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Walter Sittler„Herr Kästner“ erzählt aus seinem Leben

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Das Leben Erich Kästners als szenischen Bilderbogen in dessen eigenen Texten spielte Walter Sittler in Gemünd. (Foto: Everling)

Die Begeisterung im Großen Saal des Gemünder Kurhauses wollte kein Ende nehmen. Die rund 450 Zuschauer erhoben sich von ihren Plätzen und feierten Schauspieler Walter Sittler, der mit seinem Erich-Kästner-Programm „Prost, Onkel Erich“ für einen außergewöhnlichen Theaterabend gesorgt hatte. Die Veranstaltung war von der Kreissparkasse Euskirchen initiiert worden.

„Kultur ist ein wichtiges Gut“, begründete Udo Becker, Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse, das Engagement seines Hauses. Seit etwa drei Jahren organisiere die KSK derartige Kundenveranstaltungen, um außergewöhnliche Kulturereignisse in die Region zu bringen.

Walter Sittler sei einer der begabtesten Schauspieler in Deutschland. „Wir glauben, dass das für unsere Kunden ein tolles Erlebnis ist“, freute sich Becker über die gelungene Veranstaltung.

„Erich Kästner ist einer der wichtigsten Chronisten des 20. Jahrhunderts“, begründete Martin Mühleis seine Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller. Er hatte 2006 die Kinderjahre des vor allem für seine Kinderbücher bekannten Autors auf die Bühne gebracht – mit dem gleichen Team wie nun bei der Fortsetzung. „Als ich ein kleiner Junge war“ wurde zu einer der meistgespielten Produktionen der letzten Jahre. Das aktuelle Programm setzt mit der Rückkehr Kästners aus dem Ersten Weltkrieg ein.

Von pulsierend bis bedrohlich

„Ich bin Erich-Kästner-Fan seit meiner Kindheit, und das hat mich bis heute nicht verlassen“, erzählte Mühleis über seine Affinität zu dem Autor. Kästner eigne sich für das ganze Leben. Schon bei einem ersten Kästner-Abend, den Mühleis mit dem Staatstheater Stuttgart inszenierte, habe ihn Sittlers Art begeistert, mit feinem Witz und Klarheit in der Sprache den Gentleman Kästner zu verkörpern. In einem langen Monolog hat Mühleis, der auch Regie führte, die Lebenserinnerungen Kästners zusammengetragen, die weit verstreut in dessen Werk versteckt sind.

Kongenial hat der Saxofonist Libor Sima dazu Musik komponiert, die der Filmmusik der 1920er Jahre nachempfunden ist. Perfekt passten sich die instrumentalen Einwürfe in den Sprachrhythmus Sittlers ein und entwickelten ein faszinierendes Zusammenspiel. Entspannt und gekonnt korrespondierte der Schauspieler mit den Saxofonist Sima, Uwe Zaiser an der Trompete, Lars Jönsson am Harmonium, der Violonistin Lisa Barry, Ralf Zeranski am Kontrabass und Meinhard Jenne am Schlagzeug.

Begeisterung weckte die schauspielerische Leistung Sittlers. Entspannt und gekonnt glitt er in seiner Rolle derart geschmeidig von Textzitaten zu Gedichten, von Briefen an die Mutter zu Prosastücken, dass die einzelnen Versatzstücke sich so zusammenfügten, dass aus den vielen einzelnen Texten ein großes Ganzes entstand.

Manch bekannte Perle wie das bitterböse „Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt“, war genauso zu hören wie andere, neu zu entdeckende Schätze. Während in der ersten Hälfte Kästners Erlebnisse im pulsierenden Berlin im Mittelpunkt standen, änderte sich nach der Pause der Ton. Dunkel, bedrohlich wurde die Atmosphäre, nur gelegentlich von den Einwürfen der Musiker unterstützt. Die Verbrennung seiner Bücher 1933 erlebte Kästner in Berlin mit und floh, als er erkannt wurde.

Vom Verlust seiner Wohnung nach einem Bombenangriff 1944 ließ Sittler Erich Kästner erzählen, schilderte das erste Weihnachten, das dieser nach 45 Jahren nicht mit den geliebten Eltern verbrachte. Die Briefe an die Mutter, bisher in einen Kasten auf der Bühne geworfen, konnten nicht mehr zugestellt werden. Es ging um Krieg, Zerstörung und anschließend das Wirtschaftswunder, das Kästner kritisch begleitete.