Kreis Euskirchen – Während Tausende Jecke im Eifelland in diesen Tagen ausgelassen feiern, ist in dem großen Büro im Erdgeschoss des Kreishauses nichts vom Trubel zu spüren. Ruhig und professionell arbeitet dort die Crew der Rettungsleitstelle. Nicht nur an Karneval, sondern an jedem Tag im Jahr kümmern sich die Mitarbeiter darum, dass Rettungskräfte losgeschickt werden, wenn die „112“ gewählt wurde.
Wird ein Notfall gemeldet, fallen in diesem Raum an den mit zahlreichen Bildschirmen ausgestatteten Arbeitsplätzen blitzschnell die Entscheidungen über den Einsatz von Notarzt, Rettungswagen und Feuerwehren. Dabei geht es meistens um Sekunden. Aber was geschieht eigentlich genau, wenn man den Notruf wählt?
Wo „landet“ der Anrufer?
Zwei feuerwehrtechnische Beamte sind rund um die Uhr im Dienst. Ein weiterer Disponent wird zur Organisation der Krankenfahrten und zur Abdeckung der Einsatzspitzen an Werktagen bis 19 Uhr eingesetzt. Je zwei Mitarbeiter versehen einen zwölfstündigen Wechseldienst. Technisch ist die Leitstelle intern dreifach abgesichert – auch gegen Stromausfall.
Leiter der Leitstelle ist seit Mitte 2015 Martin Fehrmann. Er trat die Nachfolge von Werner Koenn an. Technischer Leiter ist Siegbert Ohlerth. Zurzeit versehen rund 15 Beamte ihren Dienst, darunter ist eine Frau.
Im Bedarfsfall (etwa bei Großeinsätzen) können fünf Arbeitsplätze besetzt werden. Sobald sich ein solches Szenario abzeichnet, werden die dienstfreien Mitarbeiter unterrichtet. Neben dem eigentlichen Leitstellenraum verfügt die Leitstelle über einen Stabsraum, Räume für den Führungs- und Lagedienst und Sozialräume. Fehrmann: „Ein Disponent muss natürlich stressresistent sein, aber auch Tröster und Lebensberater.“ (küp)
Polizei und Rettungsdienste hatten zur Eröffnung des Straßenkarnevals nach eigenen Angaben ruhige Dienste. Laut Bilanz der Kreis Euskirchener Polizei gab es an Weiberdonnerstag und in der Nacht zum Freitag „keine besonderen Einsatzlagen“.
Insgesamt musste die Polizei zu 29 karnevalsbezogenen Einsätzen ausrücken. Es wurden neun Körperverletzungen angezeigt, wobei insgesamt neun Personen verletzt wurden, davon eine schwer. Ein 21-Jähriger aus Euskirchen musste nach mehrfachem Platzverweis in Gewahrsam genommen werden. Er wollte einem Bekannten helfen, der auf der Neustraße von Polizeibeamten zur Wache gebracht werden sollte. Der betrunkene Euskirchener leistete Widerstand und musste gefesselt werden. Er und insgesamt vier weitere Personen verbrachten den Rest des Weiberdonnerstags in der Gewahrsamszelle. Es wurde eine Sachbeschädigung angezeigt.
„Das Einsatzaufkommen lag nur geringfügig über dem des Vorjahres mit 22 Einsätzen“, bilanzierte die Polizei am Freitag.
Auch Martin Fehrmann, der Leiter der Rettungsleitstelle, sprach von „keine Besonderheiten“. Die Rettungsleitstelle hatte personell aufgerüstet und zu den üblichen neun Rettungswagen noch drei Zusatzfahrzeuge 24 Stunden eingesetzt. „Aus unserer Sicht war es ein normaler Karnevalsdonnerstag“, resümierte Fehrmann.
