber es ist nicht wie vorher, und das wird es auch nie mehr.“ Sie vermisst das Handelshaus, in dem sie mit ihrer Mutter als Kleinkind einkaufen war. „Es ist bitter, dass so ein Geschäft durch sowas auf der Strecke bleibt.“ Und ihr schießen noch andere Namen von Geschäften durch den Kopf, die es nun nicht mehr gibt.„Die Medaille hat immer zwei Seiten“, tröstet sie sich: „Vieles ist auf der Strecke geblieben, aber vieles ist auch neu, was vielleicht nie so entstanden wäre.“
Die Flut hat sie aber auch nachdenklich gemacht: „Man fühlt sich immer so sicher, wie in einem Kokon. Aber dieser sichere Kokon hat Risse bekommen.“ Hat sie Angst? „Nein, überhaupt nicht. Auch nicht, wenn es regnet. Aber mir ist nochmals bewusst geworden, wie allmächtig die Natur ist. Sie ist am längeren Hebel.“
Gänsehaut und Respekt
Baumgartners größter Respekt gehört Veronika Reichelt, der Seniorwirtin aus der Gaststätte „Zur Linde“. „Wie sie das verarbeitet hat! Und dann die Szene, als sie sich tragen lassen musste, weil sie nicht klettern kann und sich mit Gedanken an ihre 90 Jahre alte Mutter Mut machte.“ Die Filmerin wird auch die Geschwister Meyer nie vergessen, die sich nach einer Woche erst getraut haben, beim Helferpoint vorbeizugehen, weil Pflaumenkuchen ihr Lieblingskuchen ist. „Da bekomme ich Gänsehaut. Diese Generation, die sich nicht traut, weil sie anderen keine Arbeit machen will. Der Pflaumenkuchen hat es geschafft, sich zu überwinden.“
Die Gemeinde Swisttal wird einen Film bekommen, und mit Schulen hat Baumgartner gesprochen. „Für nächstes Jahr plane ich noch drei kleinere Filme.“ Sie will auch zeigen, was nach der Flut aus dem Gasthaus zur Linde oder der Burg Heimerzheim geworden ist und vermitteln: „Wir lassen uns nicht unterkriegen, bauen wieder auf.“
