Wilderei in DahlemMutter erschossen – Rehkitz-Waisen werden nun von Hand aufgezogen

Zwei Rehkitze wurden durch einen Fall von Wilderei zu Waisen und werden nun mit der Hand aufgezogen.
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Dahlem-Schmidtheim – Was könnten diese beiden jungen Waisen wohl erzählen, was ihnen widerfahren ist. Verstört drücken sich die beiden Kitze aneinander und suchen Schutz. Denn ihre Mutter ist am frühen Sonntagmorgen wahrscheinlich von Wilderern erschossen worden.
Nur durch Glück wurden die Tiere gefunden. Nun befinden sie sich in einer Wildtierauffangstation im Kreis Euskirchen, wo sie von Hand aufgezogen werden müssen.
Die Mutter wurde bei Schmidtheim erschossen
„Wir gehen davon aus, dass die beiden Kitze direkt neben dem Muttertier waren, als sie erschossen wurde“, sagt Hubertus E. (Name der Red. bekannt). Er sagt bewusst „erschossen“ und nicht „erlegt“, wie es die Jäger normalerweise ausdrücken.
Denn das, was hier passiert sei, habe nichts mit der Art von Jagd zu tun, wie er sie betreibe, betont E.. Er ist Berufsjäger in dem Revier, in dem der Vorfall geschah, und er hat das tote Muttertier und die beiden Kitze gefunden.
Berufsjäger geht von Zielfernrohr aus
„So genau, wie der getroffen hat, muss der durch das Zielfernrohr gesehen haben, dass das Tier keine Gehörn hatte“, schimpft er. Bei einem weiblichen Tier aber müsse jeder, der etwas Ahnung von der Jagd habe, davon ausgehen, dass es Ende Mai Jungtiere bei sich habe. Vielleicht habe der Wilderer die beiden Kleinen sogar gesehen, als er auf das Tier angelegt habe.

An der Kreisstraße 76 von Schmidtheim nach Paulushof wurde die von Wilderern erschossene Ricke gefunden.
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Normalerweise spielt sich die Wilderei im Verborgenen ab. Doch in diesem Fall ist es sogar möglich, dass der Täter kurz nach der Tat beobachtet worden ist. Denn am Sonntagmorgen gegen 6 Uhr war im Wald zwischen Schmidtheim und Paulushof einiges los. Nicht nur ein angehender Berufsjäger, der in dem Revier arbeitet, war unterwegs, sondern auch der Jagdpächter.
Dunkle Pick-ups an Parkplatz beobachtet
Während der Auszubildende einen Schuss hörte, der womöglich aus einer Waffe mit Schalldämpfer abgegeben worden war, machte der Jagdpächter des Reviers zur gleichen Zeit eine seltsame Beobachtung: Als er vom Parkplatz Silberberg aus in Richtung Paulushof fuhr, habe er gesehen, wie am Straßenrand ein dunkler Pick-up mit Zusatzscheinwerfern gestanden habe.
Direkt neben ihm habe ein zweiter dunkler Pick-up gestanden, beide hätten Schleidener Kennzeichen gehabt, berichtet E. von den Wahrnehmungen seines Arbeitgebers. Als sie den Jagdpächter bemerkt hätten, seien sie mit quietschenden Reifen durchgestartet und in Richtung Hecken davongefahren.
Erschossene Ricke war mit Zweigen abgedeckt
Da ihm die ganze Geschichte obskur vorkam, machte sich E. auf die Suche und fand tatsächlich rund 60 Meter von der Stelle, wo der Wagen geparkt hatte, die erschossene Ricke. „Sie war mit einigen Zweigen abgedeckt, als solle sie versteckt werden“, so E..
Am prall gefüllten Euter sei zu erkennen gewesen, dass sie ein Muttertier gewesen war. Die Kitze allerdings, die tatsächlich nur etwa acht Meter entfernt gelegen hätten, habe er aber erst gefunden, als ein Schweißhundführer mit seinen Tieren zur Nachsuche gekommen sei.
Ob die Kitze überleben, ist noch unklar
Ob die etwa zwei bis drei Wochen alten Kitze überleben werden, sei nicht sicher, sagt die Pflegerin. „Es sind sehr schwierige Pfleglinge“, sagt sie. Alle zwei Stunden würden die Kleinen die Ersatzmilch bekommen. „Jetzt müssen sie erst einmal zunehmen“, betont die Frau, die seit drei Jahren privat die Wildtierauffangstation betreibt.
Die nächsten zwei Wochen seien entscheidend. Die beiden seien geschockt und würden noch immer zu wenig fressen. Jede Störung müsse vermieden werden, da sie die Tiere aufregen würde. „Man muss jeden Morgen damit rechnen, dass sie tot da liegen“, so die Pflegerin.
Vermehrt Fälle von Wilderei beobachtet
Doch auch wenn sie überleben, sind die Schwierigkeiten nicht vorbei. „Rehe werden oft aggressiv und greifen dann gerne an“, weiß Hubertus E.. Das weibliche Kitz könne vielleicht in einen Wildpark integriert werden, doch bei dem Bock werde es schwierig, befürchtet die Pflegemutter.
„Wilderei ist anscheinend ein Thema, es gibt wieder vermehrt Fälle“, sagt E.. Ob es Trophäensucht oder Schussgeilheit sei, wisse er nicht. Manchem komme es auch auf das Fleisch an.
Ihn verwundere auch, dass die Wilddiebe am Sonntagmorgen unterwegs gewesen seien, wo eigentlich damit zu rechnen sei, auf legale Jäger zu stoßen. „30 Meter weiter steht ein Hochsitz, da hätte ein Jäger sein können“, überlegt er.
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Die Beobachtung am Sonntagmorgen sei reiner Zufall gewesen, wie oft aber sei das vorher schon vorgekommen? „Das ist auch ein Risiko; was wäre denn gewesen, wenn jemand die Diebe beim Aufladen erwischt hätte“, erinnert er an den Fall von Kusel, wo mutmaßlich ein ertappter Wilddieb zwei Polizisten erschoss. Der Ausgang sei nicht abzusehen, wenn man es mit Bewaffneten zu tun habe.
Für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führen, ist laut Berufsjäger von privater Seite eine Belohnung ausgesetzt worden. Sachdienliche Hinweise sollten direkt an die Polizei gegeben werden.



