AbsturzKrise auf dem Wohnungsmarkt zwingt Menschen in die Euskirchener Notschlafstelle

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Das Foto zeigt einen obdachlosen Menschen, der auf dem Asphalt liegt.

Ohne Wohnung, ohne Perspektive: Obdachlosigkeit ist auch eine Folge des wachsenden Verdrängungswettbewerbs.

Auf Inflationsschock und persönliche Schicksalsschläge folgt nicht selten die Wohnungslosigkeit. Die Caritas Euskirchen versucht zu helfen. 

Die Zahl der Postfächer könnte ein geeigneter Gradmesser für die Wohnungsnot im Kreis Euskirchen sein. Es ist ein Montagmorgen im Juni, kurz vor 10. Vor der Tür an der Kommerner Straße 21 wartet gut eine Handvoll Menschen darauf, dass die Tür geöffnet wird. „Wohnungslosenhilfe“ steht neben dem Eingang. Maria Surges-Brilon erlöst die Wartenden. Die gehen hinein. Im Winter können sie sich hier aufwärmen, heute aber ist es warm. Daher zieht es viele in den Hof.

Die meisten schauen aber erstmal in ihre Postfächer. „Derzeit sind es 243“, sagt Maria Surges-Brilon, die Bereichsleiterin der Sucht- und Wohnungslosenhilfe beim Caritasverband Euskirchen. Mal sinke die Zahl der Postfächer, mal steige sie, erläutert sie – aber über die vergangenen Jahre hinweg sei sie gestiegen. Kein guter Trend. Kein gutes Zeichen.

Die Not nimmt zu - vor allem in den vergangenen Monaten.
Maria Surges-Brilon, Caritasverband Euskirchen

Denn hinter jedem Fach steht ein Mensch, dessen Post in den Ablagen landet, weil sie oder er keinen festen Wohnsitz hat. Einige leben auf der Straße, die meisten kommen mal für eine gewisse Zeit bei Freunden oder Verwandten unter – ohne, dass sie angemeldet werden können. „Sofa-Hopping“ laute der Begriff dafür, erklärt Maria Surges-Brilon. „Die Not nimmt zu - vor allem in den vergangenen Monaten“, sagt sie. Menschen, die bis vor etwa einem Jahr noch halbwegs über die Runden kamen, werden von Inflation und steigenden Energiekosten besonders kalt erwischt.

Und Lebensereignisse, die Menschen auch in normalen Zeiten aus der Bahn werfen können, werden vor dieser Krisenkulisse auch nicht weniger: Scheidung, Arbeitsplatzverlust, Krankheit, nicht selten auch in einem schwierigen Mix, führen in den sozialen Absturz. Die Miete kann dann irgendwann nicht mehr bezahlt werden, und wenn doch, ist es die Nebenkostenabrechnung, die nachhaltig einschlägt. Die mögliche Folge: Die Menschen stehen auf der Straße.

Experte sagt rasanten Anstieg der Mieten im Kreis Euskirchen voraus

Es sind die, die von der Krise auf dem Bau und auf dem Wohnungsmarkt wohl am bittersten betroffen sind – sicher stärker als diejenigen, deren Traum vom Eigenheim an Baupreisen, Zinsen und Lieferschwierigkeiten (vorerst) geplatzt ist.

Doch irgendwie hänge alles mit allem zusammen in diesem Bereich, sagt Baulandentwickler Georg Schmiedel, Co-Geschäftsführer von F&S concept. Wenn sich weniger Menschen das Eigenheim leisten können, machen sie genau die Wohnungen nicht frei, die andere so dringend brauchen. Und knapper Wohnraum bedeutet hohe Mieten. Marktwirtschaft kann zuweilen herzlos sein.

„Nach meiner persönlichen Einschätzung werden die Mieten dramatisch steigen“, schlägt Schmiedel Alarm: „Da werden wir bei uns in der Region im Neubau Mieten von 15 bis 17 Euro pro Quadratmeter erleben, was heute noch unvorstellbar ist.“

Notschlafstelle der Caritas in Euskirchen ist oft der letzte Ausweg

Wenn aber viele das suchen, was kaum vorhanden ist, nennt man das im Wohnungsbereich einen „Vermietermarkt“. Vermieter können sich also ihre Mieter aus der Schlange der Suchenden aussuchen. „Da ist vielen der alleinstehende Lehrer lieber als die alleinerziehende Mutter“, so Schmiedel. Viele fallen bei derartigen Auswahlkriterien runter – und landen möglicherweise in der Notschlafstelle der Caritas. Hier übernachten derzeit 12 Menschen, damit ist sie vollständig belegt: 10 Männer, zwei Frauen.

Überhaupt: Es sind immer mehr Männer als Frauen, die hier eine Schlafstatt finden. Aber auch das ist kein gutes Zeichen: Frauen finden laut Maria Surges-Brilon zwar öfter Unterschlupf – nicht selten jedoch zu einem hohen Preis: toxische Beziehungen oder Prostitution. Der Verein „Frauen helfen Frauen“ berichtet seit Jahren davon, dass Frauen bei ihrem gewalttätigen Partner bleiben, weil sie schlicht keine Wohnung finden.

