Euskirchen – Eine kleine Mücke macht den Truppen der alliierten Streitkräfte in Afghanistan Probleme: Die nur ein bis zwei Millimeter große Sandmücke überträgt die für Mensch und Tier gefährliche Krankheit Leishmaniose, die die Einsatzkraft der Truppen in Afghanistan erheblich schwächen könnte. In der Euskirchener Generalmajor-Freiherr-von-Gersdorff-Kaserne und der Mercator-Kaserne haben sich die Spezialisten des Dezernats „Biologie“ des Problems angenommen und alles zusammengetragen, was sie in Datenbanken und gedruckter Literatur finden konnten.
Herausgekommen ist eine eigentlich recht simpel anmutende, aber höchst wirkungsvolle Strategie. Denn die Biologen und Biogeografen um Oberstleutnant Dr. Heinrich Weitz haben herausgefunden, dass Sandmücken selten höher als eineinhalb Meter über dem Erdboden fliegen. Und deshalb lassen sich die vor allem nachts gefährlich stechenden Weibchen durch eine höhere Umfriedung eines Feldlagers wie etwa in Kundus oder Mazar-i-Scharif heraushalten.
Schotter schreckt die Rennmaus ab
„Natürlich ist das nicht die ganze Strategie zum Schutz der Truppe. Deshalb tragen die Soldaten spezielle Kleidung mit Vektorenschutz. Und sie müssen, wenn sie ihre Kampfstiefel anziehen, diese vorher ausschütteln, weil es Skorpione und gefährliche Giftschlangen gibt, die sich gerne auch in Schlafsäcken und Kleidung einnisten, die auf Betten abgelegt wurde. „Wenn die Bevölkerung Fernsehbilder aus dem Lager sieht, fragen sich die Menschen hierzulande, warum der gesamte Bereich geschottert ist. Das hat ebenfalls einen einfachen Grund: Der heißt „Gerbil“ und ist in Asien häufig verbreitet. ‚Gerbil‘ ist die Rennmaus, die sich vorzugsweise in lockerem Sand und Erdreich ihre Bauten gräbt und als Überträger zahlloser Krankheiten gilt. Um die Frauen und Männer im Feldlager vor dem putzigen Nager zu schützen, wurde einfach grober Schotter auf das Gelände aufgetragen“, sagt Dr. Weitz. Das habe die als Krankheitsträger bekannte Rennmaus vergrämt und dafür gesorgt, dass sich der Platz im Frühjahr nicht in eine unpassierbare Schlammwüste verwandelte.
Detailliert haben der Ornithologe Oberstleutnant Dr. Heinrich Weitz, die Biogeografin Major Corinna Krempel und der Zivilangestellte Jens Fricke sowie die übrigen neun Mitarbeiter der „Bundeswehr-Biologie“ auch geholfen, die Soldaten auf den Ausbildungseinsatz in Mali vorzubereiten. „Da ging es darum, die Truppe auf die in Westafrika vorkommenden gefährlichen Insekten und Schlangen vorzubereiten und unsere Piloten auf Gefahren durch Pelikane und andere Vogelschwärme aufmerksam zu machen“, so Dr. Weitz. Auch Gefahren an der Küste von Somalia rufen die Fachleute aus Euskirchen auf den Plan. Nach Anfragen von Schiffsärzten der Marine am Horn von Afrika untersuchten die Rheinländer, welche Gefahren von den dort vorherrschenden Quallen für die Schiffsbesatzungen ausgehen. Dabei stießen die Experten auf die sehr kleinen, aber hochgefährlichen Irukandji, eine Quallenart, deren Tentakel bei Berührung in seltenen Fällen sogar tödlich sein können.
Wer nun glaubt, die Euskirchener Biologie-Fachleute würden sich auf Auslandseinsätze beschränken, der hat weit gefehlt.
Auch im Inland treffen die Lebenswirklichkeit der Soldaten und die Biologie aufeinander. So beraten die Euskirchener Experten die Luftwaffenstützpunkte dabei, wie das Umfeld von Landeplätzen beschaffen sein muss und von wo dort Gefahren für die fliegende Truppe entstehen können. So haben beispielsweise vor Jahren Nussbäume in der Randbepflanzung eines Flugplatzes zu erheblichen Problemen geführt. Die Bäume, von denen sich die Forstverwaltung gute Vermarktungsergebnisse erhoffte, hatten Rabenvögel angelockt. Die konnten die Nüsse aber nicht knacken und ließen sie deshalb aus großer Höhe auf das Rollfeld fallen, wo die Früchte aufplatzten. Die Gefahr bestand, dass Schalen die Triebwerke der Jets zerstören könnten. „Erst als auf unsere Intervention die Bäume abgeholzt wurden, konnten die Piloten dort wieder gefahrlos starten und landen. Und die Landebahn musste nicht mehrmals täglich abgekehrt werden“, schildert Dr. Weitz.
Er und sein Expertenteam stellen die Luftwaffe auf gefährliche Vogelschwärme ein, die die Turbinen von Kampfjets zerstören und zu Flugzeugabstürzen führen könnten. Einer der wohl spektakulärsten Fälle ist die Notwasserung einer Passagiermaschine vom Typ Airbus 320 der US Airways im Jahre 2003 mit rund 150 Menschen im eisigen Hudson River bei New York. „Damals war ein doppelter Vogelschlag von kanadischen Wildgänsen der Auslöser des Unglücks, das dank des Piloten Chesley Sullenberger glimpflich ausging“, erinnert sich Dr. Weitz.
US-Biologen wiesen damals anhand stabiler Isotope in den Zellen der getöteten Gänse nach, dass es sich bei den Tieren um eine nicht in New York ansässige Population von Zugvögeln aus Neufundland handelte und dass es deshalb keinen Sinn machen würde, gegen die in New York heimische Gänsepopulation vorzugehen. Gänse sind nicht nur in Nordamerika ein Problem.
Kanadagänse zerstörten Biotope
Auch in Deutschland können die bis zu vier Kilogramm schweren Wasservögel die Flugsicherheit massiv gefährden, so im niederrheinischen Geilenkirchen.
Kanadagänse kamen dort Nato-Piloten in die Quere. Die Brutgewässer lagen südlich der Fliegerbasis, die Nahrungsgründe aber auf der anderen Seite der Landebahn. Einfach abschießen wollte man die Tiere aber nicht und suchte nach Lösungen. Doch vergeblich. Denn die Euskirchener Ornithologen stellten fest, dass die kanadischen Gänse als ortsfremden Eindringlinge Biotope seltener Vogelarten zerstörten. Da war klar, dass vorrangig bedrohte Arten geschützt werden müssten. Die Gänse mussten deshalb dezimiert werden.
