Bonn – Zeitgemäß wie die Gegenwart: Zum 31. Mal findet in diesem Jahr das Bonner Sommerkino statt, das sich nach einer bereits sehr erfolgreichen Anfangsphase mit aktuellen Festivalfilmen in einem radikalen Schritt ausschließlich dem Stummfilm widmete. Am Donnerstag eröffneten der restaurierte deutsche Film „Varieté“ von Ewald André Dupont aus dem Jahre 1925 und „The Battle of the Century“ (Alles in Schlagsahne) mit Stan Laurel und Oliver Hardy das Festival im Arkadenhof der Universität.
Empfang beim Oberbürgermeister
„Mit ,The Battle of the Century' erleben wir heute Abend eine Persiflage auf das Boxen, aber vor allem der Film ,Varieté' ist für die Stadt Bonn von Bedeutung. Schließlich eröffnet im Herbst 2016 das neue GOP-Varieté-Theater im Bonner Regierungsviertel“, begrüßte Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch seine Gäste bei einem Empfang vor Filmbeginn im Alten Rathaus. Auch Sigrid Limprecht, die Leiterin des Festivals, sprach bei der Gelegenheit ihren Dank an alle Förderer aus und entschuldigte den Filmrestaurator Stefan Drößler, der noch im Stau steckte.
Zu dieser Zeit tummelten sich die meisten Stummfilmfans aber schon im Arkadenhof und warteten darauf, dass es endlich dunkel wird. Schließlich ist frühes Erscheinen bei freiem Eintritt Pflicht, und so gab es mit viel Proviant im Gepäck schon vor 21 Uhr große Diskussionen darüber, welcher Film denn nun besser sei. Sabine H. favorisierte vor allem das Drama von Dupont: „Als ich noch jünger war, da habe ich mal einen Film mit Emil Jannings gesehen. Ich war damals verblüfft von seinem Schauspiel und bin deshalb besonders gespannt auf den Abend.“
Nicht nur die Filme faszinieren
Als Stammgast der Stummfilmtage wird sie zu jeder Vorführung erscheinen, so wie auch Bruno Kantel und seine Frau. „Wir besuchen das Festival schon seit 20 Jahren, dabei gab es so einige Höhepunkte. Zum Beispiel, als wir den ersten Titanic-Film, der ja unmittelbar nach der Katastrophe gedreht wurde, hier in restaurierter Fassung sehen durften. Einmal haben wir einen afrikanischen Film gesehen, in dem gezeigt wurde, wie man sich mit einer Mundfüllung Wasser den ganzen Körper waschen kann“, staunte das Ehepaar.
Hervorragend sind aber nicht nur die Filme. Auch die Leistung der Musiker Richard Siedhoff (Piano beim Laurel und Hardy-Film), Günter A. Buchwald (Piano, Viola, Violine) und Frank Bockius (Percussion, beide bei „Varieté“) ist enorm. „Der große Steinway-Flügel ist mindestens genauso beeindruckend wie die Leinwand. Ich bin aber vor allem auf Bockius gespannt, der hier zum ersten Mal die Percussion macht. Überhaupt das Zusammenspiel von Film und Musik live zu erleben ist eine tolle Erfahrung“, schwärmte Ludwig Both, der sich die Instrumente noch in aller Ruhe und aus nächster Nähe anschaute.
Untertitel werden manuell eingespielt
Keine Ruhe vor dem Sturm herrschte hingegen in den Projektionsräumen. Der Meister-Vorführer Peter Sprengler und seine Assistenten liefen umher, um der Technik noch den letzten Schliff zu geben. „Zwar werden beide Filme in digitaler Fassung projiziert, das läuft dann im Grunde nicht anders als im Kino, aber das Material ist sehr empfindlich, und die Untertitel müssen manuell auf die Leinwand projiziert werden. Bei englischsprachigen Filmen geht das noch, aber wenn wir dann die asiatischen zeigen, dann müssen wir aufpassen“, erklärte Mitarbeiter Ansgar Thiele.
Zu Filmbeginn klappte dann aber trotzdem alles: Restaurator Stefan Drößler kam noch rechtzeitig auf die Bühne, um den Startschuss für die Komödie mit Laurel und Hardy zu geben, und auch die Musiker saßen startbereit auf ihren Plätzen. Mit dem warmen Klima, das an diesem Donnerstag herrschte, fühlte man sich dann fast wie auf dem berühmten Italo-Film-Festival in Bologna, das mit seinem einzigartigen Open-Air-Charakter nicht mehr zu bieten hatte als der Arkadenhof.
