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Leverkusens Kleinste SitzungDigitalkarneval aus dem Ohrensessel

3 min

Sitzungspräsident „Gündä“ mit der Quetsch: Wolfgang Müller-Schlesinger sendete bei der Kleinsten Sitzung aus seinem sehr gemütlichen Kaminstudio in Bingen.

Leverkusen – Muss man sich Sorgen um diesen Mann machen? Früher kannte man Wolfgang Müller-Schlesinger als Kabarettisten der alternativen Wiesdorfer Kulturszene. .Jetzt sitzt er rhein-hessisch babbelnd zwischen Fransen-Stehlampe, Häkeldeckchen und Weißwein-Flasche am Kaminfeuer in seinem Nostalgie-Wohnzimmer in Bingen und hat die Haare (nicht) schön.

Wenn er zur Quetsch greift und Lieder der Rhein-Romantik anstimmt, wird’s auch nicht besser. Aber so ist er halt, der „Gündä“. So lieben die Fans der LKS ihren Sitzungspräsidenten.

„Gündä on Fire“

„Gündä ist on Fire!“ twittert jemand, kaum dass sich der Moderator zur Tagesschau-Zeit den ersten Pokal eingeschenkt hat. Diesmal nicht live auf der Bühne des Kulturausbesserungswerks. Sondern aus seinem Homeoffice im Opa-Sessel. Aber auch live: Die LKS-Sitzung in der Corona-Session wurde am Samstag als Livestream auf Youtube gesendet – www statt KAW.

Das Museum als Rummelplatz: Aus Schloss Morsbroich wurde „Schloss More Fun“.

Die digitale Premiere ist total gelungen. Das aus der Not geborene Experiment verblüffte vor allem durch technische Perfektion. Das Zuschauen machte Spaß, weil es nie einen schwarzen Bildschirm gab, keine Sendepausen, kein Bild einfror oder wackelte.

Puzzle aus vorproduzierten Videos

Und das ist ein echtes Kunststück bei diesem Riesenpuzzle aus vorproduzierten Videos und Einblendungen. Dass der Ton aus dem Studio Bingen leicht zeitversetzt zum Bild lief, störte nicht wirklich, denn dort scheint die Zeit ja ohnehin stehengeblieben zu sein.

Leverkusener Legende: Kurt Stichnoth als Ehrengast der LKS.

In Echtzeit ging „Gündä“ sogar auf die Zuschauer-Reaktionen im eingeblendeten Chat ein und telefonierte mit ihnen während der Sendung. Die dauerte dadurch zwar bis 22.35 Uhr, viel länger als angekündigt. Aber sie hätte locker für zwei ausverkaufte KAW-Säle gereicht.

Bis zu 500 Gäste an den Geräten

Denn in der Spitze waren 500 Zuschauer an den Geräten, fast 400 blieben bis zum Schluss dabei und 250 sahen sich nach der Show auch noch die Bilderschau mit Fotos der tatsächlich kostümierten jecken User daheim an. Sie saßen nicht nur in Monheim und Mathildenhof, Köln und Fettehenne vor Salzgebäck und Mettbrötchen. Grüße sendeten LKS-Fans auch aus Singapur, aus dem Wohnmobil auf Kreta und aus der „Dom-Rep“. Das größte Lob gebührt also der Technik und Regie, die Elias und Aaron Kröger aus dem LKS-Team meisterten. Als „Snoop Oppes“ lieferte Elias mit seinem programmatischen Rap „Kultur ist systemrelevant!“ zudem eine der besten Nummern ab.

Am Anfang war der Urknall

Mit einem spektakulären Zeitraffer durch die Weltgeschichte rückwärts – vom neuen Opladener Busbahnhof über die Pyramiden am Nil bis zum Urknall – startete die Sendung mit einem Knalleffekt. Die Schalten zum Außenreporter Moritz Boddenberg beim Ententanz für Querdenker im „Goldenen Bembel“ in Rüdesheim funktionierten ebenso tadellos wie die Besuche bei Prinz Dieter I. (Fabian Vollbach) in seinem Hochsicherheits-Quarantänetrakt mit einer Badewanne voller Kölsch. Das Trommelfeuer der „Drum DocZ“ aus der Musikschule prasselte auf Split-Screens noch simultaner. Running Gag: Alex Schaefers Frontalzusammenstöße mit dem ewig kaputten Aufzug der Bahnhofsbrücke.

Orgelmusik aus der Stelzen-Kathedrale

Angemessen bissig auch Andreas Benders Stadtführung „Tolle Orte in Leverkusen“, vor allem die mit Orgelmusik untermalte Beweihräucherung der Stelzen-Kathedrale, die bald zwei Seitenschiffe in schönstem Beton-Brutalismus bekommt.

Die Kabarettisten Özgür Cebe und Torsten Schlosser waren die bekanntesten Künstler. Den rührendsten Gastauftritt aber widmete die LKS mit einer Hommage dem 90-jährigen Leverkusener Humoristen und Ex-Prinzen Kurt Stichnoth, der das von ihm komponierte traditionelle Schlusslied mitsang.