Berechnungen erfüllen nicht die von Wissenschaftlern deutlich nach oben korrigierten Berechnungsgrundlagen für den Nachweis der Sicherheit im Falle eines Erdbebens.
Nicht ErdbebensicherSteinbachtalsperre darf so nicht befüllt werden

Der Wasserversorgungsverband Euskirchen-Swisttal tagte mit Sondersitzung in Heimerzheim und stellte eine Modellrechnung für einen Dammbruch vor
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Die Steinbachtalsperre darf in ihrem bisherigen Zustand nicht wieder mit Wasser gefüllt werden. Verschärfte Anforderungen an die Standsicherheit solcher Bauwerke für den Fall eines Erdbebens haben bei der Bezirksregierung alle Signale für den beantragten „Wiedereinstau“ auf Rot gestellt.
Zusätzliche Baukosten von mindestens anderthalb oder zwei Millionen Euro sind nach erster Einschätzung des Ingenieurs Christian Lorenz, der für den Wasserversorgungsverband Euskirchen-Swisttal (WES) arbeitet, notwendig, um die Auflagen zu erfüllen. Diese Schätzung teilte er bei einer Sondersitzung des Wasserversorgungsverbands Euskirchen-Swisttal am Mittwochabend in Heimerzheim mit. Seine Kostenschätzung basiert auf der Vermutung, dass der Damm durch eine Schüttung nach außen hin deutlich verdickt werden könnte.
Eine Idee könnte sein, die Wasserseite mit Asphalt zu befestigen. Das säh’ allerdings grausam aus.
Was es kosten würde, wenn die eigentlich wegen ihrer naturbelassenen Umgebung als Ausflugsziel beliebte Talsperre eine harte Innenschale bekommen müsste, um den Damm ausreichend zu stabilisieren, konnte der Ingenieur nicht voraussagen: „Aber eine Idee könnte sein, die Wasserseite mit Asphalt zu befestigen. Das säh’ allerdings grausam aus.“
Eine weitere Möglichkeit, die geforderte Erdbebenstabilität zu erreichen, sieht Lorenz darin, den Untergrund, auf dem der Damm steht, beziehungsweise den Boden davor, zu verdichten. Eine winzige Hoffnung für eine kostengünstige Lösung schwingt mit: Der Wasserversorgungsverband will nun diesen Boden zunächst weiter untersuchen, ob er vielleicht eine höhere Festigkeit hat als in den bisherigen Berechnungen berücksichtigt wurde. Vier Meter tief wurde deshalb schon geschürft. Reicht die Festigkeit nicht, könnte sie eventuell mit Bohrpfählen erhöht werden.
Lorenz erläuterte auch, wie es zu der Überraschung für den WES kam. Grenzwerte für Berechnungen kommen aus der Wissenschaft. Im Fall einer Standsicherheit unter Erdbebeneinwirkung aus Potsdam, aus dem deutschen Geo Forschungs Zentrum. Die Steinbach sei bei ihrer ersten vertieften Sicherheitsüberprüfung im Jahr 2009 mit einem Wert von 113 Zentimetern je Quadratsekunde berechnet worden – ein Wert, der angeben soll, wie viel Last der Boden unter dem Damm trägt, bevor er nach vorne gedrückt wird und der Damm bricht.
In der alten App – heute geht ja alles über Apps – stand ein Wert von 1,41, und damit haben wir gerechnet. In der neuen App steht aber ein Wert von 2,45, und den schaffen wir nur mit zusätzlichen Baumaßnahmen
„In der alten App – heute geht ja alles über Apps – stand ein Wert von 1,41, und damit haben wir gerechnet. In der neuen App steht aber ein Wert von 2,45, und den schaffen wir nur mit zusätzlichen Baumaßnahmen.“ Noch mehr Technisches: „Ein Ingenieur hat den Ausnutzungsgrad berechnet, und plötzlich einen Satz von 109 Prozent erhalten“, sagte Lorenz. Dieser „Ausnutzungsgrad“ darf aber maximal bei 100 liegen, um dem Druck Stand zu halten. Mit der alten Zahl berechnet, war ein Wert unter 90 Prozent herausgekommen – also weit ausreichend.
Für die Bezirksregierung ist der Fall derzeit klar: „Der Nachweis ist nicht erbracht“, die Steinbach darf demnach auch nicht wieder mit Wasser gefüllt werden. Bis wann die Auflage erfüllt werden kann, steht in den Sternen.
