Euskirchen – Es ist einer dieser Tage, an denen es gar nicht richtig hell werden will. Dauerregen hat auf Gehwegen und Straßen Pfützen hinterlassen, es dauert nicht lange, bis die klammen Hände eigentlich in die Jackentaschen schlüpfen wollen. Doch sowohl Jana Bienfuß als auch die Reporterin brauchen ihre Hände – die eine zum Austragen einer großen Menge Post, die andere zum Notieren.
Gemeinsam wird an diesem Morgen in der Euskirchener City die Post verteilt. Keine gemütliche Angelegenheit, die 23-jährige Zustellerin bewegt sich mit beachtlicher Geschwindigkeit durch die Straßen. „Das Wetter macht mir nichts aus“, versichert sie. In dem fahrbaren Postbehälter, den die zierliche Frau vor sich her schiebt, warten bis zu 50 Kilo Post auf ihre Adressaten – von banalen Rechnungen über großformatige Bewerbungsschreiben, Kataloge und Abo-Zeitschriften bis hin zu Einschreiben, postalischen Feriengrüßen und handgeschriebenen Liebesbriefen.
Von der Kinderpflegerin zur Postbotin
Im Schnitt sind es 1500 Briefe, die nicht alle auf einmal, sondern nach und nach verteilt werden: an Jana Bienfuß’ Route liegen Ablagekästen, in denen ein Fahrdienst früh am Morgen weitere Säcke deponiert hat. „Im korrekten Postdeutsch heißen die allerdings Ablagebeutel“, verrät Uwe Opitz. Er ist Ausbilder bei der Deutschen Post DHL und damit auch für Jana Bienfuß zuständig.
„Ich bin eigentlich gelernte Kinderpflegerin“, erzählt die quirlige Frau, die sehr jung Mutter geworden ist. Ihr Vorhaben, auch noch die Erzieherausbildung zu absolvieren, scheiterte an dieser Doppelbelastung. Als sie mit Mann und Sohn vor einiger Zeit nach Euskirchen zog, suchte sie nach einer neuen Herausforderung. „Mein Mann meinte, Zustellerin bei der Post – das wäre doch was. Ich dachte erst, der veräppelt mich“, lacht Jana, während sie weiter in einem Affenzahn durch die Innenstadt rennt. Dann aber habe sie sich das Für und Wider überlegt und sich gedacht, dass es einen Versuch wert sei. „Na ja, und jetzt kann ich mir nichts Anderes mehr vorstellen. Ich habe wirklich eine Art Berufung für mich gefunden“, erzählt sie sichtlich begeistert.
„Manchmal entstehen sehr schöne Gespräche“
Im August vergangenen Jahres hat Jana Bienfuß mit vier anderen ihre zweijährige Ausbildung im Zustellerstützpunkt in Euskirchen begonnen. Anfangs durfte sie die Touren langgedienter Postboten nur begleiten, nach und nach wurden ihr dabei mehr Aufgaben zuteil. „Mittlerweile liefere ich selbstständig die Post aus.“ Wenige Minuten später taucht ein weiterer Postbote auf seinem Fahrrad auf. „Alles klar, Jana?“, ruft er ihr zu, und sie nickt. Der betreuende Kollege wäre im Zweifelsfall zur Stelle, falls es doch einmal Probleme oder Unsicherheiten gäbe.
Aber was genau gefällt der jungen Frau an ihrem neuen Beruf? „Ich bin viel draußen, immer in Bewegung, und ich habe Kontakt zu den Menschen, die hier wirklich alle total nett und hilfsbereit sind“, sagt sie. In einem Bezirk gebe es beispielsweise einen Bäcker, der ihr jedes Mal, wenn sie die Post bringe, ein kleines Lunchpaket schnüre. „Manchmal entstehen sehr schöne Gespräche mit den Kunden, und ich höre wunderbare Geschichten aus dem Leben der Menschen“, so Jana Bienfuß. Die Zeit hierfür nehme sie sich gerne, „da mache ich hinterher eben ein bisschen schneller“. Übrigens: Verschwiegenheit und Diskretion ist eine Selbstverpflichtung bei Postzustellern. „In der Ausbildung gehen wir darauf gesondert ein“, versichert Opitz.
Guter Ersatz für das Fitness
Feierabend ist bei den Postzustellern eine Variable. „Feierabend ist, wenn die Post ausgetragen ist“, so Opitz. Genau diese Selbstständigkeit sei ein großer Vorteil in dem Beruf, die Qualität der Zustellung müsse natürlich stimmen. Gibt es auch unangenehme Situationen als Postbote, immerhin ist man ja auch der Überbringer schlechter Nachrichten? „Es ist sehr selten, dass Zusteller angeblökt werden“, weiß Uwe Opitz. In der Ausbildung würde aber auch hierauf eingegangen: In speziellen Trainingseinheiten zu „kundenorientiertem Handeln“ erhielten die angehenden Zusteller das Rüstzeug zum Meistern schwieriger Situationen.
Jana Bienfuß macht zurzeit ihren Führerschein – denn als Postzusteller ist man nicht immer mit Karre oder Rad unterwegs. „Je nach Infrastruktur des Bezirks muss man die Post auch mit dem Auto bringen“, erklärt der Ausbilder. Die Deutsche Post kommt ihren Azubis entgegen und vergibt zinslose Darlehen, immerhin kostet ein Führerschein gut und gerne 1200 Euro.
Teure Fitnessstudios und strenge Work-outs – Briefträger brauchen diese Art der Selbstkasteiung eher nicht. Bis zu acht Stunden sind sie pro Tag auf den Beinen. Hinzu kommen manchmal Pakete mit bis zu 31,5 Kilogramm Gewicht. Der Segen des Internets wird zum Fluch des Zustellers: Manch einer bestellt selbst Wasser- und Bierkisten online oder lässt sich Katzenfutter im Großgebinde nach Hause liefern. „Kein Problem, da muss man eben mal um Hilfe bitten“, winkt Jana Bienfuß ab. Verweigert wurde ihr das bisher noch nie.
