„Marke Böll“Schmidtheimer Autorin schrieb über eine Kindheit in Trümmern

Unter dem Titel „Marke Böll“ legt Heide Tristram aus Schmidtheim ein Buch mit Kindheitserinnerungen vor.
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Dahlem-Schmidtheim – „Marke Böll“ nannte man am Niederrhein Kinder, die ihren eigenen Kopf haben – dazu auch noch einen eher rundlichen. Ein typisierender Kosename. Heide Tristram aus Schmidtheim hat unter dem Titel der auch auf sie angewendeten Bezeichnung ein Büchlein mit Kindheitserinnerungen in der Nachkriegszeit geschrieben.
Leicht lesbar ist diese kleine Stationen-Geschichte einer Kindheit im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit. Die heute 82-jährige Heide Tristram, gebürtige Düsseldorferin, hat sie in wenigen Wochen im Corona-Jahr 2021 aufgeschrieben. Es sei ein Mittel gewesen, die ungewohnte Zeit ohne Freunde im Haus hinter sich zu bringen, so Tristram. Sie legt mit „Marke Böll“ schon ihr zweites Corona-Buch vor. 2021 erschien „Blautöne“, in dem sie sich mit einer Seniorenwohngemeinschaft als Alternative eines Lebens im Alter beschäftigt.
Zwischen Krieg und Rückkehr
Ans andere Ende der Altersskala begibt sie sich mit dem aktuellen Werk. Es sind 60 Seiten über eine Kindheit zwischen den Kriegsjahren (an die letzten erinnert sich die 1940 Geborene) und der Rückkehr in ihre Heimatstadt Düsseldorf 1956.
„Marke Böll“, diesen liebevoll typisierenden Kosenamen, habe sie, so Tristram, von ihrem geliebten Großvater erhalten: „Mit dem Schriftsteller Heinrich Böll hat das nichts zu tun.“ Bei den Eltern ihres Vaters ist sie nach einem Vorfall im Jahr 1943 aufgewachsen. Die Mutter hatte ihre beiden kleinen Töchter abends trotz eines Fliegerangriffs auf Düsseldorf alleine gelassen. „Sie ist wohl mit Freundinnen tanzen gegangen“, mutmaßt die Tochter. Sie und ihre dreieinhalb Jahre ältere Schwester wurden beobachtet, wie sie am Fenster stehend sehnsüchtig die Rückkehr der Mutter erwarteten.
Fürsorgerecht entzogen
Nachbarn informierten daraufhin Tristrams Großeltern. Der Opa, Leiter des städtischen Fürsorgeamtes, wie man es damals nannte, habe daraufhin den Umzug der Kinder ins großelterliche Haus veranlasst. Die Mutter bekam das Fürsorgerecht trotz zweier Klagen nicht wieder.
Es muss für die damals Dreijährige eine traumatische Situation gewesen sein. Ihr Vater starb im Krieg. Die Vollwaise, wie sie offiziell bezeichnet wurde, wuchs bei den Großeltern, dann bei zwei Tanten auf. Nach dem Tod ihres geliebten Opas 1949 war es eine Jugend ohne jede männliche Bezugsperson.
Schrecken des Krieges
Was sie aus diesen Jahren bis Mitte der 1950er-Jahre aus ihrer subjektiven Sicht strikt autobiografisch und ungekünstelt beschreibt, kennen so ähnlich viele der „Kriegskinder“: Die Schrecken des Krieges, das Spielen in Trümmern, die bescheidene, anspruchslose Welt, die Schuhe, deren Kappen, wenn die Schuhe zu klein wurden, einfach aufgeschnitten wurden. Autoritäre Lehrer, bei denen Stockschläge auf die Finger noch zum Unterrichtsstil zählten. Und ein erster, bescheidener Wohlstand mit dem Beginn der Adenauer-Jahre.
Im Essener Ruhrlandmuseum hat es 2001 über diese Zeit eine denkwürdige Ausstellung mit Zeitzeugendokumenten gegeben. „Maikäfer flieg“ hieß die Schau. Der Titel eines gleichlautenden Kinderliedes von 1809 könnte auch für Heide Tristrams Erinnerungen gelten. Einer Zeit der Entwurzelung, wie sie sie mit der Evakuierung erst nach Schlesien, dann nach Berlin und schließlich in den „Felsenbunker“ nach Hattingen erlebt hat. Am Ende kehrte sie nach Düsseldorf zurück. Sie absolvierte das Abendgymnasium, wurde Zahnarzthelferin und baute mit ihrem Ex-Mann ein mittelständisches Maschinenbauunternehmen auf.
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Sie habe die Erinnerungen notiert, „weil es vielleicht doch mehr Frauen gibt, die so ähnlich aufgewachsen sind wie ich“, so Tristram. Es ist kein großer Roman entstanden, aber eine schnell zu lesende, stellenweise anrührende, skizzenartige Zeitgeschichte. Das ist nicht wenig.
Heide Tristram: Marke Böll – Erinnerungen. 60 Seiten, Karin Fischer Verlag Aachen, 9,80 Euro. ISBN 978-3-8422-4807-6



