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Thomas Huyeng„Drei Monate, dann bin ich hier weg“

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Geschenke  erinnern Thomas Huyeng an viele Treffen. Mit Bürgermeister Dr. Uwe Friedl bildete er zuweilen ein Doppel am Kickertisch. „So kam man mit den Menschen ins Gespräch“, sagt der scheidende Beigeordnete: „Und wir haben auch ganz gut  gekickert.“

Euskirchen – Dieser verflixte Zeh! Und dann eiterte er auch noch. Schmerzverzerrt tauschte der Jungjurist die offenen Birkenstock-Sandalen gegen die feinen schwarze Schuhe ein. Schließlich hatte er seinen ersten Tag in der Kanzlei, in der er mit einem dreimonatigen Aufenthalt seine Anwalts-Karriere starten wollte. „Danach bin ich hier weg“, war sein erster Gedanke.

Thomas Huyeng erinnert sich an seinen ersten Tag in Euskirchen. Dass ihm ein Unbekannter als „Willkommensgruß“ auch noch einen tiefen Kratzer auf die Haube seines erst kürzlich gebraucht erworbenen Passats verpasst hatte, verstärkte dieses Vorhaben, dieser komischen Stadt sobald wie möglich den Rücken zu kehren. Das war 1990.

Nun sitzt Huyeng in seinem Büro. „Die drei Monate haben 22 Jahre gedauert“, sagt er und nimmt einen Schluck Tee. Als folgte das Leben einem Drehbuch, das der Hauptdarsteller selbst verfasst hat, endet diese Zeit mit einem Höhepunkt. „Meine letzte Amtshandlung wird die Unterschrift unter die Verträge zum Badeparadies sein.“

Wer hätte das 1990 gedacht? Über seinen Repetitor an der Uni Bonn –, einen gewissen Dr. Ingo Wolf, war Huyeng zur besagten Kanzlei gelangt. Dass Wolf damals Erster Beigeordneter in Euskirchen war, habe er da gar nicht gewusst, so Huyeng. Dass er einmal dessen Nachfolger werden würde, konnte niemand ahnen. Drei Monate – dann wollte er ja wieder weg sein...

Von wegen. Huyeng blieb in der Kanzlei, die Familie ließ sich in Flamersheim nieder. Warum gerade dort? „Ich hatte mich verfahren“, sagt er zur Verwunderung seines Gesprächspartners. Der ehemalige stellvertretende Bürgermeister und Anwaltskollege Franz Roggendorf habe ihm Kirchheim ans Herz gelegt. „Dann stand ich auf diesem Marktplatz und dachte: Hier will ich wohnen.“ Dass dies aber nicht der Marktplatz von Kirchheim, sondern der von Flamersheim war, habe er erst danach erfahren. „Flamersheim ist toll“, sagt Huyeng heute: „Ich habe mich nie als ,Imi’ gefühlt.“ Schon gar nicht, als er 1994 in den Stadtrat gewählt und sofort stellvertretender Fraktionschef unter Dr. Theo Wattler wurde. „Von ihm habe ich viel gelernt“, sagt Huyeng über den heutigen Ehrenbürger. Das war auch nötig, 1999. Dr. Uwe Friedl wurde da erstmals zum Bürgermeister gewählt und er übernahm Wattlers Posten.

Dass er einer der Jüngeren in der Fraktion war, in der sich auch erfahrene Köpfe wie Leo Lennartz befanden, habe ihn nicht abgeschreckt: „Ich habe versucht, von denen zu lernen.“ Gerne erinnert er sich auch an seinen damaligen SPD-Gegenspieler Wolfgang Seeck: „Wir haben mächtig gestritten.“ Doch noch heute vergehe kein Geburtstag, an dem er Seeck nicht anrufe, um ihm zu gratulieren.

Aus den „drei Monaten Euskirchen“ waren inzwischen zwölf Jahre geworden, als Huyeng die Seiten wechselte. Friedl habe ihn 2002 gefragt, ob er Beigeordneter werden wolle. Er bat um Bedenkzeit: Vom Rat in die Verwaltung? Vom Fraktionsvorsitz schnurstracks ins Beigeordneten-Büro? „Da war der Verdacht des Klüngels vielleicht gar nicht so abwegig.“ Doch Lennartz habe ihn ermutigt, den Schritt zu wagen, wenn er es sich zutraue und bereit sei, sich dem Wettbewerb mit den Mitbewerbern zu stellen. Huyeng folgte dem Rat. Fortan bildeten Friedl und Huyeng ein Doppel – „ein harmonisches Doppel“, so Huyeng. Trotz der Gegensätze, oder gerade wegen dieser. Hier der asketisch wirkende Friedl, der Probleme am liebsten bereits vor deren Aufkommen gelöst sieht, dort der nicht ganz so asketisch wirkende Huyeng, der gerne etwas Zeit für eine Konsenslösung investiert.

Huyeng bestreitet nicht, dass beide ihre gegensätzlichen Charaktereigenschaften bisweilen zum Erreichen gemeinsamer Ziele bewusst eingesetzt haben: „Da sind wir Profis genug“, sagt er lächelnd.

Zuweilen hätten die beiden Christdemokraten die Rollen auch schon mal getauscht – zur Verwirrung der Gegenüber. Die CDU-Mitgliedschaft, die Huyeng seit Jugendtagen innehat, habe als Beigeordneter kaum eine Rolle gespielt. Es sei ihm um Lösungen in Schul-, Kita- und Sozialfragen gegangen, sagt der 51-Jährige. Bereits in den 1980ern hatte er seine Unabhängigkeit bewiesen, als er gegen die Nato-Nachrüstung im Bonner Hofgarten mit mehreren 100 000 anderen Menschen demonstrierte – eine Fehleinschätzung, wie er gesteht. „Heute weiß ich, dass die Nachrüstung das Ende des Kalten Krieges eingeläutet hat“, sagt er, um nach diesem kurzen Exkurs die Bilanz seiner Zeit in Euskirchen fortzusetzen. Das Badeparadies, die Offenen Ganztagsschulen und die jährlichen erfolgreichen Spendensammlungen von mindestens 40 000 Euro zur Erhaltung der Notschlafstelle für Obdachlose fallen ihm als Erfolge ein: „Es ist aber nie mein eigener Erfolg, sondern der mehrerer engagierter Menschen.“ Dass er als Hausjurist ehemalige Verwaltungsmitarbeiter vor dem Arbeitsgericht wiedertraf, bilanziert Huyeng unter Niederlagen. Dagegen stünden aber zahlreiche Treffen mit Ehrenamtlern, Rettungsbediensteten sowie das ein oder andere Gespräch mit Obdachlosen in der Notschlafstelle als Erfahrungen, die er nicht missen wolle.

Und nun wird er Beigeordneter in Hagen. Mit 51 Jahren, jetzt wo die drei Kinder aus dem Haus sind, wolle er sich noch mal beruflich verändern.

Die Zeit in Euskirchen werde er in sehr guter Erinnerung behalten, sagt Huyeng. Jene drei Monate also, die 22 Jahre dauerten...