Der Tod einer 46-jährigen Frau aus Euskirchen war der Anlass für die Mahnwache gegen Femizide.
Gewalt gegen FrauenMahnwache gegen Femizide in Euskirchen – über 300 Menschen nahmen teil

Mehr als 300 Menschen kamen zur Mahnwache.
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Diese Meinung teilten viele: Es ist schade, dass solche Veranstaltungen wie die Mahnwache gegen Femizid, die am späten Mittwochnachmittag auf dem Klosterplatz im Herzen von Euskirchen stattfand, überhaupt benötigt werden. Umso wichtiger, dass dem Aufruf des Vereins Frauen helfen Frauen im Kreis Euskirchen so viele Menschen gefolgt sind. Es dürften weit mehr als 300 Frauen und Männer gewesen sein, die dieser Mahnwache beiwohnten und damit das zeigten, was eine der Teilnehmerinnen auf einem umgehängten Schild zum Ausdruck brachte: Es reicht.
Tod einer 46-jährigen Frau aus Euskirchen als Anlass für die Mahnwache
Der Verein hat den Tod einer 46-jährigen Frau aus Euskirchen zum Anlass für die Mahnwache genommen. Nach aktuellem Stand hat ihr 51-jähriger Ehemann, von dem sie offenbar getrennt war, aber mit dem sie gemeinsam mit den beiden Kindern in einem Haus lebte, sie getötet. Nach ersten gerichtsmedizinischen Erkenntnissen erlitt die Frau stumpfe Gewalt gegen den Kopf. Der Tatverdächtige, gegen den wegen des Mordes aus niedrigen Beweggründen ermittelt wird, schweigt nach wie vor zu den Vorwürfen.
„Angesichts des Verlusts unserer gemeinsamen Mitbürgerin wollen wir ein Zeichen gegen Gewalt gegen Frauen setzen“, sagte Elena Fastabend von Frauen helfen Frauen. Schon vor dem Beginn der Mahnwache stellten Menschen Kerzen und Lichter an einer Baumfläche zwischen C&A und Galleria auf. Später vermischten sich auf dem Klosterplatz Kerzen und elektrische Teelichter, die von den Teilnehmern der Mahnwache zu einem Lichtermeer aufgestellt wurden. Auch an anderer Stelle in Euskirchen brennen Kerzen, etwa vor dem Haus der Getöteten oder vor dem Geschäft in der Innenstadt, in dem sie gearbeitet hat.
Reden bei der Mahnwache
„Die Kirche ist nicht berühmt für Gleichbehandlung, Offenheit und Gleichheit zwischen den Geschlechtern“, sagte Pfarrerin Judith Weichsel von der evangelischen Sophiengemeinde Euskirchen in ihrer Rede. In der Bibel gebe es viele Geschichten von Gewalt gegen Frauen. „Geschichten, die zum Widerstand aufrufen“, so Weichsel.
„Wir trauern um eine bestimmte Person und um ihr Leben, das so brutal geendet hat“, führte sie fort und betonte, dass jedes Leben wertvoll sei. Gemeinsam könne man die Ohnmacht aushalten, so die Pfarrerin, die die Hoffnung hat, dass ein solcher gemeinsamer Nachmittag helfe, um nicht aufzugeben. Einen Rat gab sie aber auch mit auf den Weg: „Es ist gut, Hilfe anzunehmen, menschlich zu sein. Gebt aufeinander acht!“
„Wir stehen heute hier, weil eine Frau in Euskirchen getötet wurde. Ihr Ex-Partner ist verhaftet und steht unter dringendem Tatverdacht. Ihre Kinder müssen ohne ihre Mutter weiterleben“, sagte Johanna Nientiedt von Frauen helfen Frauen. In ihrer Rede hob sie die gesellschaftliche Bedeutung hervor.
Fast jeden Tag ein Femizid
So wurden im Jahr 2023 in Deutschland 360 Frauen getötet. Also fast jeden Tag eine. Und in 92 Prozent der Fälle war der Haupttäter ein Mann. In mehr als der Hälfte der Fälle war der aktuelle oder ehemalige Partner derjenige, der das Leben genommen hat. „Bei diesen Taten handelt es sich nicht um Einzelfälle. Wenn eine Frau von ihrem Partner oder ehemaligen Partner getötet wird, dann ist das nicht einfach eine private Tragödie. Und es ist auch kein Beziehungsdrama. Wir sprechen von einem Femizid.“
Das bedeutet: Eine Frau werde getötet, weil sie eine Frau ist oder die Tat in einem Zusammenhang mit geschlechtsspezifischer Gewalt stehe. Als Ursachen für dieses Verhalten hat Nientiedt die gesellschaftlichen Verhältnisse und patriarchalen Strukturen ausgemacht, in denen solche Taten geschehen. „Femizide sind Ausdruck tief verwurzelter patriarchalischer Machtstrukturen. Männer ermorden Frauen aufgrund vermeintlicher Besitzansprüche und frauenverachtender Einstellungen.“ Aus der Fachpraxis und Forschung wisse man, dass schwere und tödliche Gewalt häufig nicht aus dem Nichts kommt und oftmals weit vor der Tat beginne. Ein besonderes Risiko stellen Trennungen dar. Eine solche soll es ja auch in Euskirchen gegeben haben. „Für viele Menschen klingt eine Trennung zunächst nach einem Ausweg. Wenn eine Beziehung gewalttätig ist, dann muss die Frau doch einfach gehen. Aber so einfach ist es nicht. Das häufigste Motiv für einen Femizid stellte die angekündigte oder durchgeführte Trennung dar“, so Nientiedt. Der Versuch des Mannes, Kontrolle über die Frau, die die Beziehung beenden will, zurückzugewinnen, könne zu Gewalt führen.
Die Verantwortung liegt bei den Tätern
Oft werde die Verantwortung für Gewalt bei den Opfern gesucht. Das sei allerdings der falsche Weg. Entscheidend seien deshalb Fragen wie: Warum übt ein Mann Gewalt aus? Warum akzeptiert er ein Nein nicht? Warum glaubt er, über das Leben einer anderen Person bestimmen zu können? „Die Verantwortung für Gewalt liegt immer bei demjenigen, der sie ausübt“, so Nientiedt.
Eine Frau hat sowohl ein Recht auf ein gewaltfreies Leben als auch auf Unterstützung. Doch Johanna Nientiedt sieht hier Nachholbedarf in Politik und Gesellschaft. Man dürfe nicht einfach nur verlangen, dass eine Frau sich aus einer gewalttätigen Beziehung lösen wolle. Sie müsse es auch können: durch bezahlbaren und verfügbaren Wohnraum, durch finanzielle Unterstützung, durch Zugang zu Beratung, Schutz und psychischer Unterstützung, durch Strukturen, die sie auffangen. Nientiedt: „Das Geschehene können wir nicht rückgängig machen. Wir können die Frau nicht zurückbringen. Aber wir können entscheiden, was wir als Gesellschaft aus solchen Taten machen.“ (ets)
