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Fluthelfer Kai Imsande aus SwisttalVom Flutschlamm in den Modder von Wacken

4 min
Kai Imsande aus Odendorf im Schlamm von Wacken

Kai Imsande aus Odendorf im Schlamm von Wacken

Wer sich aus dem Flutschlamm von Odendorf gekämpft hat, kann in Wacken nur Erholung finden. Fluthelfer Kai Imsande hat sich dort unter Menschen und Modder begeben, um abzuschalten.

Wacken versinkt in Matsch, und unter Normalsterblichen bricht Panik aus. Die Anfahrt soll gestoppt werden, alles viel zu gefährlich ... nicht jedoch für Menschen, die durch die Flut und den Schlamm vom Juli 2021 gegangen sind. Kai Imsande aus Odendorf, in seinem Heimatort schlicht das Gesicht der Fluthilfe, hat sich absichtlich für ein paar Tage unter "Menschen und Modder" gemischt, wie er sagt. 

"Ich will zu Iron Maiden, das ist mein Highlight", sagt Imsande. Elf Stunden Anfahrt hat er dafür in Kauf genommen, die so lange dauerte, weil es so schwer war, auf das vom Regen aufgeweichte Gelände zu gelangen und sich lange Staus gebildet hatten, sodass gleich Forderungen öffentlich wurden, das Kultfestival der Heavy-Metal-Musikszene abzusagen. Wurde es aber nicht.

Elf Stunden waren in diesem Jahr allerdings eine richtig gute Zeit, weil etliche Open-Air-Fans viel länger brauchten oder abdrehten. "Wir hatten einfach sehr viel Glück", sagte Imsande, den jeder in seinem Heimatort auch wegen seiner pragmatischen Herangehensweise an Probleme, seine scheinbar immer ruhige Art und den unzerstörbaren Optimismus schätzt.

Der Freitag war Imsandes Tag. Da traten Iron Maiden auf. So hatte sich der Odendorfer auch schon früh aus dem klammen Nachtquartier geschält und einen Kaffee besorgt. Er zeltet mitten im Matsch. Kein Problem für ihn. Selfies, die er mit seinem Handy im Matsch angefertigt hat und ins Internet stellte, zeigen ihn stets total sauber. Wie er das schafft in all dem Matsch, ist sein Geheimnis.

Seit Tagen findet er so jedenfalls die Erholung, die er abseits der Fluthelfer-Arbeit in Diensten des Bürgervereins Odendorf mal dringend brauchte. Mal nicht das Unmögliche möglich machen für Nachbarn, denen Handwerker übel mitgespielt haben, deren Versicherung sich immer neue Ausreden ausdenkt oder deren Haus trotz aller Anstrengung wegen Heizöl aus Nachbars Tank in den Mauern zwei Jahre nach der Flut doch noch abgerissen werden muss.

Im "Naturschutzgebiet Wackenmeer", wie jemand auf Pappkarton kritzelte und mit einem Pflock in den Schlamm auf dem Festivalgelände rammte, ist der Dreck vergleichsweise echt und natürlich. Also die reinste Erholung - gefühlt fast so angenehm wie eine Fangoanwendung im Kurbad.

Imsande genießt das bereits seit Tagen. Er hat auch gleich das lebende Wacken-Maskottchen getroffen: „Mambo Kurt“, einen schrägen Heimorgelkünstler, der seit 2004 auf dem Festival von Massen wie ein König verehrt wird. Trotz des Regens hat es Imsande zu einem Selfie mit "Mambo Kurt" geschafft, selbst gut eingehüllt mit Strohhut und Regencape, aber Sonnenbrille in Bereitschaft. Das Starfoto ist schon im Internet zu sehen, wo auch die Geschichte erzählt wird, wie "Mambo Kurt" 2004 erstmals nach Wacken kam.

Ich muss hier spielen, bis ich sterbe
Rainer Limpinsel alias "Mambo Kurt"

Jahrelang hatten ihn die Veranstalter abgelehnt, weil sie sich nicht vorstellen konnten, was ein Heimorgel-Mann beim Heavy-Metal-Festival soll, und nur weil Kurts Fans immer weiter bohrten, hatte er einen Platz auf der kleinsten Bühne, gleich neben den Dixi-Klos, bekommen, mit Platz für 200 oder 300 Zuschauer, ganz ohne Security. Die Premiere ist dann von 2500 Heavy-Metal-Anhängern gestürmt worden; einige kletterten sogar auf Lichtmasten, um Kurt zu erleben, bis von irgendwoher die sechs kräftigsten Ordner herbeigezogen waren und ein wenig Ordnung in den Laden gebracht haben sollen. Soweit jedenfalls die Legende um "Mambo Kurt", der nun auch in der Fotosammlung von Kai Imsande zu finden ist. Und "Kurt", der eigentlich Rainer Limpinsel heißt und als Arzt in Köln lebt, sagt: "Ich muss hier spielen, bis ich sterbe.“

Kai Imsande aus Odendorf mit Mambo Kurth

Kai Imsande aus Odendorf mit Mambo Kurth

"Faster, harder, louder", der Slogan (bedeutet: Schneller, härter, lauter)auf den gigantischen Lautsprechern neben einer der Bühnen ist die Kurzfassung der Ansprüche an die Musik. Sie macht den Kopf frei von anderen Gedanken - und auch von den ständigen Sorgen in Odendorf.

Das klappt gut, so gut, dass Imsande die Rückfahrt einfach ganz entspannt Rückfahrt sein lässt. „Wir hoffen am Sonntag hier abfahren zu können. Mal schauen.“