Kreis Euskirchen – Sie sind eine ganz normale Familie: Mama Maren, Papa Till, ihre beiden Töchter Kira und Lilli sowie Hund Finn (alle Namen geändert). Sie wohnen in einem gemütlichen Haus, fahren gemeinsam in den Urlaub, pflegen Hobbys. Und doch unterscheiden sie sich von den meisten anderen Familien in ihrer Umgebung: Kira und Lilli sind nicht die leiblichen Kinder von Maren und Till, sondern Pflegekinder, die aus unterschiedlichen Gründen in ihren Herkunftsfamilien nicht mehr leben konnten.
„Es gibt die beiden Bauch-Mamas und die Herz-Mama, das bin ich“, erklärt die 41-jährige Maren die Sprachregelung in der Familie. Den beiden Kindern machen sie und ihr Mann (45) nichts vor, es werde offen über ihre Herkunft geredet. Auch um sie stark zu machen im Umgang mit der eigenen Geschichte.
Eigentlich gehörten zum Traum des Ehepaars vom Familienglück eigene Kinder. „Doch dieser Wunsch blieb unerfüllt“, erzählt das Paar. Als sie anfingen, sich über Adoption Gedanken zu machen, kamen sie auch in Berührung mit Pflegeeltern. „Ein Satz blieb dabei hängen: Pflegekinder gebe es wie Sand am Meer, Adoptivkinder nicht“, erinnert sich Till. Ein Leben ohne Kinder konnten sich beide nicht vorstellen, die Chancen auf eine Adoption schätzten sie jedoch so hoch ein „wie einen Sechser im Lotto“.
Qualifizierungsmaßnahme für Pflegeeltern-Bewerber
Maren und Till nahmen an der Qualifizierungsmaßnahme für Pflegeeltern-Bewerber teil, die vom Kinderschutzbund Euskirchen durchgeführt wird (siehe „Herzliche Familien-Atmosphäre“). Maren: „Während der Schulung kann man sich darüber klarwerden, ob man sich die Rolle als Pflegeeltern wirklich zutraut.“ Zudem werde auch „von außen drauf geschaut“, ob man als Pflegefamilie infrage komme.
„Man muss sich beim Jugendamt und Kinderschutzbund quasi nackig machen, was aber absolut nachvollziehbar ist“, erzählt Till augenzwinkernd. So werde ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis, ein Gesundheitszeugnis, ein Einkommensnachweis und natürlich der Nachweis über geeigneten Wohnraum verlangt.
Maren und Till gaben an, am liebsten einen männlichen Säugling bei sich aufzunehmen. Drei Monate später lernten sie Kira kennen – ein anderthalb Jahre altes Mädchen. „Es fühlte sich vom ersten Augenblick der Begegnung wirklich gut an“, erzählt die 41-Jährige, die betont, dass der Bauch unbedingt mitentscheiden müsse.
Kaum Nähe zugelassen
Das erste Jahr, das Kira bei Maren und Till verbrachte, war nicht ohne. Das in seiner Entwicklung verzögerte Mädchen ließ kaum Nähe zu. Füttern war nur möglich, wenn man Kira gleichzeitig nach allen Regeln der Kunst ablenkte. Zahlreiche Termine wie Frühförderung und Krankengymnastik standen plötzlich auf der Tagesordnung – Kira krempelte das Leben des Ehepaares ordentlich um. „Wir haben ihre Handicaps von Anfang an nur als vorübergehende Einschränkungen betrachtet“, erzählen Till und Maren, und tatsächlich habe es nicht lange gedauert, bis Kira laufen konnte.
Mittlerweile hat die Siebenjährige mächtig aufgeholt und besucht die Grundschule.
Dass Pflegekinder ein Päckchen mit sich herumtragen, darauf werde man in der Schulung vorbereitet. „Man wächst da hinein“, versichert Till. Anfangs seien die regelmäßigen Besuchskontakte mit der Herkunftsfamilie, die in den Räumen des Kinderschutzbundes stattfinden, jedoch eine Herausforderung für ihn gewesen. „Da flammte schon so was auf wie Beschützerinstinkt“, so der 45-Jährige. Geholfen habe in solchen Augenblicken der Fokus darauf, dass es einzig und alleine um das Kind ginge, um nichts anderes.
„Es macht keinen Unterschied“
Vor zwei Jahren machte die damals zehn Monate alte Lilli das Familienglück perfekt. „Es macht keinen Unterschied, ob es deine eigenen Kinder sind oder nicht“, so Till: „Man versucht diese kleinen Menschen zu fördern, zu formen und gut zu erziehen. Und man liebt sie einfach.“ Wichtig sei, dass man mit den Herausforderungen, die man als Pflegefamilie annimmt, nicht alleine ist. Der Kinderschutzbund biete stets Ansprechpartner, „es gibt ein Netz, das da ist, wenn man es braucht“, sagt Maren. Hinzu kämen Fortbildungen und Pflegeelternabende, die nicht nur interessant seien, sondern auch manch vermeintliches Problem relativieren würden.
