Bad Münstereifel – Der Griff nach der Tasse oder dem Teller ist ein Vorgang, der jeden Tag x-mal geschieht. Porzellan ist für die meisten Menschen ein unbedeutendes Material. Höchstens Omas Blümchen-Service hat als Erbstück noch einen Wert.
Wenn André Thoß aber über Porzellan redet, ist er völlig in seinem Element. Da erscheint der Werkstoff bereits beim Zuhören in völlig anderer Wertigkeit. Gemeinsam mit Thomas von Döllen hat André Thoß 2012 in Bad Münstereifel die „Porzellanmanufaktur von Döllen“ gegründet. Rund ein Jahr lang haben die beiden darauf hingearbeitet, nun ihren eigenen Showroom an der Kölner Straße eröffnen zu können.
„Der Laden gehört meinen Eltern. Sie hatten hier einen Kunst- und Antiquitätenhandel“, erzählt von Döllen. Zuletzt war dort ein Matratzengeschäft ansässig. „Wir haben im vergangenen Jahr in der Gewerbehalle hinter dem Haus unsere Werkstatt eingerichtet mit der Option, das Ladenlokal zu übernehmen, wenn das Matratzengeschäft kündigt“, so von Döllen. Das geschah denn recht schnell. Mit viel Akribie und Liebe zum Detail verwandelten die beiden das Ladenlokal in einen exklusiven Showroom. „Die Stuckdecken-Elemente haben wir selbst gegossen“, berichtet Thoß.
„Am liebsten arbeite ich kreativ, aber ich komme kaum dazu, weil ich so viele Auftragsarbeiten habe“, erzählt der 31-jährige Thoß. Für den Stil seiner Arbeiten findet Thoß sofort klare Worte: „Klassisch, modern, frisch, anders.“ Thoß’ Philosophie: „Es gibt kein hässliches Dekor, nur falsch interpretiertes. Frech interpretiert funktioniert alles.“ So sehen André Thoß und Thomas von Döllen auch ihren Auftrag am Kunden. „Die Kunden dazu zu animieren, mit uns Verteidiger des guten Geschmacks zu sein“, so von Döllen.
Ihre Produkte brechen oft deutlich mit dem klassischen Stil. So findet sich im Showroom der Manufaktur nicht nur Porzellan in modernem Design. Auch eine formvollendet Obstschale ist etwa zu sehen. Auf den zweiten Blick erst sieht man: Getragen wird sie von silbernen Totenköpfen.
André Thoß, der im sächsischen Rodewisch geboren wurde, ist staatlich geprüfter Dekorentwerfer, hat eine Hochbegabten-Prüfung absolviert und sein Diplom im Studiengang Produkt-Design in Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur Meissen bestanden. Unter anderem arbeitete er bereits als Designer bei Villeroy & Boch.
Thomas von Döllen erwarb sich sein handwerkliches Geschick schon früh im elterlichen Restaurationsbetrieb. Nach der Schule volontierte er bei den Bühnen der Stadt Köln im Bereich Oper, Schauspiel und Ballett. Er arbeitete als Kostümbildner und studierte Modedesign in Düsseldorf. Für Theater, Messen und mediale Arbeiten fertigte er Kostüme an. Er ist spezialisiert auf historische Mode. (mjo)
Sein Skizzenbuch hat Thoß stets dabei. „Ich habe schon vier Skizzenbücher mit je 100 Seiten voll. Damit könnte ich viele Firmen versorgen. Aber die gehören mir“, sagt er schelmisch lächelnd.
Die Herstellung der Porzellanwerke geschieht in vielen Schritten. „Jeder Fehler zieht sich durch. Das ist ein böser Lehrmeister“, so Thoß. Als Arbeitsgeräte bevorzugt er Zahnarzt-Werkzeuge, da er mit ihnen am filigransten arbeiten kann. Zunächst werden Gips-Modell angefertigt, von denen Gießformen erstellt werden, in die die flüssige Porzellanmasse gefüllt wird. Mehrfach wird das Porzellan gebrannt und bearbeitet. Beim letzten Brennvorgang herrschen 1265 Grad im Ofen. „Dabei sind fünf Grad Unterschied schon enorm“, verrät Thoß. Die Porzellan-Produktion sei aufwendig. „Es heißt nicht umsonst das ,weiße Gold’. Man muss erkennen, dass die Arbeit im fertigen Stück steckt. Die Vorarbeit ist nur Mittel zum Zweck“, sagt Thoß.
In seiner Lehrzeit habe er immer wieder Tricks von den erfahrenen Meistern erhalten. „Dahinter stecken 300 Jahre Erfahrung“, weiß er. Auch bei farbigem Porzellan wird viel mit der Pigmentierung experimentiert. „Da kommt es auf das richtige Mischungsverhältnis an. Die Porzellanmanufaktur Meissen hat dafür sechs Jahre gebraucht und sich das natürlich direkt patentieren lassen“, weiß Thoß. „Und ich als Laie schütte irgendwas zusammen und bekomme ein perfektes Ergebnis“, plaudert von Döllen. „Der hat einfach irgendwas zusammengeschüttet. Ich dachte, das kann doch nichts geben“, zeigt sich sein Kompagnon immer noch fassungslos.
Neben der Ausgestaltung eigener Ideen produzieren die beiden auch für Künstler. „Als wir das Konzept für unsere Manufaktur geschrieben haben, hatten wir gar nicht auf dem Schirm, dass das eine Einnahmequelle ist“, erzählt von Döllen. Denn mittels Porzellan lassen sich exakte Repliken von Kunstwerken erstellen, die individuell und hochwertig – etwa durch Platin- oder Goldschicht – gestaltet werden können. „Diese Serien mit Variationen sind für Kunden sehr interessant, wenn sie individuelle Stücke haben wollen“, so Thoß.
Zur Eröffnung des Showrooms waren die Künstler Marlies Stock und Emil Schult (Ex-„Kraftwerk“-Gitarrist und Texter von „Das Modell“), die mit der Manufaktur zusammenarbeiten, angereist.
