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Astropeiler wird 70Von wegen Lost Place: Der Stockert ist ganz schön aktiv

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Die Anlage des Astropeilers mit dem 25-Meter-Spiegel rechts und dem Zehn-Meter-Spiegel links.

Über Eschweiler thront, gut aus der Ferne sichtbar, der Astropeiler Stockert.

Der erste und einst größte Astropeiler Deutschlands am Rande des Dörfchens Eschweiler feiert am Sonntag sein 70-jähriges Bestehen.

Eines der Wahrzeichen der Stadt Bad Münstereifel wird 70 Jahre alt. Eines, das schon aus vielen Kilometern Entfernung gut sichtbar ist. Eines, für das es aber viel wichtiger war und ist, dass es das sichtbar macht, was Lichtjahre entfernt liegt.

Die Rede ist vom Astropeiler Stockert am Rande von Eschweiler. Am 17. September 1956, vor 70 Jahren, wurde er im Beisein internationaler Gäste eingeweiht. „Mit der Einweihung fiel dann auch das Funkmessverbot in Deutschland“, erzählt Thomas Hochsteiner vom Astropeiler-Verein.

Dieses Verbot, das auch für Radar galt, war der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg auferlegt worden. Gerade die Radartechnik wurde überwiegend militärisch genutzt. Da das aber Sache des Bundes und nicht des Landes war, war eine militärische Nutzung am Stockert nicht möglich, auch wenn es immer wieder Gerüchte gab, dass von Eschweiler aus der Luftraum über Berlin überwacht wurde. „Das ist völliger Quatsch“, so Hochsteiner.

Deutschland drohte bei der Funkmesstechnik hintanzustehen

Doch man muss noch einmal ein paar Jahre zurückgehen. Die wissenschaftliche und astronomische Forschung machte nach dem Zweiten Weltkrieg gewaltige Fortschritte. 1944 hatte der niederländische Astrophysiker Hendrik Christoffel van de Hulst die 21-Zentimeter-Linie, auch Wasserstofflinie genannt, entdeckt. Die Forscher Colin Stanley Gum und Frank John Kerr aus Australien sowie Gart Westerhout aus den Niederlanden erkannten sieben Jahre später deren Bedeutung.

Der frühere Telefunken-Chefingenieur Leo Brandt, einer der Entwickler des „Würzburg-Riesen“, eines im Zweiten Weltkrieg genutzten Funkmessgerätes, und später Gründer des Forschungszentrums Jülich, hatte als Ministerialdirektor und später als Staatssekretär im NRW-Wirtschaftsministerium die Befürchtung geäußert, dass Deutschland bei der Funkmesstechnik hintansteht. Der Würzburg-Riese mit seinem 7,5-Meter-Spiegel wurde schließlich seit 1945 an Sternwarten in ganz Europa eingesetzt.

Eine alte Steuereinheit des Astropeilers.

Im Innern des Astropeilers sind alte Gerätschaften zu bewundern.

Alte Computer, unter anderem von der Firma Commodore, stehen im Astropeiler.

Museumswert haben inzwischen auch die Computer.

Das sollte sich nun ändern, allerdings musste ein Standort auf einem Berg für ein Radioteleskop gefunden werden, das von der Universität zu Bonn genutzt werden konnte. Die Wahl fiel auf den 433,9 Meter hohen Berg Stockert bei Eschweiler, zwischen ein und zwei Jahre dauerten Planung und Bau.

Der Stockert war das erste und lange Zeit das größte Radioteleskop

Es handelt sich nicht nur um Deutschlands erstes Radioteleskop, lange Zeit war es auch das größte. Beinahe wäre es auch das größte der Welt geworden, aber die Niederländer waren mit dem Teleskop Dwingeloo in Westerveld vier Monate früher fertig als der Stockert. Gleichzeitig war der Bau das erste technische Großprojekt nach dem Krieg, wie Dr. Wolfgang Reich vom Max-Planck-Institut für Radioastronomie Bonn (MPIFR) in einem Vortrag ausführte.

Genutzt wurde der Stockert zu 50 Prozent astronomisch und zu 50 Prozent vom Institut für Hochfrequenztechnik. Dessen Abzug im Jahre 1964 war für den Astropeiler ein Vorteil, wie Hochsteiner sagt. Denn nun durfte die Antenne umgebaut werden, wodurch sie wesentlich empfindlicher wurde.

Ein weiterer wichtiger Kopf am Stockert war der Astrophysiker Otto Hachenberg, der kurz nach dem Mauerbau von Berlin an die Uni Bonn wechselte. Unter ihm wurde zusätzlich der 10-Meter-Spiegel errichtet, mit dem die Sonne beobachtet werden kann.

Mit dem Radioteleskop in Effelsberg einen Traum verwirklicht

„Hachenberg wollte aber immer ein größeres Teleskop und hat sich diesen Traum mit dem Radioteleskop in Effelsberg verwirklicht“, so Hochsteiner. So gesehen ist das Teleskop in Effelsberg ein astronomisches Kind des Stockerts – und wie man das aus der Realität kennt, überragt der Sprössling – in dem Fall mit seinem 100-Meter-Spiegel – oftmals das Elternteil. Hachenberg baute das Personal an der Radiosternwarte Stockert von fünf Mitarbeitern im Jahr 1962 auf 25 drei Jahre später aus, von denen 19 vom MPIFR im Jahr 1967 übernommen wurden. Der Personalabbau ging bis 1974 weiter, als nur noch ein Operateur in Eschweiler tätig war, der später von einer studentischen Hilfskraft unterstützt wurde.