Hatte die Rettungsleitstelle im vergangenen Jahr noch elf karnevalsbezogene Einsätze registriert, waren es in diesem Jahr nur sieben. „Alle Betroffenen hatten übermäßig Alkohol genossen“, so Fehrmann. In Weilerswist kam ein Jeck nach einer Schlägerei ins Euskirchener Krankenhaus. Zu viel getrunken hatten Jecke in Euskirchen, Zülpich, Bad Münstereifel und Mechernich, so dass die Mitarbeiter des Rettungsdienstes sich um sie kümmern mussten. (küp)
Die Notrufe werden in der Rettungsleitstelle angenommen und bearbeitet. Seit Anfang des Jahres heißt die Einrichtung aufgrund einer Gesetzesänderung offiziell „Leitstelle für Brandschutz, Hilfeleistung, Katastrophenschutz und Rettungsdienst“. Die Anrufe laufen in der örtlich zuständigen Leitstelle auf – Ausnahmen kann es geben, wenn Handyanrufe über einen Funkmast übermittelt werden, der nahe der Kreis- und Landesgrenzen steht. Gleiches gilt für Festnetz-Anschlüsse im Grenzbereich. Die nächsten Rettungsleitstellen sind in Düren, Aachen, Trier, Koblenz, im Rhein-Erft- und Rhein-Sieg-Kreis. Diese informieren dann die Euskirchener Kollegen.
In einem Jahr wickelt die Rettungsleitstelle 33000 Einsätze ab, darunter 2000 Feuerwehreinsätze. „Die Einsatzzahlen steigen stetig“, so Leitstellen-Leiter Martin Fehrmann. Am Wochenende sieht das Einsatzgeschehen durch Feiernde anders aus als an einem Werktags-Vormittag.
Bewertung
Bei einem Notruf geht es für die Disponenten darum, möglichst schnell ein möglichst genaues Bild zu erlangen. Der „rote Faden“ sind die W-Fragen: Wo ist der Notfall? Was ist geschehen? Wie viele Verletzte/Betroffene sind zu versorgen? Welche Verletzungen oder Krankheitszeichen haben sie? Um die Lage noch genauer einschätzen zu können, stellen die Leitstellen-Mitarbeiter Fragen nach einem von Notfallmedizinern anerkannten Schema. Dabei geht es etwa um Atmung, Bewusstsein oder Kreislaufsituation. Bei einem Verkehrsunfall geht es zudem um Dinge wie Brandgefahr und eingeklemmte Personen.
Entscheidung
Bei der Entscheidung, ob Notarzt, Feuerwehr oder andere Hilfsorganisationen alarmiert werden, wird der Disponent von einem Einsatzleitsystem unterstützt. Dieses errechnet aufgrund vieler Daten einen Einsatzvorschlag. Grundlage dafür sind Szenarien, die für die Alarmierung verantwortlichen Stellen hinterlegt haben – von Kreis zu Kreis ist das unterschiedlich.
Alarmierung
Für medizinische Notfälle sind Schlagworte und Einsatzstufen festgelegt. Diesen liegt ein Maßnahmen-Katalog zugrunde, den ärztliche Gremien erarbeitet haben. Wenn der Disponent etwa das Schlagwort „Herzinfarkt“ eingibt, wird daraus ein Notarzteinsatz: Rettungswagen und Notarzt sind gefragt. Das Einsatzleitsystem errechnet in wenigen Sekunden einen Vorschlag, welcher Rettungswagen und welcher Notarzt die – rechnerisch – kürzeste Fahrzeit von ihrem Standort (nach GPS-Daten) haben. Der Leitstellen-Mitarbeiter prüft dies und löst die Alarmierung aus.
Ähnliches gilt für Feuerwehreinsätze: Auch dafür gibt es einen Schlagwortkatalog, anhand dessen das System die notwendigen Fahrzeuge errechnet. Schlagworte sind etwa „Zimmerbrand“ oder „Gasausströmung“. Insgesamt umfassen die Kataloge Hunderte Schlagworte.
