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Staatschutz ermitteltWas führten Drohnen-Piloten bei Flügen über Kaserne in Mechernich im Schilde?

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Blick in einen langen, mit Beton ausgekleideten Tunnel. Rechts und links sind vollgepackte Schwerlastregale aus Metall mit Kartonagen zu sehen.

In schier endlosen Gängen reihen sich 130 Meter unter der Erdoberfläche die Schwerlastregale aneinander, in denen rund 120.000 verschiedene Teile gelagert werden. Von hier aus werden das Ausrüstungsmaterial oder die Ersatzteile an die Einheiten verschickt, die sie angefordert haben.

Bundesweit Schlagzeilen machte die nächtliche Sichtung zweier Drohnen über der Mechernicher Bleibergkaserne. Der Staatsschutz in Bonn ermittelt nun.

Die Sichtung von vermutlich zwei Drohnen über der Mechernicher Bleibergkaserne in der Nacht von Donnerstag auf Freitag hat bundesweit Schlagzeilen gemacht. Nicht erst seit der Entdeckung einer mit einem Sprengsatz versehenen Drohne am Flughafen in Leipzig in der Nähe einer ukrainischen Frachtmaschine, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt von einem hybriden Anschlagsszenario sprechen ließ, das auf hochprofessionelle Täter zurückgehe, sind öffentliche Stellen bei diesem Thema hochsensibilisiert.

Wie bereits in der Samstagausgabe berichtet, hat nach Auskunft eines Sprechers des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr gegen 22 Uhr am Donnerstagabend die Sicherheitszentrale des Bundeswehrstandortes Mechernich gemeldet, dass über der Liegenschaft zwei Drohnen entdeckt worden seien. Der Verdacht von zwei Drohnen sei bestätigt worden, sagte der Sprecher der Redaktion. Daraufhin seien Militärpolizeikräfte entsandt worden.

Mehrere Sichtungen erfolgten zwischen 22 Uhr und 5.30 Uhr

Der Sachverhalt sei der Polizeidienststelle Euskirchen übergeben worden, die die Ermittlungen aufgenommen habe. „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu laufenden Ermittlungen nicht äußern“, teilte der Sprecher mit.

Die Euskirchener Polizei machte gegenüber der Redaktion allerdings auch keine Angaben, sondern verwies an die Abteilung Staatsschutz des Polizeipräsidiums Bonn, die die Ermittlungen aufgenommen habe. Eine Sprecherin der Bonner Polizei, bestätigte gegenüber der Redaktion, dass es in der Zeit zwischen 22 Uhr und 5.30 Uhr Drohnensichtungen „über Mechernich“ gegeben habe. Daher sei eine Anzeige geschrieben worden.

Sicherheitsgefährdendes Abbilden einer militärischen Einrichtung

Der Staatsschutz der Polizei und die dafür zuständige Staatsanwaltschaft Köln ermittelten nun wegen des Verdachts sicherheitsgefährdenden Abbildens einer militärischen Einrichtung oder Anlage nach Paragraf 109g des Strafgesetzbuchs.

Auch in der Mechernicher Kaserne waren am Montag keine Auskünfte zu den Drohnensichtungen zu erhalten. Ein Vertreter des Standortältesten verwies an das zuständige Operative Führungskommando der Bundeswehr.

Ein Auto rollt auf einen betonierten Tunnelein- und einen -ausgang zu, die in die Tiefe führen.

Kilometerlange Straßen und Schienen ziehen sich durch die Stollen und Tunnel tief unter der Kaserne.

Nach Informationen von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung, die als Erste berichteten, sollen Mitarbeiter einer privaten Sicherheitsfirma  insgesamt sechs Überflüge in Mechernich beobachtet haben. Auch Polizeibeamte aus Euskirchen seien vor Ort gewesen und hätten mindestens einen Überflug gesehen. Eine Drohne solle sogar kurzzeitig über den Einsatzkräften gekreist sein. Das gehe aus einem vertraulichen Polizeibericht hervor, schreibt dazu Tagesschau 24.

Dies konnte die Sprecherin des Bonner Staatsschutzes auf Anfrage der Redaktion nicht bestätigen. Die Vernehmung von Zeugen sei Gegenstand der Ermittlungen, mit denen gerade erst begonnen worden sei. Daher könne man derzeit auch noch keine weiteren Angaben machen.

