„Mer stonn widder op!“ lautete das Motto der Stadtführung durch Euskirchen anlässlich des fünften Jahrestags der Flutkatastrophe.
Fünf Jahre nach der FlutEin besonderer Spaziergang durch Euskirchen

Anhand des Modells im Stadtmuseum erklärte die Museumspädagogin Petra Goerge (r.) im Rahmen einer Stadtführung, warum Flutereignisse im Mittelalter für Euskirchen ein geringeres Problem darstellten.
Copyright: Frank Neuenhausen
Geht man mit Petra Goerge, der Museumspädagogin und Wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Stadtmuseums, durch Euskirchen, kann man sich der Begeisterung kaum entziehen, die in ihren Schilderungen mitschwingt. Sie saugt förmlich die Geschichte aus den Bauten und Plätzen. Historische Gebäude und Orte gewinnen an Bedeutung und erhalten einen Bezug zum Leben in der Gegenwart.
So war es auch bei einer Führung anlässlich des fünften Jahrestages der Flutkatastrophe. 30 Teilnehmer mit Headsets, junge und alte, zogen hinter Goerge her. Die erste Station lag gleich im Stadtmuseum beim historischen Stadtmodell. Anhand des mittelalterlichen Stadtaufbaus erklärte Goerge, warum Flutkatastrophen früher in Euskirchen keine große Rolle gespielt haben, obwohl Mühlenbach und Veybach mitten hindurchflossen. Sie deutete mit der Hand auf die Freiflächen der ummauerten mittelalterlichen Stadt. Goerge: „Das Wasser hatte genug Fläche, um zu versickern.“
Kaum noch freie Flächen zum Versickern in Euskirchen
Beim anschließenden Stadtrundgang sahen die Teilnehmenden dann den heutigen Zustand. Freie Flächen zum Versickern gibt es noch, aber sie sind rar. Das war ihrer Ansicht nach ein Grund, warum sich am 14. Juli 2021 so viel Wasser ansammeln konnte. Es konnte nicht ins Erdreich entweichen.

In der Innenstadt zeigte Petra Goerge den Teilnehmern, bis wohin die Straßen bei der Flutkatatstrophe am 14./15. Juli 2021 überflutet worden waren.
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Dass das Stadtmodell selbst bei der Flut nicht zerstört wurde, ist für Goerge beinahe ein Wunder. Immerhin stand das Wasser mannshoch im Gebäude. Der Grund? Es schwamm wegen des hohlen Unterbaus wie eine Blase auf dem einströmenden Wasser und senkte sich mit dem ablaufenden Wasser auch langsam wieder ab. Andere Objekte am gleichen Ort hingegen fielen der Flut zum Opfer.
In der Veybachstraße angekommen, zeigte die Wissenschaftlerin der Gruppe ein Foto aus den 1970er-Jahren. Ein Mann steht auf einer Straße, die der Bach überflutet hat. Gab es also doch schon früher Überflutungen? „Der Bach trat häufig über die Ufer“, sagte Goerge: „Aber die Überflutungen waren eine normale Erscheinung und die Menschen waren daran gewöhnt.“
Stadtführerin kennt viele Geschichten über Euskirchen
Sie berichtete, wie der Veybach 1975 kanalisiert wurde. Die Wassermengen von 2021 habe niemand bei der Berechnung der Rohrdurchmesser vorhersehen können. Entsprechend waren die Rohre unterdimensioniert. „Und im Moment, mit der Trockenheit, ist der Bach so klein“, sagte Goerge: „Jetzt tut er wieder so harmlos.“

Die Madonnenfigur an der Ecke Vuvenstraße/Klosterstraße.
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An allen Stellen des Rundgangs wusste die Museumspädagogin etwas zu erzählen. Am alten Graben vor der Stadtmauer im Park am Disternicher Torwall sprach sie über Müll und die Beseitigung der Notdurft im mittelalterlichen Stadtgraben – ein recht unappetitliches Kapitel. Im Rüdesheimer Quartier, rund um die Kapellenstraße, erinnerte Goerge an eine Gefahr, die für Städte weitaus größer war als eine Flut: Feuer.
An der Ecke Vuvenstraße/Klosterstraße zeigt sie auf die Madonna, die nach alten Berichten 1533 bei einem Stadtbrand mit ihrer Schutzkraft den Stadtbrand gestoppt haben soll. Kapuzinermönche nutzten das Eckgebäude später als Krankenstube. Das Jammern, das von dort auf die Straße drang, gab ihr den Namen Vuvenstraße, abgeleitet von Fufen, das heißt Jammern, Stöhnen, Flehen. Die Madonna am Haus war für viele gläubige Menschen eine Pilgerstätte geworden. Das Wasser bei der Flut hat die Madonnenfigur nicht gestoppt.
Zusammenhalt nach der Flut hat Euskirchenerin sehr berührt
Goerge wurde nicht müde, darauf zu verweisen, was inzwischen alles wieder in Funktion ist: „Manchmal sagen mir Besucher: Man sieht ja gar nichts mehr von der Katastrophe.“ Sie hat darum der Führung das Motto gegeben „Mer stonn widder op!“ Ein Slogan, der nach der Flut im Stadtgebiet überall zu lesen war.
Sie selbst war an den vergeblichen Rettungsversuchen des City-Forums beteiligt gewesen. Die Widerstandskraft der Menschen in Euskirchen und der Einsatz der Helfer von überall her habe sie fasziniert. In der ganzen Stadt sei angepackt worden und sie staune, wie mithilfe einer guten Koordination von Stadtverwaltung, Kreis, Land und Bund und dem großartigen Engagement der Bürger der Aufbau so schnell habe bewältigt werden können. Manches habe sich sogar verbessert, stellte sie fest: „Vor allem das Bewusstsein dafür, dass wir eine Gemeinschaft sind und zusammen etwas Gutes auf die Beine stellen können.“
Am Klostergarten endete die Führung. Hier berichtete sie noch von der Befragung der Bevölkerung dazu, was aus dem ehemaligen Platz, dem früheren Standort des City-Forums, nun werden soll. Die Zerstörung hat Platz für neue Ideen geschaffen. Die Euskirchener sind nach der Katastrophe wieder aufgestanden und gestalten ihre Stadt neu.
Für Sabine Wagner, eine Teilnehmerin, war die Führung wieder ein besonderes Ereignis. Sie ist jeden Monat mit dabei: „Ich habe mein Interesse an Geschichte erst spät entdeckt. Jetzt lerne ich jedes Mal etwas Neues über meine Stadt. Und das, obwohl ich hier geboren bin.“ Die Führung habe ihr die Flutereignisse wieder neu ins Bewusstsein gebracht.
