Hellenthal – Manches ließ aufmerken bei der Verlegung von mehreren sogenannten Stolpersteinen durch den Künstler Gunter Demnig in Hellenthal. Unter anderem war das die Tatsache, dass diesmal neben mehreren jüdischen Familien auch Ortsgeistliche beider christlichen Konfessionen durch die Verlegung von Stolpersteinen als Opfer des nationalsozialistischen Terrors herausgestellt wurden.
Die Botschaft war deutlich: Das Wüten nationalsozialistischer Fanatiker konnte prinzipiell jeden treffen, der nicht mit der NS-Ideologie konform war. Im konkreten Fall hatte die Aktion aktuell jedoch innerkirchlich auf katholischer Seite für einige Aufregung gesorgt. Da wurde etwa diskutiert, wieso der katholische Pfarrer Leonhard Bauer als Märtyrer bezeichnet werde, obwohl er letztlich nach Kriegsende seinem Leben selbst ein Ende bereitete.
Verwandte der jüdischen Familien reisten an
Tatsächlich weist die Geschichte der Verfolgung im Nationalsozialismus den Pfarrer eindeutig als Opfer aus, dessen Lebensmut bis zum Kriegsende vernichtet wurde. Dazu fand Ortspfarrer Philipp Cuck in seiner Ansprache klare Worte, indem er die Urheber der jetzigen Debatte als „frömmelnde Sesselpupser“ bezeichnete.
Auch der evangelische Pfarrer Wilhelm Hermann zählt zu den Nazi-Opfern. Auch an seinem ehemaligen Pfarrhaus erinnert nun ein Stolperstein an das Leiden dieses Mannes unter den Hellenthaler Nationalsozialisten.
Zum Auftakt der Veranstaltung war es den Initiatoren und Bürgermeister Rudolf Westerburg eine besondere Freude, auch Verwandte mehrerer jüdischer Familien, für die Stolpersteine verlegt wurden, willkommen zu heißen. Aus Malmedy war die 79-jährige Angela Stoffels, geborene Kaufmann, gekommen. Ihr Vater war ein Jude aus Hellenthal, die Mutter war als Dienstmädchen ins Haus Kaufmann gekommen. Die Familie lebte in Ramscheid, dem Heimatort der Frau. Zwei Tage nach der Geburt der Tochter Angela musste der Vater nach Belgien fliehen, wo ihn der NS-Terror später ereilte.
Alfred Kaufmann, der aus Brüssel zur Stolperstein-Verlegung gekommen war, war im März 1939 nach Malmedy geflüchtet, wo er bei einem Bauern zwei Zimmer mietete. Alfred und Angela Kaufmann waren jetzt zur Stolperstein-Verlegung für ihren Onkel und die Tante gekommen. Im kommenden Jahr sollen auch für die Eltern Stolpersteine verlegt werden.
Was fühlen solche Angehörige der Nachfolge-Generation heute angesichts des öffentlichen Gedenkens in Hellenthal? Dazu sagte Angela Stoffels: „Es ist erstaunlich, dass es so ans Licht kommt.“ Und Alfred Kaufmann meinte: „Vorher hat man sehr wenig über unsere Eltern gesprochen.“ Beide begrüßten das jetzige Gedenken ausdrücklich.
Die weiteste Anreise hatte Hanna Ruben, eine Enkelin der jüdischen Hellenthaler Familie Haas, deren Haus und Geschäft nahe der evangelischen Kirche in Kirschseiffen stand. Ruben, inzwischen bereits betagt, aber geistig sehr fit, berichtete von ihrer Erinnerung aus Kindertagen an die Flucht der Familie von Frankfurt nach Frankreich und von dort in die sicheren Vereinigten Staaten. Das Mädchen hatte damals von einem Onkel eine Puppe zum Abschied geschenkt bekommen. Bei der Ausreise aus Deutschland rissen uniformierte Deutsche an der Grenze ihrer Puppe den Kopf ab, um zu sehen, ob die Familie in der Puppe Wertsachen mitführe.
Eine recht große Menschenmenge nahm an dem Gedenken teil. Es dürften knapp 100 gewesen sein. Namens der Initiatoren vom Arbeitskreis „Juden im Tal. Hellenthal“ (JudiT.H) begrüßte nach einem angemessenen musikalischen Auftakt durch Anja Bäcker und Musiker der Hauptschule Karl Reger die Teilnehmer und insbesondere die dazu gekommenen Verwandten der NS-Opfer. Dann ergriff Bürgermeister Rudolf Westerburg das Wort. Er lud die Nachfahren der Opfer nach der Verlegung der Stolpersteine zu einem Empfang ins Rathaus ein, wo er später den Familien jeweils den Wappenteller der Gemeinde Hellenthal überreichte.
Die Pfarrer Oliver Joswig und Philipp Cuck sprachen Grußworte am Ort der Stolperstein-Verlegung ihrer Amtsbrüder. Schüler trugen in deutscher und englischer Sprache Kurzbiografien der Opfer des Nazi-Terrors vor.