In der Nacht konnte offenbar keine Drohne sichergestellt werden

Anlass zu Spekulationen gibt aber trotz des vom Staatsschutz genannten Verdachts des sicherheitsgefährdenden Abbildens die Frage, weshalb die Drohnen mehrfach den Standort überflogen haben könnten. Denn das meiste von dem, was in Mechernich bei der Bundeswehr geschieht, ist öffentlich bekannt. Oder sollte es möglicherweise gar um einen Anschlag auf die militärische Infrastruktur gehen?

Eine Antwort darauf können die Drohnen selbst offenbar nicht geben. Nach unbestätigten Informationen dieser Redaktion, die der Staatsschutz am Montag allerdings nicht bestätigte, konnte zumindest in der Nacht keine der beiden Drohnen sichergestellt werden.

Unterirdische Lagerstätte für 120.000 verschiedene Artikel der Bundeswehr

Von Interesse dürfte für die Drohnen-Piloten möglicherweise die Untertageanlage sein. Dort werden in 130 Meter Tiefe in einem System verschachtelter Gänge und Stollen auf 30.000 Quadratmetern rund 120.000 verschiedenartige Ausrüstungsartikel und Ersatzteile im Milliardenwert bei konstant zwischen 19 und 21 Grad Celsius (nur auf der Sohle in 140 Meter Tiefe liegt die Temperatur bei 14 Grad) und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit gelagert.

Die konstanten Lagerbedingungen sorgen dafür, dass auch hochsensibles Gerät unverpackt aufbewahrt werden kann und nicht korrodiert. Von der kleinsten Unterlegscheibe bis zum Rotor von Hubschraubern können Bundeswehreinheiten – auch von anderen Einsatzländern aus – bei Bedarf Material anfordern und von Mechernich aus in kurzer Zeit – vielfach binnen 24 Stunden – geliefert bekommen.

Auch ein großer Teil der IT der Bundeswehr, von robusten Laptops für die Truppe bis hin zu Rechnern und Bildschirmen für die Bundeswehrstandorte, ist hier laut Bundeswehr eingelagert.

Auch ein großes Waffenarsenal wird in Mechernich vorgehalten

Wobei die hochgesicherte Anlage, in deren Stollen auch ein großes Arsenal an Waffen – vom Sturmgewehr G36 bis zum Raketenwerfer – gelagert wird, die hier einer technischen Materialprüfung unterzogen werden, keineswegs so geheimnisvoll ist, wie es den Anschein haben mag.

In früheren Jahren, als die Bedrohungslage eine andere und der Begriff der hybriden Kriegsführung wohl nur für Sicherheitsexperten von Bedeutung war, wurden Teile der Anlage, die 1957 von der Bundeswehr mit dem Abbaugelände für Bleierz übernommen und nach zwölfjähriger Bauzeit 1975 ihrer Bestimmung übergeben wurde, immer wieder der Bevölkerung bei Tagen der Offenen Tür zugänglich gemacht.

Die Bundeswehr selbst zeigt auch heute in einer Videoserie zur ortsfesten Logistik im Bericht „Materiallager Mechernich: 15 Minuten Tunnelfahrt bis zum Arbeitsplatz“, wie es in dem Gewirr der mehr als 13 Kilometer langen Straßen, Gänge und Eisenbahnschienen aussieht.

Menschen schlendern an dem MAN-Fahrzeug mit dem Patriot-Waffensystem vorbei.

Auf dem Mechernicher Brunnenfest präsentierte 2025 die „Patriot-Werft“ das von ihr gewartete Waffensystem.

Fünf Kilometer führt der Hauptverkehrsstollen ins Innere des Bergs. In der Tiefe finden sich vier Parallel-Stollen, von denen jeder 700 Meter lang, zwölf Meter breit und neun Meter hoch ist. Darüber gibt es drei weitere Stollen. Das Stollensystem ist äußerst stabil und hat bereits mehreren Erdbeben standgehalten, zuletzt 1992. Erdanker gehen 20 Meter tief in den Berg und stabilisieren das System zusätzlich.

Der Bunker sollte zu Zeiten des Kalten Kriegs auch etwaigen Atomschlägen standhalten. Deshalb wurde dort damals auch ein Befehlsstand untergebracht. Das sogenannte „Headquarter“ war ständig bereit, im Kriegsfall der damaligen militärischen Luftwaffen-Führungsspitze als Kommandozentrale zu dienen.