Im Rückblick die Evakuierungen 2021 gerechtfertigt
Markus Böhm, Geschäftsführer der e-regio und Verantwortlicher für die Steinbach betonte: Alle bisherigen Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Steinbach 2021 als Regenrückhaltebecken funktioniert und dem Umland in der Flutkatastrophe zusätzliche Zeit beschert habe, um zu reagieren. Der Scheitel, also die Spitzenwelle des Hochwassers, sei um 90 Minuten verzögert worden. Zwar hätten sich in dem Reservoir schon vor der Flut etwa eine Million Liter Wasser befunden, aber es habe noch einen Puffer von etwa 100 000 Litern gegeben, bis das Wasser über die Dammkrone geströmt sei: „Letztlich hat die Talsperre 700 000 Liter zurückgehalten.“
Die Nachricht hatte jedenfalls sehr irritiert
Petra Kalkbrenner, die die Sitzung leitete, drückte ihre Hoffnung aus, dass die nun anfallenden Mehrkosten aus dem Wiederaufbautopf beglichen werden können: „Die Nachricht hatte jedenfalls sehr irritiert.“ Den knapp 40 Besuchern der Sitzung – mehr als 200 waren erwartet worden – räumte sie kein Fragerecht ein. Auch nicht, als das schon lange erwartete „Szenario 2“ von Andreas Förster, Firma Hydrotec, vorgestellt wurde, das die Simulation beinhaltete, wie sich ein Dammbruch während der Flutkatastrophe ausgewirkt hätte.
Förster hatte dazu unterstellt, dass während eines Starkregenereignisses eine überlaufende Staumauer spontan bersten würde und 1,65 Millionen Kubikmeter Wasser sich ihren Weg bahnen würden. Etliche Orte in der Folge wären noch um einiges höher überflutet worden, als dies 2021 der Fall war. Im Modell ergoss sich das Wasser über Essig noch in großer Breite, allerdings wären in Heimerzheim keine wesentlichen Gebiete zusätzlich betroffen worden, weil sich dort der Taleinschnitt stärker auswirkt als auf dem fast flachen Plateau oberhalb. Allerdings hätte der Pegel in Bachnähe 2,20 Meter statt 1,60 Meter betragen.
Böhm betonte, es handle sich um ein „worst worst case-Szenaro“, also den wirklich schlimmsten anzunehmenden Fall, allerdings machte der Planer klar, dass gewisse Fakten nicht berücksichtigt wurden, weil dazu kein Auftrag vorlag – etwa der Bruch der Autobahn am Schießbach, die ansonsten wie ein Damm Wasser zurückhalten würde. Hanns Christian Wagner (CDU) merkte als Verbandsmitglied an: „Diese Zahlen rechtfertigen die Evakuierung von 2021. Vielleicht fließen sie in einen Alarmplan ein. Wir wissen nun, welche Straßen betroffen sind.“
Dammbruchszenario während eines Starkregens
Experten haben mit Computerberechnungen und den ihnen bisher vorliegenden Wasserständen aus der Flutkatastrophe im Jahr 2021 nun berechnet, was ein Bruch des Damms an der Steinbachtalsperre für die Menschen im Abflussbereich des Wassers zusätzlich bedeutet hätte.
Die Simulation zeigt, wie bei einem plötzlichen Dammbruch das Wasser in nur fünf Minuten Schweinheim (Kreis Euskirchen) erreicht und wie der Ort mehr als sechs Meter hoch überspült worden wäre. Nach drei Stunden hätte die Welle Odendorf erreicht und zusätzlich zum Flutwasserstand von 2021, als 1,6 Meter gemessen wurden, nochmals 1,2 Meter Wasser mehr über den Ort gebracht. 2,8 Meter wirft die Computerberechnung als Höchststand für dieses Szenario aus, das die Besucher der Sondersitzung in Heimerzheim auf einer Leinwand nachvollziehen konnten: Der blaue Fleck, der in dem Szenario das Flutwasser darstellte, schob sich nicht nur als Orbach durch Odendorf (Fotos), sondern suchte sich auch einen Weg am Ort vorbei und über bewohnte Gebiete hinweg einen Weg in Richtung Essig, Ludendorf und Miel.
Das Szenario soll in Kürze auf der Internetseite des Wasserversorgungsverbands für jedermann zumindest in Auszügen zu sehen sein. Die Swisttaler Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner erbat sich vom zuständigen Büro, dass die jeweiligen Spitzenwerte für die einzelnen betroffenen Orte im Internet gezeigt werden. Auch die Feuerwehr soll informiert werden, wo Wasser zu erwarten ist und wo nicht.
