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Im Einsatz gegen die Müllberge in Indien

3 min

Müllvermeidung trägt der Leverkusener als ein Thema, das vor allem Jugendlichen nahegebracht werden müsse, auch in die Schulen.

  1. Der pensionierte Bayer-Mitarbeiter Harbans Chandna unterstützt Umweltschützer in seinem Herkunftsland

Harbans Chandna ist schon über viele unschöne Berge gestiegen. Als Ingenieur und Umweltschutzexperte kennt der Leverkusener Berge von Müll, die er versucht hat, gut unter die Erde zu bringen - etwa als seinerzeit Mitverantwortlicher bei der Versiegelung der Giftmülldeponie von Bayer in der Dhünnaue.

Doch es gibt noch einen viel schrecklicheren Berg, der den 77-Jährigen sein Leben lang schon in seinen Erinnerungen begleitet hat. "Ich bin seinerzeit als Inder in einer Stadt geboren, die zu dem heutigen Pakistan gehört", so Chandna. Die Teilung Indiens und die Abspaltung Pakistans hätten tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen. Zwischen dem 14. und 15. August 1947 wurde das damalige Britisch-Indien wegen religiöser und ethnischer Konflikte in zwei unabhängige Staaten aufgespalten.

Geplantem Anschlag entkommen

Harbans Chandna berichtet in seiner Wohnung in Schlebusch von seinen Unternehmungen in Indien.

Der Großvater habe mit dem Familienschmuck rechtzeitig fliehen können, doch der damals acht Jahre alte Junge musste mit anderen Familienmitgliedern in einer Nacht- und Nebelaktion türmen. "Es sollte ein Anschlag auf unser Haus verübt werden", erinnert er sich. Die Familie versuchte mit vielen anderen Menschen in einem Zug über die neue Grenze zu kommen. "Doch er hielt mitten auf dem Feld an und fuhr nicht mehr weiter." Er harrte mit seiner Familien in dem Zug aus, während draußen die Schüsse nur so knallten. Irgendwann hörte das Feuergefecht auf. "Wir sind nach draußen gegangen und mussten über Berge von Leichen steigen." Und eben dieser Berg lässt ihn bis heute in seinen Erinnerungen nicht los.

Umso glücklicher war der mittlerweile pensionierte ehemalige Bayer-Beschäftigte als er erfuhr, dass in einer Stadt nahe der Grenze ein Museum über die Teilung Indiens entstanden ist. Und wie der Zufall es so wollte, sollte er sich da mal wieder einen Berg anschauen - bestehend aus unsortiertem Abfall. "In Indien muss man den Müll nicht lange suchen. Er liegt überall herum."

Die Stiftung der Deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit bat ihn im Rahmen des sogenannten "Senior Expert Services" (SES) Ende 2017 in die Millionenstadt Amritsar im äußersten Nordwesten Indiens zu fahren, um den Menschen bei ihrem Müllproblem zu helfen. "Ich bin da nicht als deutscher Lehrmeister hin, sondern habe versucht, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen", so Chandna, der die Sprachen Hindi, Urdu und Panjabi beherrscht.

Harbans Chandna mit offiziellen Vertretern der Stadt nach einem Gespräch über Mülltrennung.

"Mit dem schnellen wirtschaftlichen Wachstum Indiens kann die Entwicklung des Umweltschutzes nicht mithalten", so der Leverkusener. Der Premierminister habe zwar 2014 ein Programm ins Leben gerufen, das die Abfallprobleme in den Griff bekommen soll, aber die eigentlich gute Gesetzgebung habe nur wenig Auswirkungen auf die gelebte Praxis. Chandna tut sich schwer den Grund zu nennen: "Es ist die Korruption", presst er heraus.

Hoffnung machten ihm die jungen Inder. "Sie haben das Problem verstanden. Im Internet oder auf Reisen sehen sie, wie es in anderen Ländern aussieht." So setzte Chandna auf seiner Reise vor allem auf die Kraft des Wortes: "Ich habe viele Vorträge darüber gehalten, was alles möglich ist."

Entsetzt hat ihn aber wieder mal der Berg, den er vorgefunden hat. "Ich habe dringend darauf hingewiesen, dass die in Amritsar betriebene Deponie, Bhagtanwala Dumpsite, eine schwerwiegende ökologische Belastung für die Umwelt ist." Welche Gefahr von dem offen herumliegenden Abfall ausgehe, sei kaum abzuschätzen. Der Ingenieur hofft, dass sein Besuch etwas verändern konnte.

In der indischen Millionenstadt Amritsar wird man der Berge von Abfall kaum Herr.

Über den Berg in seinem Kopf, über den er als Achtjähriger einst gestiegen ist, hat er auch in Amritsar reden können. "Das dort eröffnete Museum über die Teilung Indiens hat ein Interview mit mir gemacht", strahlt der studierte Mathematiker, den einst ein Stipendium nach Deutschland gebracht hat.

In seine Geburtsstadt an der Grenze hat er sich jedoch nicht getraut. Die politische Lage zwischen Indien und Pakistan sei einfach zu angespannt.

Chandna wirbt in Amritsar für sein Stadtsäuberungs-Projekt.