Maren und Till haben ihre Entscheidung, Pflegekinder aufzunehmen, nie bereut. „Man muss Geduld mitbringen, genauso wie Kraft und Ausdauer“, meint Till. Und man müsse sich bewusst darüber sein, dass man als Paar zurücksteckt. „Aber das muss man kein bisschen weniger bei leiblichen Kindern“, lacht Maren.
Herzliche Familien-Atmosphäre
„Eine Pflegefamilie als Hilfe zur Erziehung ist eine zeitlich befristete Erziehungshilfemaßnahme oder eine auf Dauer angelegte Lebensform für Kinder, die wegen ihrer Lebensumstände nicht in den Herkunftsfamilien bleiben können“, definiert der Kinderschutzbund. Im Kreis Euskirchen wurde der Pflegekinderdienst vor mehr als zwei Jahrzehnten an den Euskirchener Kinderschutzbund delegiert, der sich seither um Gewinnung, Auswahl und Schulung von Pflegeeltern kümmert und sie dabei begleitet.
Zurzeit sind rund 250 Kinder im Kreis Euskirchen in 200 Pflegefamilien untergebracht. Wer Pflegestellen betreibt, benötigt keine pädagogische Vorbildung, muss jedoch die Bereitschaft mitbringen, dem Kind eine herzliche Familien-Atmosphäre zu bieten.
Die nächste Schulung für angehende Vollzeitpflegepersonen beginnt am 7. Februar 2018. Bewerben kann man sich bei Anne Keßeler vom Kinderschutzbund, Tel. 0 22 51/70 25 815. (hn)
a.kesseler@kinderschutzbund-eusk.de
Eine wertschätzende Grundhaltung ist Voraussetzung
Kreis Euskirchen. „Bei den Kindern, die in Pflegefamilien leben, sehen wir häufig sehr gute Fortschritte und Entwicklungen. Darüber freuen sich dann auch oft die leiblichen Eltern“, so Anne Keßeler, die Koordinatorin der Vollzeitpflege für den Kreis Euskirchen. Auch Benedikt Hörter, Teamkoordinator beim Kreisjugendamt, bestätigt: „Die Vollzeitpflege ist eine sehr erfolgreiche Hilfe.“ Das spiegelt sich unter anderem auch daran, dass es nur eine sehr geringe Abbruchquote gibt.
Voraussetzung hierfür ist eine sehr sorgfältige Auswahl und Zusammenführung. Wer Pflegefamilie werden möchte, muss sich darauf einlassen, unter die Lupe genommen zu werden. So werden die Beweggründe der Bewerber genauso kritisch hinterfragt wie deren Fähigkeit, sich auch auf die leiblichen Eltern einzulassen, denn die gehören immer dazu.
Reflexionsfähigkeit und Offenheit
„Wir führen sehr ausführliche Biografie-Gespräche mit den Bewerbern und betrachten deren Lebensläufe“, so Keßeler. Dabei gehe es nie um richtig oder falsch, sondern um Entwicklungen, um wertschätzende Grundhaltungen, Reflexionsfähigkeit und Offenheit. Wer ein Pflegekind bei sich aufnimmt, muss wissen, dass er einen Menschen begleitet, der „ein Päckchen trägt“, wie Anne Keßeler es formuliert.
Das allerdings setzt im Umkehrschluss keine pädagogische oder therapeutische Ausbildung voraus, „vielmehr geht es darum, das Kind anzunehmen, wie es ist, es zu beschützen und angemessen zu fördern“.
Rückführung ist immer zielführend
Was Familien oder Paare, die sich für eine Vollzeitpflegschaft interessieren, berücksichtigen müssen, ist die Tatsache, dass „eine Rückführung des Kindes in die Herkunftsfamilie immer zielführend ist“, erklärt Benedikt Hörter. Wenn sich die leiblichen Eltern positiv entwickeln, kann es also auch heißen, dass man wieder Abschied nehmen muss. „Bewerber müssen sich darüber im Klaren sein. Es geht nicht um sie, sondern um das Kind“, so Hörter.
Pflegeeltern bekommen für ihre verantwortungsvolle Aufgabe auch Geld. Das sogenannte Pflegegeld ist eine Aufwandsentschädigung und keinesfalls dafür gedacht, mit der Pflegschaft Geld zu verdienen. Jugendamtsmitarbeiter Hörter: „Vollzeitpflege ist so etwas wie bezahlte Ehrenamtlichkeit.“ (hn)