Nach dem Rückzug des MPIFR wurde das Teleskop für die Ausbildung von Studenten genutzt. In den 80er-Jahren wurden alle Aktivitäten auf dem Stockert zurückgefahren. Danach kamen wilde Jahre auf dem Stockert, wie Hochsteiner erzählt. So habe der benachbarte Golfclub ebenso Interesse gehabt wie ein Bordellbetreiber oder ein Huskyzüchter. 1997 übernahm ein Audiounternehmen den Stockert – der Astropeiler war auf der Verpackung von dessen Soundkarten abgebildet.

Der 25-Meter-Spiegel steht rund 14 Tage vor der Eröffnung inmitten von zwei Kränen, wie diese Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt.

Am 4. September 1956 war man mit der Endmontage beschäftigt.

Drei Männer stehen nebeneinander, im Hintergrund thront der 25-Meter-Spiegel des Astropeilers.

Nicht nur diese drei Herren kümmern sich darum, dass es im Stockert weitergeht: Thomas Hochsteiner (v.l., Messtechnik), Klemens Kuithan (externe Kommunikation) und Vereinsvorsitzender Kevin Schmitz.

Der Stockert ist auf der Titelseite der AEG-Mitteilungen abgebildet.

Auf der Titelseite der AEG-Hauszeitschrift war der Stockert 1957 prominent abgebildet.

Bereits zwei Jahre zuvor hatte sich der Verein Astropeiler Stockert gegründet, Mitglieder waren und sind ehemalige Bedienstete, Funker, Technik-Nerds und sonstige Interessierte. 194 Mitglieder hat er heute, davon sind aber nur 15 bis 20 aktiv, wie es deren Vorsitzender Kevin Schmitz angibt. 1999 wurde das Teleskop unter Denkmalschutz gestellt. „Erst gab es Jubel, dann fragte man sich: Was tun wir damit?“, berichtet Hochsteiner.

Der 25-Meter-Spiegel war verrostet und nicht mehr fahrbar, der Verein hatte Zugang zu einem kleinen Raum und dem 10-Meter-Spiegel. Die Anlage wurde so umgebaut, dass damit nicht nur empfangen, sondern auch gesendet werden konnte. Eigentümer ist seit 2005 die NRW-Stiftung, betrieben wird die Anlage vom Verein. „Für die NRW-Stiftung ist der Astropeiler etwas Besonderes“, weiß Schmitz.

Geplante Windräder bedrohen die Forschung im Astropeiler

Nach einer Spiegelsanierung kehrte auch die Uni Bonn zurück, die den Stockert als Lernort nutzt. Berührungsängste vor historischem Equipment darf man nicht haben, denn einiges wird noch mit alten Computern und alten Betriebssystemen gesteuert. Doch es kam auch neue Technik wie ein 3-Meter-Spiegel hinzu. „Der sieht das Gleiche wie der alte 25-Meter-Spiegel“, erklärt Hochsteiner. Und der Stockert hat einen entscheidenden Vorteil: Er kann im Gegensatz zu Effelsberg, wo das MPIFR noch tätig ist, frei genutzt werden. „Hier wird sehr aktiv professionelle Wissenschaft betrieben“, so Hochsteiner. Es gebe Kooperationen mit zahlreichen Universitäten.

Allerdings ist das der Öffentlichkeit gar nicht so sehr bewusst. „Viele denken, das sei ein Lost Place“, so Hochsteiner. Und offenbar wissen auch die Behörden nicht Bescheid. Denn im Regionalplan wäre die Errichtung von Windkraftanlagen erlaubt, die die Forschung im Stockert jäh beenden würden. Deshalb haben der Verein, die Stiftung und die Uni interveniert, auch der Kreis Euskirchen hat den Stockert bei Planungen im Blick. „Wir sind positiv gestimmt, dass wir weiter forschen können“, so Hochsteiner. Denn das Interesse von zahlreichen Instituten ist da. Doch nicht nur die Windkraft erschwert die Arbeit, auch das Militär und Handynetze wirken störend – und viele eigene Geräte wie Fernseher, Computer und Funktastaturen.


Das ist für die 70-Jahr-Feier am 20. September geplant

Der Astropeiler Stockert feiert am Sonntag, 20. September, von 11 bis 18 Uhr sein 70-jähriges Bestehen mit einer Ausstellung, dem Vortrag „Wie die Radioastronomie nach Bonn kam“ von Dr. Jürgen Kerp von der Universität Bonn, einer Open-Air-Live-Messung, Amateurfunk zum Anfassen mit lizenzierten Funkamateuren, einem Morse-Diplom für Kinder, einem Märchenzelt und mit einem Astronomie-Quiz, bei dem die Teilnehmenden Preise gewinnen können. Der Sänger Uwe Reetz spielt Livemusik.