Euskirchen – Das letzte Mal, dass ich 100 Meter am Stück gelaufen bin? Karneval – als ich vom Alten Markt zur Wilhelmstraße joggte, um ein gutes Foto zu bekommen. Anschließend hatte ich bis Rosenmontag Muskelkater. Ansonsten war ich in den vergangenen Monaten schon sportlich unterwegs. Jeden Sonntag standen vier bis fünf Sportplätze auf dem Programm. Aber ich musste eben nur Menschen fotografieren, die gerade Sport machten.
Das musste sich ändern. Also nahm ich mir vor, das Sportabzeichen zu machen – wenn auch völlig untrainiert. Zwei Tage vor dem Termin im Euskirchener Erftstadion beschäftigte ich mich zumindest schon einmal mit den Disziplinen und den Anforderungen. Mein einziges Training waren ab da die Stufen zur Redaktion, weil ich auf den Fahrstuhl verzichtete. In der Theorie war mir klar, dass Werfen und Springen machbar sind – auch wenn sich die Disziplinen etwas antiquiert anhörten: Schleuderball-Weitwurf und Standweitsprung.
Die Laufdisziplinen 100 und 3000 Meter sind zwar modern, aber für mich in meinem Zustand nicht zu schaffen. Okay, bei 100 Metern ins Ziel wollte ich schon kommen. Aber unter 16 Sekunden? Niemals!
Dennoch war ich „heiß“. Die Temperaturen allerdings auch. Ich erinnerte mich auf dem Weg ins Erftstadion aber an eine Aussage des ehemaligen Fußball-Nationaltrainers Berti Vogts: „Wenn den Spielern zu heiß ist, müssen sie schneller rennen, dann kühlt auch der Gegenwind mehr.“ Die erste frohe Kunde ereilte mich bereits vor der ersten Disziplin. „Sie sind schon 35 Jahre, weil Stichtag der 1. Januar ist“, sagte mit Ralf Endres. Durch die Aussage des Sportabzeichen-Beauftragten der Stadt Euskirchen rutschte ich eine Kategorie weiter, die Anforderungen wurden etwas geringer – das erste Mal seit 16 Jahren, dass ich froh war, ein Jahr älter zu werden. An meinem Ziel, das Sportabzeichen in Bronze abzulegen, änderte das nichts.
Ein Versuch, Weite geschafft
Von der ersten Disziplin hatte ich vorher nur mal etwas gehört. Einen Schleuderball geworfen hatte ich aber noch nie. Kein Wunder, dass die Würfe zunächst eher hoch als weit gingen. Der erste Versuch unter „Wettkampf-Bedingungen“ war allerdings gar nicht so schlecht: 30,50 Meter. Anderthalb Meter weiter als ich für das Sportabzeichen in Bronze brauchte. Ein Versuch – Weite geschafft! Kräfte für den Standweitsprung schonen.
Und wieder reichte der erste Versuch, die geforderte Weite zu schaffen. Nach 2,30 Meter landeten meine 78 Kilo in der Grube. 1,65 Meter hätten für Bronze gereicht, doch ich flog sogar zu Gold. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet.
Allerdings standen die zwei Furcht einflößenden Disziplinen noch auf dem Laufzettel, den man mir in die Hand gedrückt hatte. Und der Name war Programm, denn ich musste wirklich noch laufen. Für Bronze durfte ich nicht mehr als 16 Sekunden für die 100 Meter brauchen. Nach einem minimalistischen Aufwärmprogramm ging ich die Strecke einmal ab und bereitete mich so mental vor. „Verdammt lang für einen ehemaligen Torwart. Ich war doch schließlich nicht ohne Grund ins Tor gegangen. Ich wollte nie viel und schon mal gar nicht schnell laufen“, dachte ich mir.
Jetzt musste ich. Zwar wäre ich nach 50 Metern am liebsten schon abgebogen, doch irgendwie schaffte ich es über die Ziellinie. Die Zeitnehmerin ließ mich eine gefühlte Ewigkeit auf meine Zeit warten. 14,3 Sekunden! Silber! Ich konnte es nicht fassen, aber selbst für eine gedankliche Ehrenrunde zur Melodie von Whitney Houston „One moment in time“ reichte meine Kraft nicht mehr. Stattdessen versuchte ich einen Sprung über die Hochsprunglatte – kläglich gescheitert, aber die Kategorie brauchte ich ja gar nicht mehr abzulegen. Hochsprung gehört in die Gruppe Koordination – genau wie Schleuderball.
Also fehlte noch die Gruppe Ausdauer und die damit verbundenen 3000 Meter. Hier ist die Geschichte schnell erzählt. Wenn man das erste Mal nach neun Monaten Sport macht, schafft man die Strecke nicht – zumindest nicht derjenige, der wegen eines Fotos Muskelkater bekommt. Beendet ist das Projekt Sportabzeichen deshalb aber nicht. Im Gegenteil: Jetzt hat mich der Ehrgeiz gepackt. Jetzt will ich das Sportabzeichen auch wirklich schaffen und die Distanz in mindestens 19.50 Minuten absolvieren, auch wenn das Muskelkater gibt. Schließlich macht aktiver Sport genauso viel Spaß, wie andere dabei zu fotografieren.
Das Sportabzeichen ablegen könne Sportler jeden Mittwoch zwischen 17 und 19 Uhr im Euskirchener Erftstadion.