Hellenthal – Eigentlich sollte das marode und völlig baufällig wirkende Haus Kremer an der Hardtstraße in Hellenthal abgerissen werden. Doch als sich Architekt Johannes Prickarz aus Vlatten das Gebäude genauer ansah, machte er eine überraschende Entdeckung: Es handelt sich um eine alte Gerberei aus dem 18. Jahrhundert.
Im Rahmen des Städtebauförderprogramms für den Ortskern Hellenthal war eine Überplanung des Bereichs des Baudenkmals Haus Kremer vorgesehen. Das Haus sollte verschwinden, der vorhandene Wohnmobilhafen erweitert und mit einer Ver- und Entsorgestation versehen werden.
Das alte Haus Kremer steht bereits unter Denkmalschutz. Da es aber akut vom Einsturz bedroht schien, waren sich Politik und Verwaltung über den Abriss einig. Die Gemeinde hat das Haus durch einen Bauzaun gesichert.
Im Rahmen des Förderprojekts fand die Untersuchung statt. Dabei konnte Prickarz allerdings nur einen Teil des Hauses genauer unter die Lupe nehmen. Er konnte über die Außentreppe in einen kleinen Raum gelangen, der einst von dem Ehepaar Kremer als Küche genutzt wurde – es ist der einzige Raum, den man derzeit einigermaßen sicher betreten kann. Die Fußböden sind zum Teil schon in den Keller gestürzt, einige weisen eine bedenkliche Schieflage auf.
Über die neuen Erkenntnisse zum Denkmalwert des Hauses Kremer in Hellenthal wird Architekt Johannes Prickarz am Dienstag, 14. Januar, um 17 Uhr im Rathaus den Bauausschuss informieren. Dann werden sich die Politiker über die möglichen Perspektiven einer Weiternutzung unterhalten.
Prickarz empfiehlt zunächst einen schrittweisen Rückbau, so dass genauere Untersuchungen durchgeführt werden können. So erhofft er sich weitere Hinweise auf die Entstehung und Nutzung des Hauses und die Arbeitsweise des Gerbers.
Unbedingt empfiehlt er, die Fassadenverkleidung abzunehmen und eine Altersbestimmung der Fachwerkkonstruktion vorzunehmen. Im Schleidener Tal seien die meisten Relikte der frühen Industrialisierung verloren gegangen. Für ihn ist der Erhalt der alten Gerberei in der Hardtstraße äußerst wichtig. Es sei von großer Bedeutung für die Dokumentation der Arbeits- und Produktionsverhältnisse der Frühindustrie. Die Gerberei kann seiner Meinung nach sogar zu einem touristischen Anziehungspunkt in der Gemeinde Hellenthal werden. (bk)
Teile der oberen Geschossdecke sind heruntergestürzt. Über eine Leiter konnte Prickarz durch den eingebrochenen Boden in das Untergeschoss klettern. Das obere Geschoss erreichte er durch eine Fensteröffnung. Hier konnte er sich aber nur einige Meter weit vorwagen. Prickarz stellte fest, dass sich unter der Teerpappe, mit der das Gebäude verkleidet ist, eine bestens erhaltene Fachwerkkonstruktion befindet. Die komplette Tragkonstruktion besteht aus massivem Eichenholz und scheint den ursprünglichen Zustand des Hauses wiederzugeben. Die Wohnungen wurden später in das eigentliche Gebäude eingebaut, das unter Außen- und Innenverkleidung völlig verschwindet. Selbst Regenwasser, das im Laufe der Jahre durch das Dach eingedrungen ist, hat nur geringe Schäden am Holz verursacht.
Weil das Haus Kremer unter Denkmalschutz steht, fanden natürlich Abstimmungsgespräche mit dem LVR-Amt für Denkmalpflege statt. Auch dort wurde schnell klar, dass es sich bei dem Haus keineswegs um ein abbruchreifes und unbedeutendes Wohnhaus handelt. Es stellte sich nämlich heraus, dass hier die intakte Tragkonstruktion eines frühen Industriebaus steht. Vor gut 100 Jahren wurde in dieses Fachwerkgebäude die Wohnung eingezogen. In den 1970er Jahren, als das Ehepaar Kremer verstorben war, kaufte die Gemeinde das Haus im Zuge des Baus der Grenzlandhalle.
Prickarz fand heraus, dass es sich um einen historischen Hallenbau mit Werk- und Lagerraum handelt. Die Fachwerkkonstruktion steht auf einem steinernen Sockelgeschoss. Das Haus, so ergaben die weiteren Recherchen von Prickarz, wurde bis in die 1880er Jahre als Gerberei genutzt. Er geht davon aus, dass das Gebäude auch als Gewerbebau geplant und gebaut wurde. Aus dem Feuer- und Sozietätskataster der Bürgermeisterei Hellenthal, das ab 1877 geführt wurde, geht hervor, dass das Haus 1877 unter einem Eigentümer namens Matheis als Gerberei feuerversichert wurde. Ab 1885 war es für Eigentümer Thönnes als Wohnhaus feuerversichert.
„Das Gebäude ist im Rheinland eines der ganz wenigen Objekte aus der Zeit der frühen Industrialisierung, an dem über die Fundamente hinaus die komplette Baukonstruktion erhalten ist“, wertet Bürgermeister Rudolf Westerburg das Gebäude: „Wir müssen uns mit den Fachinstitutionen und Geldgebern an einen Tisch setzen und sehen, wie wir das Objekt für die Nachwelt sichern können.“
