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Euro-KriseBlick aus Euskirchen nach Griechenland

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Euskirchen-Euenheim – Irgendwann konnte Ute Stemmer-Sassenscheidt es nicht mehr ertragen: Immer wieder war die Euenheimerin nach Griechenland in den Urlaub gefahren. Am Anfang hat sie die Hunde am Straßenrand, die toten und die halb-toten, überfahren von Autos und liegen gelassen, nur angeschaut. Dann hat sie die Hunde eingesammelt, zum Arzt gebracht. Impfen lassen oder einschläfern. Irgendwann war von ihrem Urlaub nichts mehr übrig, nur noch Hunde einsammeln, zum Arzt bringen, nachts wach bleiben, nach den Tieren schauen. Da entschloss sich Stemmer-Sassenscheidt, einen Verein zu gründen, um den Hunden in Griechenland zu helfen. 2011 war das. Seitdem organisiert sie den Transport von Streunern aus Griechenland nach Deutschland, hier finden sie in Familien ein neues Zuhause. Der Verein unterstützt ein Tierheim in Griechenland, sendet Futter und alles, woran es sonst fehlt.

Erst vergangenen Woche hat sie wieder ein Paket abgeschickt an Kassiani Dimitriadou, Eptamylo, 62100 Serres, Greece. Serres ist eine Stadt in Nordgriechenland, hat fast 80 000 Einwohner. Serres liegt in einem Tal, drei Berge – alles Tausender– tauchen die Stadt in Schatten, wenn die Sonne von Osten scheint. Angelos Charisteas ist hier geboren. Der große Stürmer, der Griechenland und Otto Rehagel im EM-Finale 2004 zur Europameisterschaft köpfte.

www.hundegarten-serres.de

Damals war Serres ein Wirtschaftszentrum Griechenlands. Es hat damals seine geografische Lage nahe Bulgarien genutzt, war Umschlagplatz für Waren nach Osteuropa. Heute leidet Serres. 5000 Unternehmen sind in den vergangenen fünf Jahren rüber gewechselt, auf bulgarisches Gebiet. Bis zur Grenze sind es nur 40 Kilometer. Im Februar hat sich der Pfarrer in Serres vor seine Gemeinde gestellt. „Ihr müsst Euer Geld von der Bank holen“, hat er gesagt. Dabei war es im Februar noch nicht so schlimm wie heute.

Jeden Tag kommen 15 neue Hunde dazu

Am Rand der Stadt liegt das Tierheim, dem der Verein von Ute Stemmer-Sassenscheidt hilft. Ein weißes Haus mit roten Ziegeln, direkt neben der Rennstrecke. Manchmal beschwert sich die Stadt, weil sich die Hunde durch den Maschendrahtzaun graben und auf den Asphalt laufen. Etwa 600 Hunde leben im Tierheim, jeden Tag kommen 15 neue dazu, viele werden einfach über den Zaun geworfen. Vier Festangestellte hat das Tierheim. Mehr kann sich die Stadt nicht leisten. „Ich muss mich erst um unseren Kindergarten kümmern“, hat der Bürgermeister im Januar zu Stemmer-Sassenscheidt gesagt. Sie kann das verstehen. Dafür gibt es ja ihren Verein, den Hundegarten Serres e.V.. Zehn Ehrenamtliche hat er in Serres und Umgebung. Alle arbeitslos. Bis auf eine, „die ist etwas betuchter“, wie Stemmer-Sassenscheidt sagt. Sie zahlt den Ehrenamtlichen ein kleines Gehalt, vielleicht 50 Euro in der Woche. Sie weiß, dass sie sonst nichts zum Essen haben. Die letzten Pakete enthielten immer häufiger auch Spenden für die Menschen. Shampoos und Zahnpasta, sowas ist teuer in Griechenland.

Vor zwei Wochen in Serres, die Lage zwischen der EU und der griechischen Regierung ist noch nicht eskaliert. Ute Bohlmann hat sich mit ihrem Mann Ralph ins Flugzeug gesetzt, ist mit zwei Stunden Verspätung gelandet, dann direkt nach Serres. Die beiden engagieren sich ehrenamtlich für den Hundegarten.