In der „Patriot-Werft“ wird das Waffensystem gewartet

In schier unendlich langen Gängen reihen sich die Schwerlastregale aneinander. Mitarbeitende legen die Strecken häufig schon wegen der Länge mit dem Fahrrad zurück, um Ersatzteile aus dem Lager zu holen. Aber auch über Tage wird laut Bundeswehr in Mechernich Material gelagert, vor allem solches, das zu groß ist für die Stollen.

Doch nicht nur dem Depot könnte das Interesse derjenigen gegolten haben, die die Drohnen übers Areal steuerten. In der Mechernicher Kaserne gibt es auch die „Patriot-Werft“, in der die Abgesetzte Fachgruppe Mechernich des Systemzentrums 23 aus Wunstorf stationiert ist. Die vormals in Mechernich beheimatete Luftwaffeninstandhaltungsgruppe 23 wurde bereits im Jahr 2008 aufgelöst. Im Anschluss übernahm das Systemzentrum 23 deren Aufgaben.

Zentrale Rolle beim Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur

Zu den Aufgaben der Soldaten und zivilen Mitarbeiter des Systemzentrums 23 gehören die Wartung, Reparatur und Modernisierung des Waffensystems „Patriot“ sowie dessen Betreuung beim Training und im Einsatz im In- und Ausland.

Das Patriot-System spielt eine zentrale Rolle beim Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur. Nato-Staaten haben der Ukraine mehrere Patriot-Systeme zur Verfügung gestellt und liefern auch die Raketen. Deutschland gehört dabei zu den wichtigsten Lieferanten sowohl von Systemen als auch von Patriot-Munition.

Aber auch das ist grundsätzlich nicht sonderlich geheim: Beim Brunnenfest 2025 präsentierte die Bundeswehr das Waffensystem, das auf speziellen, geländegängigen MAN-Lastwagen montiert ist, der interessierten Öffentlichkeit.

Wie Tagesschau 24 berichtete, könnte es sich bei der über dem Mechernicher Areal gesichteten Drohne um ein Gerät vom Typ Fly-380 VTOL gehandelt haben. Das ist aber gegenüber dieser Redaktion bisher von keiner der offiziellen Stellen bestätigt worden.

War es eine große Hybrid-Drohne mit bis zu vier Meter Spannweite?

Diese Hybrid-Drohnen, die vertikale Startfähigkeit mit der Reichweite von Starrflüglern verbindet, gehören mit einer Spannweite von beinahe vier Metern zu den größeren Drohnen. Bei einer Reichweite von bis zu 400 Kilometern können sie eine Geschwindigkeit von bis zu 150 km/h erreichen. Zudem können sie offenbar mehr als zehn Kilogramm Last tragen.

Drohnen des besagten Typs werden nach Angaben von Tagesschau 24 etwa für Vermessungsarbeiten, Kartierungen, aber auch für Grenzüberwachungen und Transporte in schwer zugänglichen Regionen eingesetzt.


Stollen sind so sicher wie das US-amerikanische „Fort Knox“

Ursprünglich sollte die Untertageanlage in Mechernich sogar viermal so groß werden. Denn zunächst gab es auch Überlegungen, unter dem Mechernicher Bleiberg den früheren „Starfighter F 104“ instand zu setzen, die per Bahn gebracht worden wären. Dazu kam es aber nicht.

Immer wieder gab es in den vergangenen Jahrzehnten auch Überlegungen, die Untertageanlage zu schließen. Dazu ist es aber auch nie gekommen. Vor allem, weil die Anlage durch Auslandseinsätze der Bundeswehr zu neuer Bedeutung kam. Und weil die Lage so tief unter der Erde das Depot zu einem der sichersten und bestbewachten Areale der Bundeswehr in Deutschland machte.

Vor Euro-Einführung waren in Mechernich die neuen Münzen gelagert

Weil sie so sicher wie „Fort Knox“, die hochgesicherte Lagerstätte der amerikanischen Goldreserven, ist, wurde hier bei der Euro-Einführung in einem speziell gesicherten Trakt auch neues Münzgeld gelagert, bevor es 2002 in die Verteilung kam. Nach der Euro-Auslieferung wurden im Gegenzug im gleichen Sicherheitstrakt alte Münzen gelagert, bis sie schließlich eingestampft werden konnten.