Planung
Alarmierungsplanung bedeutet grundsätzlich die Überlegung: Mit welchen Mitteln – also Fahrzeugen, Geräten und Personal – wird an welchem Ort auf einen Notfall reagiert? Dazu gibt’s im Bereich der Feuerwehr einzelne Zonen – Wach- und Ausrückebereiche – und eine Reihenfolge der Feuerwehren nach Entfernung zu potenziellen Einsatzorten . Auch gibt es zu den Schlagworten eine Aufstellung, mit welchen Geräten eine Feuerwehr zu alarmieren ist. Im Bereich Rettungsdienst wird ähnlich verfahren. Grundsätzlich gilt: Wer den Notfallort schnellstmöglich erreichen kann und für die Erfordernisse geeignet ist, wird alarmiert. Für die Alarmierungsplanung im Kreis Euskirchen ist die Abteilung 38 (Gefahrenabwehr) um Kreisbrandmeister Udo Crespin zuständig.
Kurioses
Auch kuriose Einsätze laufen in der Leitstelle auf: „Einmal hatte sich ein Pärchen im Bett mit Handschellen vergnügt. Weil aber der Schlüssel weg war, musste die Feuerwehr kommen und die Frau befreien“, erzählt Fehrmann. Doch auch wegen ganz anderer Fälle melden sich Bürger bei der Leitstelle. „Wenn zum Beispiel die Mülltonne nicht geleert wurde. Dafür sind wir natürlich nicht zuständig und das behindert den Notruf“, sagt Fehrmann. Er und seine Mitarbeiter haben auch festgestellt: „Die soziale Vereinsamung nimmt leider zu.“
Karneval
In den Räumlichkeiten des Rotkreuz-Zentrums in Euskirchen wird die Rettungsleitstelle an den jecken Tagen von Rotem Kreuz und Malteser Hilfsdienst unterstützt. „Dort ist eine Koordinierungsstelle eingerichtet, die die karnevalsbedingten Betreuungs- und Hilfseinsätze steuert. Dies geschieht im permanenten kommunikativen Austausch und hat sich schon seit einigen Jahren bewährt“, erklärt Fehrmann.
Notrufmissbrauch
Auch mit Notrufmissbrauch hat die Crew um Fehrmann zu kämpfen, denn nicht immer handelt es sich um ein Hilfeersuchen. „In dieser Zeit ist der entsprechende Notruf blockiert und mindestens ein Kollege damit beschäftigt, den vermeintlichen Notruf abzufragen“, so Fehrmann. Laufen währenddessen andere Einsätze oder ein „echter“ Notruf auf, kommt es unter Umständen zum Verzug in der Bearbeitung. Fehrmann: „Derjenige, der mit dem Notruf ,spielt’, sollte sich im Klaren darüber sein, welchen Schaden er seinen Mitmenschen unter Umständen zufügt.“ Nicht nur, dass die Rettungsmittel während dieser Zeit nicht für andere, reale Einsätze zur Verfügung stehen.
Auch die Einsatzfahrten mit Sonder- und Wegerechten bergen ein Unfallrisiko für die Besatzungen der Einsatzfahrzeuge. „Wird gar die Feuerwehr zu einem fiktiven Brand gerufen, entstehen immense Lohnausfallkosten, die die Arbeitgeber der Feuerwehrangehörigen bei der jeweiligen Stadt oder Gemeinde geltend machen“, erklärte Fehrmann. Durch modernste technische Kommunikationsmittel ist es laut Fehrmann inzwischen möglich, den Großteil der „falschen Notrufe“ zurückzuverfolgen. Nicht nur, dass die Kosten für die alarmierten Einsatzkräfte geltend gemacht werden. „Der Missbrauch des Notrufs stellt kein Kavaliersdelikt dar, sondern ist eine Straftat, die mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet wird.“