Leverkusen – „Ich sehe überhaupt keinen Sinn darin“, sagt Elke Merges: „Es ist teuer und schlecht für die Umwelt.“ Ja, es geht um das Böllern an Silvester. Um das völlig überflüssige Belasten von Tieren, Klima und Geldbeutel also. Oder um das freiheitliche Ausleben einer jahrhundertealten Tradition. Je nach Perspektive.
Letztere ist auch die des Pyrotechnikers Thomas Drescher. Der 40-Jährige beschäftigt sich seit vielen Jahren „aus Leidenschaft“ mit dem Zünden von Feuerwerken. Für Filmkulissen, Events und den privaten Böllerspaß. Sein Unternehmen „Knalleffekt“ gründete er vor rund 15 Jahren.
Auch Pyro-Experte für Sperrzonen
Gemeinsam mit seiner Verlobten Agnes Lubosik verkauft der Pyro-Experte in Leichlingen Raketen, Batterien und Knallfrösche für den Jahreswechsel. Unkritisch sieht er die deutsche Silvesterkultur deshalb nicht: „Dass die Sprengkörper in jedem Discounter angeboten werden, ist eine Sicherheitsgefahr. Dort erklärt niemand, wie viel Platz man für welche Rakete oder Batterie braucht.“
Der 40-Jährige findet es schade, dass es in Leverkusen keine Sperrzonen gibt – wie in der Kölner Altstadt, wo das Zünden verboten ist. Außerdem sei es „schlimm, wie viel Müll dabei entsteht.“ Schlimm, aber wer ist schuld? Einzelne, die unachtsam sind bei der Entsorgung? Oder doch die Stadt, die es versäumt, die Feuerwerke im öffentlichen Raum zu beschränken?
Stadt bislang nicht aktiv
„Von der Deutschen Umwelthilfe wird für Leverkusen kein kommunales Feuerwerk-Verbot gefordert“, erklärt Heike Fritsch, Sprecherin der Stadt. Weil Feinstaub-Grenzwerte bei der letzten Messung im Jahr 2018 nicht überschritten wurden. Elke Merges, die wir im Rahmen einer Straßenumfrage getroffen haben, fordert: „Es sollte Alternativen geben, zum Beispiel eine große Lichtershow.“
Eine Überlegung, die im politischen Leverkusen bisher nicht wirklich eine Rolle zu spielen scheint: „Das Angebot von einer zentralen Licht- oder Lasershow würde einigen die Möglichkeit geben, in Gemeinschaft ein umweltfreundlicheres Event zu genießen. Bisher wurde das nicht in der Stadtgesellschaft diskutiert“, so Fritsch. Auch zentrale Feuerwerke gibt es in der Stadt nicht.
Susann Urbano kauft bei „Knalleffekt“ in Leichlingen ein, als wir den Laden besuchen. „Nicht aus Sicherheitsgründen, sondern weil ich direkt gegenüber wohne. Verletzen kann ich mich mit den Discounter-Böllern genau wie mit denen vom Experten“, erklärt die 41-Jährige und lacht. Sie sei „eigentlich dagegen“, aber für ihren Sohn „macht das einfach Silvester aus.“ Ob es böllerfreie Zonen in Leverkusen geben sollte? „Ich wär auf jeden Fall dafür!“
Politische Lösung notwendig?
Ähnlich sieht es Mirkan Tes, der in diesem Jahr fast komplett auf Pyro verzichtet – „nur ein bisschen für die Kinder. Es macht ja schon Spaß.“ Insgesamt, so der 26-Jährige, sei es aber vor allem schlecht für die Umwelt „und viel zu teuer“. Wie in jedem Jahr zünden Sven und Marina auch heute wieder Böller, es liegen allerdings nur zwei eher kleine Pakete in ihrem Einkaufswagen. „Wir böllern nicht so viel wie sonst“, die beiden befürworten eine Sperrzone. Genau wie Elke Merges, die sich mit ihrem Mann, der zum Jahreswechsel gerne kleine Feuerwerke veranstaltet, auf ein Minimum geeinigt hat. Viele Menschen in Leverkusen und Leichlingen, so scheint es, sehen das Böllern kritisch.
Viele allerdings wollen zugleich bei sich nichts ändern – wohl kaum, damit böse Geister im neuen Jahr fernbleiben. Sondern um an der Tradition teilzuhaben, den eigenen Kindern eine Freude zu machen. Nachgefragt werden im Laden von Thomas Drescher auch in diesem Jahr viele Mini-Feuerwerke, „ziemlich unverändert“. Bis zu 180 Euro geben seine Kunden für einzelne Pyro-Batterien aus. Die Argumente gegen das jährliche Privatfeuerwerk bleiben dabei unübersehbar. Sollte eine politische Lösung her?
„Vor dem Hintergrund aktueller Debatten in Sachen Klimaschutz sowie der Gesundheitsgefahren durch Feinstaub ist es vorstellbar, dass sich die Politik und Verwaltung mit dem Thema in Zukunft beschäftigen“, kommentiert Fritsch ein mögliches Verbot. Für eine Stadt, die den Klimanotstand ausgerufen hat, klingt das ungeheuer vage.
