Die Lebenshilfe Euskirchen feiert Geburtstag. In Bad Münstereifel wird schon bald ein neues Wohnprojekt realisiert.
JubiläumLebenshilfe Euskirchen feiert 60. Geburtstag – So haben sich die Aufgaben verändert

Bei der Lebenshilfe Euskirchen wird gefeiert – natürlich auch mit den Bewohnern und den Mitarbeitenden.
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Als Elterninitiative gegründet, heute einer der größten Anbieter von Unterstützungsangeboten für Menschen mit Behinderung im Kreis Euskirchen: Die Lebenshilfe Euskirchen feiert in diesem Jahr ihr 60-jähriges Bestehen. Rund 250 Mitarbeitende, zahlreiche Ehrenamtliche und ein breites Angebot von der Frühförderung bis zum Wohnen im Alter prägen inzwischen die Arbeit des Vereins.
„Wir verstehen uns nach wie vor als Selbsthilfe- und Selbstvertreterorganisation“, sagt Geschäftsführer Christian Meyer. Trotz aller Professionalisierung sei dieser Gedanke bis heute erhalten geblieben. Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen sollen nicht nur Leistungen erhalten, sondern aktiv an deren Gestaltung mitwirken.
Neun Mitglieder sind im ehrenamtlichen Vorstand
Dem ehrenamtlichen Vorstand gehören neun Mitglieder an, darunter sechs Eltern von Menschen mit Unterstützungsbedarf. Auch eine Selbstvertreterin wirkt im Vorstand mit. „Das macht Entscheidungen manchmal anspruchsvoller“, sagt Meyer: „Aber genau diese Perspektiven sind wichtig, wenn wir unsere Angebote weiterentwickeln wollen.“
Die Lebenshilfe Euskirchen wird zwar häufig mit der Lebenshilfe in Bürvenich verwechselt, hat mit dieser jedoch grundsätzlich nichts zu tun. Sie begleitet Menschen mit Behinderung in nahezu allen Lebensphasen. In der Frühförderung werden jährlich rund 230 Kinder betreut. Hinzu kommen Wohnangebote in Kall, Bad Münstereifel oder auch Weilerswist für etwa 180 Menschen sowie Freizeit- und Unterstützungsangebote für weitere rund 220 Menschen und ihre Familien.
Wir decken inzwischen fast die gesamte Lebensspanne ab.
„Wir decken inzwischen fast die gesamte Lebensspanne ab“, erklärt Jürgen Stemmler, stellvertretender Geschäftsführer: „Von der frühen Förderung bis ins hohe Alter.“ Besonderen Wert legt die Lebenshilfe auf das sogenannte lebenslange Wohnen. Bewohnerinnen und Bewohner sollen möglichst nicht gezwungen sein, ihr vertrautes Umfeld im Alter oder bei zunehmendem Pflegebedarf zu verlassen.
„Menschen können bei uns wohnen, leben und – soweit wir die Versorgung sicherstellen können – auch sterben“, sagt Geschäftsführer Meyer. Dazu gehören inzwischen auch pflegerische Leistungen und palliative Begleitung. Eine zentrale Herausforderung bleibt die Wohnraumsituation. Geeignete und bezahlbare Wohnungen für Menschen mit Behinderung seien seit Jahren Mangelware.
Vor 20 Jahren fing die Lebenshilfe an, Wohnprojekte selbst zu realisieren
Deshalb begann die Lebenshilfe bereits vor rund 20 Jahren damit, selbst als Bauherr aufzutreten. Heute verfügt der Verein kreisweit über 47 barrierefreie Wohnungen, die überwiegend rollstuhlgerecht ausgestattet sind.
„Wir haben früh erkannt, dass wir unsere Wohnangebote nicht ausbauen können, wenn wir nicht selbst Wohnraum schaffen“, erläutert Geschäftsführer Meyer. Aktuell plant die Lebenshilfe nach eigenen Angaben ein weiteres Wohnprojekt in Bad Münstereifel. Allerdings verzögert sich der Baubeginn aufgrund langwieriger Förderverfahren. „Die Bearbeitungszeiten sind enorm. Für private Investoren wäre das oft kaum durchzuhalten“, sagt er.
Große Sorgen bestehen wegen der politischen Entwicklung
Mit Blick auf die politische Entwicklung äußert die Lebenshilfe deutliche Sorgen. Geplante Sparmaßnahmen im Bereich der Eingliederungshilfe könnten aus Sicht des Vereins zulasten der Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung gehen. „Wir erleben derzeit Diskussionen, bei denen Kosten stärker in den Mittelpunkt rücken als individuelle Bedarfe“, sagt Stemmler. Das betreffe etwa die Frage, wo Menschen wohnen oder welche Unterstützungsangebote sie nutzen können.
Dabei sei die Eingliederungshilfe keine freiwillige Zusatzleistung, sondern ein gesetzlich verankerter Anspruch. „Wir sprechen hier nicht über Luxusangebote, sondern oft noch nicht einmal über vollständig erreichte Mindeststandards“, sagt Meyer. Die Lebenshilfe sieht deshalb die Gefahr, dass Fortschritte bei Inklusion und Teilhabe wieder infrage gestellt werden.

Die Geschäftsführung der Lebenshilfe Euskirchen: Jürgen Stemmler (l.) und Christian Meyer.
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Für die Zukunft plant der Verein, die Beteiligung von Menschen mit Behinderung weiter auszubauen. Der bereits bestehende Lebenshilferat, ein Gremium von Selbstvertreterinnen und Selbstvertretern, soll künftig noch stärker in die Vereinsstrukturen eingebunden werden. „Unser Ziel ist, dass Menschen mit Behinderung noch mehr Einfluss auf Entscheidungen nehmen können“, betont der Geschäftsführer.
Impulse für neue Angebote kommen häufig direkt von Betroffenen und ihren Familien. So entstand beispielsweise eine Sommerferienbetreuung für Kinder mit hohem Unterstützungsbedarf auf Initiative von Eltern. Auch ein neues Eltern-Info-Café zu Erziehungsfragen wurde aus konkreten Bedarfen heraus entwickelt.
Geburtstag wird mit zahlreichen Veranstaltungen gefeiert
Das 60-jährige Bestehen begeht die Lebenshilfe mit mehreren Veranstaltungen. Die zentrale Jubiläumsfeier findet am 20. Juni in der Bürgerhalle in Kall statt. Erwartet werden Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Verwaltung und der Lebenshilfe-Bewegung.
Zusätzlich gibt es eigene Feiern für die Bewohnerinnen und Bewohner der Einrichtungen sowie einen gemeinsamen Betriebsausflug für die Mitarbeitenden. Besondere Beiträge kommen dabei auch von den Menschen, um die es im Alltag der Lebenshilfe geht: Eine Tanzgruppe bereitet einen Auftritt vor, eine Schreibwerkstatt präsentiert Texte, die eigens zum Jubiläum entstanden sind.
Für den Geschäftsführer steht fest, dass das Jubiläum nicht nur Anlass zum Rückblick ist: „Wir haben in den vergangenen 60 Jahren viel erreicht. Aber wenn es um Selbstbestimmung und echte Teilhabe geht, liegt noch ein weiter Weg vor uns.“
Aber im Hintergrund wird schon an den nächsten – vielleicht auch – 60 Jahren gearbeitet. Nach Informationen dieser Zeitung sollen die internen Strukturen angepasst werden. Als nächstes Projekt wird die zweite Auflage der Sommerferienbetreuung geplant.
