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Erft-Hochwasser„Absolute Sicherheit gibt es nicht“

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 Nicht nur die Erft, sondern auch der Eschweiler Bach (Foto) verwandelte sich 2007 in einen reißenden Strom. In Gilsdorf mussten 20 Einwohner vor den Fluten in Sicherheit gebracht werden.

Bad Münstereifel – „Schon rückte die Zeit näher zur Mitternachtsstunde vor, als im Dunkel der Nacht das Wasser ekelhaft heranbrauste: Ein ungeheurer dunkler Strom ergoss sich todbringend und verhasst ringsumher, verderblich und ungestüm Schrecken verbreitend.“ So erinnert sich der Leibarzt des Jülicher Herzogs 1423 in einem Gedicht an die große Flutkatastrophe, die im Sommer 1416 Münstereifel heimsuchte.

Nicht ganz so drastische, aber immer noch erschreckende Bilder von den Hochwasser-Ereignissen im oberen Erftgebiet vermitteln die Fotos der jüngeren Überschwemmungen der Jahre 1955, 1956, 1976 und 2007. „Absolute Sicherheit vor Hochwasser gibt es nicht. Es wird immer ein Restrisiko bleiben“, so Dr. Ulrich Kern vom Erftverband beim Vortragsabend zum Thema „Hochwasser in Münstereifel und Umgebung“, zu dem der Kultur- und Geschichtsverein Zwentibolds Erben eingeladen hatte.

Schnell wurde deutlich, dass die Erft bereits seit Jahrhunderten die Menschen von Schönau bis Arloff mit plötzlich auftretenden Überschwemmungen überrascht. „Seit 1112 sind in Aufzeichnungen mindestens 50 Ereignisse dokumentiert. Es ist aber auch ein spannendes Thema, da viele Menschen die aktuellen Hochwasser-Schutzmaßnahmen nicht genau kennen“, erklärte Gabi Rollfing-Schmitz vom Kultur- und Geschichtsverein, die den Themenabend organisiert hatte.

In den Vorträgen des Houverather Historikers Dr. Wolfgang Herborn sowie Dr. Ulrich Kern und Karl-Heinz Beier vom Erftverband wurde deutlich, dass die mittelalterlichen Überflutungen ähnliche Charakteristika wie die jüngeren Hochwasserereignisse aufweisen: Hauptsächlich treten sie in den Sommermonaten nach Starkregen auf. „Deshalb sind sie so schwer vorherzusagen, da man oft erst sehr kurzfristig weiß, wann und wo es zu starkem Niederschlag kommt“, erläuterte Beier. Wie schnell dann der Wasserpegel in der Erft ansteigen kann, zeigen die Werte des Hochwassers von 1956. Beier: „In einer Stunde stiegen die Pegel von 30 Zentimetern auf 212 Zentimeter.“

Auch 1416, bei der schlimmsten Flutkatastrophe in Münstereifel, kamen die Fluten ohne Vorwarnung, zerstörten die Stadtmauer, rissen Straßen, Häuser sowie Brücken weg und beschädigten Teile der Burg. Bis zu 150 Todesopfer soll das Hochwasser gefordert haben. Bei seiner Forschung stieß Herborn auf eine Erklärung für die Tragweite dieses Hochwassers: „Eine Quelle, eine Beschreibung der Ereignisse in den Kölner Jahrbüchern von 1434, benennt zwei Überflutungen der Stadt innerhalb von 14 Tagen.“

Dies würde erklären, warum die zweite Flutwelle so große Schäden anrichtete, denn die Schäden des ersten Hochwassers seien zu dem Zeitpunkt noch nicht behoben gewesen: „Offenbar haben die Menschen nach der ersten Welle nicht mit einer noch heftigeren Flutwelle gerechnet, so der Houverather weiter. So hätten die mächtigen Wassermassen durch die von der ersten Flutwelle gerissenen Löcher fast ungehindert in die Stadt strömen können und seien auf unvollständig oder noch gar nicht gereinigte Wehre, ein verstopftes Flussbett sowie auf verschlossene Stadttore getroffen.

Die Erft überschwemmte immer wieder die Stadt

Auch in den folgenden Jahrhunderten überschwemmte die Erft immer wieder die Stadt, aber nie mit derart dramatischen Auswirkungen wie 1416. Im 18. Jahrhundert zerstörte das Wasser allerdings auch Brücken und Straßen. „Zu den Überschwemmungen kam es immer wieder, wenn nach längeren Trockenphasen starke Regenfälle niedergingen“, so Herborn. So habe anhaltendes Regenwetter im Juni und Juli 1758 den Pegel der Erft auf 8,80 Meter über den normalen Wasserstand ansteigen lassen. Dabei sei die gesamte Ernte zerstört worden.

Ähnliche Überschwemmungen hätten sich 1780 und 1784 ereignet. „Zu einer weiteren Jahrhundertflut kam es 1818“, berichtete Herborn. Quellen belegen, dass der Wolkenbruch nur zwei Stunden gedauert habe. Das reichte allerdings. „Drei Brückenbogen am Werk wurden eingerissen. Am Orchheimer Tor stieg das Wasser bis knapp unter den Torbogen. Auch durch die alten Schießscharten ergossen sich die Wassermassen in die Stadt“, so Herborn. Sechs Menschen, vorwiegend alte und kranke, sollen dieser Flut zum Opfer gefallen sein.

Die Hochwasser-Chronologie im oberen Erftgebiet verdeutlicht, dass es zwischen den großen Überschwemmungen auch viele Jahre ruhig blieb. Das ist laut Beier auch noch heute so: „Wir sind nur ab und zu mit so dramatischen Ereignissen konfrontiert. Dennoch müssen wir immer auf ein Hochwasser vorbereitet sein.“ Und Dr. Ulrich Kern ergänzt: „Sieben Jahre nach einer Katastrophe setzt bei den Menschen das Vergessen ein und die Vorsicht lässt nach. Aber man darf das Wasser nie unterschätzen. Deshalb ist es wichtig, sich vorab über Schutzmaßnahmen zu informieren.“