Es ist ziemlich heiß in diesen Tagen, 38 Grad und mehr und die Hunde drehen durch. Sie finden kaum Schutz vor der prallen Sonne, Dächer gibt es kaum über den Zwingern. Mit Wasser abgespritzt werden können sie nicht, der Wasserdruck ist zu niedrig, zudem haben Ratten, von denen es Tausende im Tierheim gibt, die Schläuche angeknabbert. Deswegen sind die Bohlmanns in Serres, sie wollen ein Dach bauen. Sie haben zu kämpfen. Jeden Tag fällt der Strom aus. Die Stahlträger werden zu spät geliefert. Die Wellblechdecken auch. Die Helfer dürfen trotz erteilter Genehmigung nicht arbeiten. Erst nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister geht es weiter. „Man muss für alles dreimal mehr Zeit einplanen“, stellt Ute Bohlmann fest. Das Paar reist ab, ohne das Dach fertiggestellt zu haben.

An der Theke in Libo's Grill in Euskirchen

Helen Wirtz kennt sich aus, da oben in Serres. Sie ist in der Gegend geboren. Ihr Vater war Schafswirt, wie viele noch heute in dem überwiegend landwirtschaftlich geprägten Gebiet. Heute lehnt sie an der Theke in Libo's Grill in Euskirchen. Sie sieht sehr griechisch aus, schwarze Haare und gebräunte Haut. Sie ist nur zu Besuch in dem Imbiss, ihr hat der Laden mal gehört, zwanzig Jahre lang hat sie ihn mit ihrem deutschen Mann geführt. Sie hat den Laden abgegeben, als er starb. Wirtz bezeichnet Deutschland als ihre Heimat. 1963, da war sie vier Jahre alt, ist sie mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen. Für ein Jahr, hat ihr Vater gesagt. Er ist in Deutschland gestorben. Wirtzs Tante lebt noch in Griechenland. Von 300 Euro Rente, sagt Wirtz.

Es ist heiß. Wirtz holt ein Taschentuch aus ihrer Handtasche, tupft sich die Stirn ab. „Wir Griechen sind nicht faul. Wie soll man jemanden sagen, dass er für 500 Euro in der Fabrik arbeiten soll, 40 Stunden, bei so einem Wetter?“, fragt sie. Die Griechen seien nicht faul, das betont sie immer wieder. Die Politiker seien schuld, die deutschen und die griechischen. Wirtz würde beim Referendum am Sonntag nicht zur Urne gehen. Das wird eh nichts ändern, glaubt sie.

Im vergangenen Jahr war sie in Griechenland im Urlaub. Dieses Jahr wird sie nicht wieder fahren. Sie möchte nicht am Strand liegen, während die Menschen aus ihrer Heimat beten, dass Geld aus dem Automaten kommt und es auch morgen noch Sprit gibt.

Griechenland-Reisen ohne Ende

Im Reisebüro. Draußen hängen Angebote. Zum Beispiel: Lindos Village. Vier Sterne. Griechenland, Rhodos. Juniorsuite, Halbpension, am 16. Juli 2015 ab Düsseldorf, 1 Woche pro Person ab 642 Euro und TUI best Family Atlantica Creta Paradise. Vier Sterne, Griechenland, Kreta. Doppelzimmer, all inclusive, am 2. August 2015 ab Düsseldorf, 1 Woche pro Person ab 935 Euro.

Drinnen sitzt Elisa Schmitz am Computer, grade hat sie eine Reise vermittelt, in die Türkei. Türkei und Mallorca, das sind immer noch die beliebtesten Urlaubsziele der Euskirchener. Doch auch nach Griechenland wird noch gerne geflogen, auf die Inseln Kreta und Rhodos vor allem. Dabei hat das Auswärtige Amt die Urlauber aufgefordert, genug Bargeld mitzunehmen. Abzuschrecken scheint das kaum einen Euskirchener. Schmitz kann keinen Unterschied feststellen, immer noch so viele Buchungen wie in den letzten Monaten. Vergangene Woche sind Kunden aus Griechenland zurückgekommen, sehr zufrieden seien die gewesen. „Aber wir vermitteln ja auch nur an Tophäuser“, sagt Schmitz. Häuser, in denen es Geld gibt, falls etwas schief läuft. Und niemand das Hotel verlassen muss, wenn er nicht will. Und wenn die Touristen dann doch das Hotel verlassen, sehen sie vielleicht in der Stadt oder am Straßenrand die dehydrierten Hunde.