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Im Bildband abgelichtetWie eine Rundschau-Leserin ihre Großtanten entdeckte

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 Maria (links) und Elisabeth Kutsche auf dem Cover von „Land des Lächelns“ 

Hennef – Sonja Preiss staunte nicht schlecht, als sie kürzlich morgens in der Bahn sitzend die Zeitung aufschlug und unverhofft ein „Familienfoto“ entdeckte. Ganz oben auf der Seite prangte ein Bild ihrer beiden Großtanten Mia und Liesel – als Coverfoto des Bildbandes „Das Land des Lächelns“ von Fotograf Martin Langer, der die Bewohner ostwestfälischer Städte, vor allem Bielefeld, in den 80er-Jahren zeigt.

Triste Seiten der Provinz im Blick

Auf dem in der Einkaufsstraße aufgenommenen Bild schauen Maria „Mia“ Kutsche (1927-2013) und Elisabeth „Liesel“ Kutsche (1923-2017) recht griesgrämig drein – viele der Fotos in „Land des Lächelns“ fangen die eher tristen Seiten der deutschen Provinz in den 80er-Jahren ein.

Der sauertöpfische Blick, den die Schwestern bei dem Schnappschuss im Gesicht haben, sei jedoch eher die Ausnahme gewesen, berichtet Sonja Preiss. „So grantig haben die beiden nur geschaut, wenn sie sich sehr über etwas geärgert haben. Eigentlich waren die beiden, vor allem Mia, lustig und herzlich und haben viel gelacht.“

Maria und Elisabeth Kutsche bei einem Familienausflug 1986

Die unfreiwilligen Titel-Models

Von ihrem prominenten Platz in dem Bildband oder dessen bloßer Existenz wussten die beiden gar nichts, da Langers Werk erst erschienen ist, nachdem beide bereits verstorben waren.

Dass Mia und Liesel zu unfreiwilligen Cover-Models eines Bildbandes über Bielefeld wurden, mutet noch ironischer an, wenn man bedenkt, dass die beiden nicht in dieser Stadt lebten, sondern am Tag der Aufnahme wahrscheinlich rein zufällig durch die Innenstadt schlenderten. Die beiden in Breslau geborenen Schwestern wohnten bis zu ihrem Tod gemeinsam in Obernkirchen in Niedersachsen, gute 60 Kilometer von Bielefeld entfernt.

Laut Großnichte Sonja Preiss machten sie allerdings gerne Ausflüge in die umliegenden Städte, um dort einkaufen zu gehen – auf einem dieser Kurztrips liefen sie dann wohl vor die Linse von Martin Langers Kamera. Der Fotograf selbst erinnert sich übrigens nicht an die Begegnung mit Mia und Liesel. „Es ist aber das erste Mal, dass ich eine solche Rückmeldung zu einem meiner Fotos erhalte“, so Langer.

„Mir geht nicht aus dem Kopf, wie meine Großtanten wohl auf den Fotoband mit ihnen auf der Titelseite reagiert hätten“, sagt Sonja Preiss. „Geschämt hätten sie sich sicherlich wegen ihrer grantigen Blicke. Aber ich glaube, sie wären auch sehr amüsiert über den Gegensatz zwischen ihrem finsteren Blick und dem Titel des Bandes gewesen. Und ein wenig stolz sicher auch, einen Fotoband zu zieren.“