Ende des vergangenen Jahres sei die Zahl der Menschen, die in der Notschlafstelle übernachteten, kurzfristig mal auf vier gesunken, im März und April noch mal um die gleiche Zahl. Für einige Gäste waren Wohnungen gefunden worden. Das sind die Ereignisse, die Pia Schön-Krebs und ihren drei Mitstreitern im „Kümmerer-Team“ der Caritas Erfolgsmomente bescheren.

Vermieter können sich wegen hoher Nachfrage ihre Mieter aussuchen 

Seit August 2022 gibt es dieses Team beim Caritasverband Euskirchen. Es versucht, Wohnungen zu finden für Menschen, die ohne Dach über dem Kopf sind oder es wohl bald sein werden. „Unsere Aufgabe ist es, mit möglichen Vermietern in Kontakt zu kommen“, sagt Pia Schön-Krebs. Um dann Vermittlungshemmnisse aus dem Weg zu räumen.

Denn wenn das Kümmerer-Team der Caritas als Ansprechpartner auftritt, bietet das dem Vermieter womöglich Sicherheit: etwa bei Schwierigkeiten im Mietverhältnis. Die Kümmerer sorgen auch dafür, dass alle Anträge beim Jobcenter gestellt und bewilligt sind und somit die Miete pünktlich fließt.

Das Team besteht aus drei Sozialarbeitern und einer Immobilienfachkraft. „Ein Teil der Betroffenen weiß nicht, welche sozialen Leistungen es gibt, oder geht aus Scham nicht zum Jobcenter“, berichtet Pia Schön-Krebs. Dabei müssen Wohnort und Bewohner auch irgendwie zusammenpassen: „Es nutzt wenig, wenn wir eine Wohnung in Blankenheim finden, der Klient oder die Klientin aber in Euskirchen arbeitet.“ Ohne Auto und bei unzureichendem ÖPNV gehe da nicht viel.

Die Freude über eine erfolgreiche Unterbringung ist aber meistens von kurzer Dauer. Nachdem die Menschen eine Wohnung gegen die Unterbringung in der Notschlafstelle eintauschen, dauere es nicht mehr so lange wie früher, dass die wieder alle Betten belegt sind, so Maria Surges-Brilon. So war es im Dezember 2022 und so war es im April 2023.

Kreis Euskirchen: Inflation treibt Menschen in die Wohnungslosigkeit

Denn die Verweildauern in der Notschlafstelle sind gestiegen — auf dreieinhalb Monate im Schnitt. „Der Weiterfluss ist schwieriger geworden“, sagt Surges-Brilon — wegen der zunehmenden Wohnungsnot im Bereich der bezahlbaren Mieten: „Wer 12 oder 13 Euro Miete pro Quadratmeter zahlen kann, findet sicher immer etwas“, sagt Surges-Brilon. Doch die Mieten, die das Jobcenter für sozial Benachteiligte zahlt, haben klare Grenzen. „Einer Person stehen 50 Quadratmeter zu, die Miete samt Kalt-Nebenkosten — also alles außer Heizkosten — darf nicht mehr als 453,50 kosten“, so Pia Schön-Krebs. Bei zwei Personen sind es 65 Quadratmeter und 570 Euro.

Das also sind die Kriterien, nach denen die Kümmerer Wohnraum suchen. Und es wird zunehmend schwieriger. „Der Verdrängungswettbewerb auf dem Wohnungsmarkt hat sich noch mal verschärft. Das bekommen Menschen mit vermeintlichen Vermittlungshemmnissen dann besonders zu spüren“, so Surges-Brilon.

Darum, so Pia Schön-Krebs, sei es wichtig, sich bei drohender Wohnungslosigkeit frühzeitig Hilfe zu suchen, etwa wenn die Miete in Rückstand gerät oder die Nebenkostenabrechnung nicht beglichen werden kann. Denn wenn die Anträge auf soziale Leistungen wie Mietzuschuss oder Energiekostenhilfe rechtzeitig gestellt würden, steige die Chance, die Wohnung behalten zu können (Die Anlaufstellen: Caritas Beratungsstelle, Kommerner Straße 21, Kümmerer-Büro, Wilhelmstraße 46).

Reichen die zwölf Notschlafplätze überhaupt noch? Im Prinzip ja, sagt Maria Surges-Brilon. Aber leider diene sie oft als Ausweichlösung für fehlende Plätze in psychiatrischen Kliniken oder Suchtkliniken. Denn bei vielen Menschen ist die Wohnungslosigkeit „nur“ ein Problem von vielen. Aber eine Wohnung sei oft auch der Schlüssel zur Lösung der anderen Probleme.


Unternehmer finanzieren anonym Wohnhaus im Kreis Euskirchen

Es gibt ein Wohnhaus im Kreis Euskirchen, das der Caritas zur Verfügung steht, um Menschen, die in Not geraten sind, unterzubringen. „Eine Gruppe von Unternehmern hat es saniert und uns zur Verfügung gestellt“, erzählt Maria Surges-Brilon, Bereichsleiterin der Sucht- und Wohnungslosenhilfe. Die Unternehmer wollen anonym bleiben.

Der Standort des Hauses mit 14 Wohnungen wird nicht genannt, um eine Stigmatisierung zu vermeiden. Das Haus dient der Caritas als Übergangslösung etwa für Menschen, die aus dem Entzug kommen. Ziel ist es, nach spätestens einem Jahr eine dauerhafte Bleibe für Bewohner zu finden, um wiederum andere Wohnungslose in dem Haus unterbringen zu können.

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