Abo

900 Jahre LindweilerDer alte Ofen wird wieder befeuert

3 min

Zum Feuern des Kalkofens bereit: Franz-Josef Schnichels, Rene Klöcker und Helmut Pickartz. Das Kalkbrennen nach altem Brauch wird eine der Attraktionen des Ortsjubiläums in Lindweiler sein. (Foto: Hamacher)

Lindweiler – Keine Kirche, keine Schule, kein Kindergarten, keine Kneipe und mit dem Dorfverein nur ein eigenständiger örtlicher Verein, der die Akzente der dörflichen Geschicke und des gesellschaftlichen Lebens setzt. Und doch, oder gerade deshalb, bildet die Bevölkerung in dem 120-Einwohner-Ort eine verschworene Gemeinschaft, die am Wochenende auf ein stolzes Jubiläum ihres Ortes zurückblicken kann. 1114 wurde die „Ansiedlung Lindwilere“ erstmals nachgewiesen. Der Ortsname wird zurückgeführt auf eine Linde, die wohl schon zu früheren Zeiten den kleinen Dorfplatz mit dem Kreuz schmückte.

Die eigentliche Geschichte des Ortes schrieb jedoch ein erstmals 1212 erwähntes Gut, das zu jener Zeit der Familie Arenberg gehörte, die es dem Kloster Steinfeld schenkte. Unter Graf Lothar von Hochstaden erhielt das Gut die Anerkennung als Adelssitz und wurde dennoch fortan nicht Burg, sondern lediglich als Gut Lindweiler bezeichnet. Später siedelten sich einige Gehöfte um dieses Gut an.

Das Vieh von Tollwut verschont

Weit davon entfernt, ein autarkes Dorf zu sein, begeht der kleine Ort in der Gemeinde Blankenheim am Wochenende 900-jähriges Bestehen. Der Ort bildet mit Rohr eine Pfarrei mit der Pfarrkirche St. Wendelinus in Rohr. Daneben verehrt man in Lindweiler auch einen eigenen Pfarrpatron, den heiligen Hubertus, der das Vieh des Dorfes von der grassierenden Tollwut verschont haben soll. Zu Ehren dieses Schutzpatrons des Wildes und der Jagd werden alljährlich am 3. November die sogenannten „Hubertusbrote“ in der Kirche gesegnet. Noch heute feiert man in Lindweiler die Hubertuskirmes. Die Hauptattraktion der Jubiläumsfeier wird ohne Zweifel ein „Kalkbrennen“ nach historischer Art im 1987 restaurierten Kalkofen sein. Den Kalkofen am nordwestlichen Ortsrand errichtete Mitte des 19. Jahrhunderts der damalige Gutsbesitzer Bernhard C. Steinbüchel und betrieb ihn bis etwa 1920.

Danach geriet der Ofen in Vergessenheit und verfiel. Erst 1986 erfolgte auf Betreiben von Prof. Dr. Werner Kasig von der RWTH Aachen die Freilegung der Reste des Kalkofens. Danach begann die Restaurierung der Anlage, so dass zwei Jahre später ein Kalkbrennen vorgenommen werden konnte. Auch jetzt steht Kasig dem Dorfverein mit Rat und Tat zur Seite. Dazu zog man mit Walter Brandenburg aus Kronenburg einen weiteren praxisnahen Experten hinzu, der den Kalkofen in Kronenburgerhütte bis zuletzt betreute.

Grundlage für den Betrieb des Kalkofens bildeten die hochwertigen Riffkalksteine aus der devonischen Zeit (vor rund 360 Millionen Jahren), die in der Umgebung der sogenannten „Rohrer Mulde“ zu finden sind. Dieses Rohmaterial für die Demonstration der Kalkgewinnung stellte die Firma Müllerkalk in Ahütte zur Verfügung. Das Anzünden des Kalkofens am Freitag um 9 Uhr bildet den Auftakt der bemerkenswerten Feierlichkeiten, von langer Hand geplant vom Dorfverein mit dem Ortsvorsteher und zugleich Vorsitzenden Helmut Pickartz und seinen Vorstandsmitgliedern. Um 19 Uhr trifft sich die Dorfbevölkerung zum obligatorischen monatlichen Dämmerschoppen in der Grillhütte, dem dörflichen Veranstaltungszentrum. Während der Samstag weitgehend dem vergnüglichen Teil des Jubiläums gewidmet ist, setzt der Sonntag andere Akzente. Dann feiern die Bewohner die Messe nicht wie üblich in der Kirche in Rohr, sondern am Kreuz in der Dorfmitte. Danach erfolgt die Enthüllung eines Gedenksteins mit den markanten Daten des Ortes. Dem schließt sich der Festakt an. Um 14.30 Uhr beginnt Kasig seinen Vortrag – und dann wird’s spannend: Der Kalk wird gelöscht und die Ergebnisse des zweitägigen Brennens werden sichtbar.