Euskirchen-Schweinheim – Schuld war das schlechte Wetter im Ski-Urlaub. Anstatt auf den Brettern die Hänge hinabzusausen, begann Heinz Siery damit, sein Leben aufzuschreiben. Und da das ziemlich aufregend und vollgepackt ist mit allerlei Erlebnissen, zudem eine Zeit der politischen Umwälzungen und der großen technologischen Fortschritte umspannt, dauerte es einige Jahre, bis Siery zum Ende kam und das Ganze schließlich zwischen zwei Buchdeckel packte.
Zwei Weisheiten haben Heinz Siery, der im kommenden Jahr 90 Jahre alt wird, von frühen Jahren an beflügelt und gestärkt: „Man kann viel mehr, als man glaubt zu können“, lautet die eine. Die andere heißt: „Alles ist für etwas gut“ – auch die auf den ersten Blick negativ erscheinenden Dinge des Lebens. In seinem Buch, das im Tredition Verlag erschienen ist, beschreibt der Schweinheimer mit viel Humor und Wortwitz seine Kindheit im Westwald, wo er umgeben von Töpfern von Kindesbeinen an „Ton an den Füßen“ hatte. Die Rückschau auf eine Schulzeit, in der Prügel und Demütigung an der Tagesordnung waren, auf die Abenteuerlust der Jugend, die sogar dazu führte, freiwillig in den Krieg ziehen zu wollen (was an mangelnder Größe und Körpergewicht glücklicherweise scheiterte) und auf Gefangenschaft, quälenden Hunger und Diphterie fügen sich zu einem lebendigen Zeitzeugenbericht.
Schwarzhandel nach dem Krieg
Sehr interessant sind seine Schilderungen über den florierenden Schwarzhandel nach dem Krieg, die eine Idee davon geben, wie geschäftstüchtig und gewieft mancher von morgens bis abends feilschte, tauschte und verhandeln musste, um an neue Schuhe oder ein Fahrrad zu gelangen. Siery wusste sich über Wasser zu halten und sich vom Knecht zum gut gekleideten Mädchenschwarm zu mausern – bis die Währungsreform 1948 dem Schwarzmarkthandel ein Ende bereitete und Siery „zurück ins normale Leben“ führte.
Zunächst fand er Arbeit als Hilfstöpfer in einer Schnapskrugfabrik, dann stellte er selbstständig Gießformen für Zierkeramiken her. Schließlich fand Heinz Siery Anstellung bei einer erfolgreichen Zierkeramik-Firma. Kurze Zeit später startete er seine Karriere als erfolgreicher Designer – er bekam seine erste Stelle als Modelleur.
Gerade für Sammler der Siery-Keramik, die sich zwischenzeitlich auf der ganzen Welt finden und begeistert vor allem Stücke aus den 1950 und -60er Jahren „jagen“, dürfte das kleine Buch mit seinen 143 Seiten und der Auswahl an Fotografieren eine wahre Fundgrube sein. Der Leser erfährt nicht nur viel über Heinz Sierys Privatleben, sondern auch über Aufstieg und Fall der westdeutschen Keramikindustrie sowie über die damit verbundenen technischen Fortschritte und Entwicklungen.
Verfallener Bauernhof in Schweinheim
1969 kauft Siery mit seiner zweiten Frau Ingrid einen verfallenen Bauernhof in Schweinheim, um darin eine Werkstatt einzurichten, in der er vor allem Skulpturen anfertigen wollte. Für die beiden war es ein Neustart, ein Beginn bei Null. Für die Schweinheimer seien sie, so beschreibt es Siery, einfach nur verrückt gewesen, da der Hof aufgrund seines Zustandes als unverkäuflich bewertet worden war. Man riet dem Künstler: „Riss et ab!“ Das Staunen über die Sierys habe bis heute nicht aufgehört, irgendwann sei es aber einer Bewunderung gewichen, denn auch die anderen vier Höfe, die im Laufe der Zeit dazu kamen, waren in ähnlich ruinösem Zustand und wurden von den beiden liebevoll restauriert. In den 1980er Jahren plätscherte die überaus erfolgreiche Schaffensphase des Ehepaars Siery nach und nach aus. Große Keramikwände für Hallenbäder waren nicht mehr gefragt, allein die Designer-Kachelöfen und-Kamine fanden noch Interessenten.
Heinz Siery widmete sich fortan mehr der freien Kunst und entdeckte seine Liebe zu den Mutanten, wie er die Kreaturen nennt, die er aus Schrott und Altmetall herstellte. In seinem Buch widmet er den Figuren ein eigenes Kapitel. In einem der Siery-Höfe bekamen sie jüngst einen neuen Raum: Auf dem Sockel eines ehemaligen Brennofens wurden sie zu einem Gesamtkunstwerk vereint. „Hier stehen meine Mutanten nun alle glücklich beisammen“, sagt Siery zufrieden. Letztendlich ist die Biografie von Heinz Siery auch eine Liebeserklärung an seine Ingrid, mit der er seit 46 Jahren glücklich zusammen lebt und arbeitet. „Nur dadurch, dass wir uns ideal ergänzt und auch gefördert haben, war das möglich, was wir zusammen haben entstehen lassen“, schreibt er. Lieben und geliebt zu werden seien das Größte, was ein Leben zu bieten habe. „Aber dafür muss man schon durch einige Höllen gegangen sein, um bis dahin zu kommen!“
Heinz Siery, „Das Leben ist viel zu kurz für das, was zu bieten hat“, Tredition Verlag, ISBN 978-3-7345-4486-6
