Abo

Nach MordurteilNeue Ermittlungen gegen den Todespfleger aus Würselen

3 min
Ulrich S. im vergangenen Jahr mit einem Aktenordner vor dem Gesicht im Aachener Gerichtssaal.

Ulrich S. im vergangenen Jahr mit einem Aktenordner vor dem Gesicht im Aachener Gerichtssaal. 

Ulrich S. wurde wegen zehnfachen Mordes verurteilt. Inzwischen gibt es mehr als 120 weitere Verdachtsfälle. 

Ulrich S. habe Patienten nicht aus Mitleid Medikamente verabreicht, sondern damit „es ruhig ist während seiner Schicht“ – ihr Lebensrecht sei ihm gleichgültig gewesen. Dieses Fazit zog das Landgericht Aachen im November vergangenen Jahres, als die Kammer den Krankenpfleger wegen zehnfachen Mordes und 27-fachen Mordversuchs zu lebenslanger Haft verurteilte. Doch mit dem Urteil ist der Fall längst nicht abgeschlossen – im Gegenteil: Ermittler in Aachen und Köln rollen ihn weiter auf.

Die Aachener Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen in mehr als 120 weiteren Verdachtsfällen, bislang wurden dort 39 Leichen exhumiert. Dabei richten die Fahnder ihren Blick auf mögliche Morde vor dem bereits abgeurteilten Zeitraum. Denn das Urteil des Landgerichts Aachen betrifft Taten zwischen Dezember 2023 und Mai 2024 auf der Palliativstation des Rhein-Maas-Klinikums in Würselen. Nach Überzeugung des Gerichts verabreichte Ulrich S. dort in Nachtschichten eigenmächtig überhöhte Mengen von Beruhigungsmitteln und Schmerzmitteln.

Seit 2020 arbeitete Ulrich S. in Würselen

Ulrich S. arbeitete seit 2020 in Würselen. „Die Ermittlungen reichen derzeit bis September 2022 zurück“, sagte eine Sprecherin der Aachener Staatsanwaltschaft. Weil die Ermittler sich auf der Zeitleiste rückwärts vorarbeiten, könnten weitere Verdachtsfälle hinzukommen. Eine neue Anklage ist nach Angaben der Behörde nicht mehr in diesem Jahr zu erwarten, sondern voraussichtlich im Laufe des nächsten Jahres.

In Köln geht es um die Jahre vor dem Wechsel nach Würselen. Ulrich S. arbeitete nach Recherchen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ rund sieben Jahre im städtischen Klinikum im Stadtteil Merheim. Dort sowie in der Zentralverwaltung der Kliniken und bei einem IT-Dienstleister wurde durchsucht und Datenträger und Dokumente wurden sichergestellt.  Material, das nun helfen soll, Dienstzeiten, Medikationslisten und auffällige Verläufe zu rekonstruieren.

Zahlreiche Verdachtsmomente auch in Köln

Auch in Köln gibt es inzwischen zahlreiche Verdachtsmomente: Ermittler gehen etlichen Fällen nach, sieben Leichen wurden bereits exhumiert. Dabei ist brisant, dass es schon am Standort Merheim Hinweise gab, wonach „mit Ulrich S. etwas nicht stimmte“ – lange bevor der Komplex in Würselen öffentlich wurde. Eine ehemalige Pflegeschülerin schilderte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, der Mann habe sich extrem respektlos gegenüber Kollegen und Patienten verhalten und zudem Medikamente verabreicht, die wohl nicht angeordnet gewesen seien. Diese Beobachtungen habe sie auch der damaligen Klinikleitung mitgeteilt.

Eine lückenlose interne Aufklärung folgte dennoch nicht. Stattdessen endete die Angelegenheit mit einer Trennung, die für den Beschuldigten eher wie eine geordnete Abwicklung wirkte als wie eine deutliche Warnung an nachfolgende Arbeitgeber – inklusive eines Arbeitszeugnisses, mit dem er sich später in Würselen bewarb. Gegen weitere Mitarbeitende des Klinikums Merheim wird derzeit jedoch nicht ermittelt. Das gilt auch für die Belegschaft in Würselen, wo offenbar niemand den exponentiell gestiegenen Betäubungsmittelverbrauch in den Schichten von Ulrich S. bemerkt haben soll.

Strafrechtlich kämen – je nach Befund – unter anderem fahrlässige Tötung oder Körperverletzung sowie Verstöße gegen einschlägige Dokumentations- und Vergabevorschriften in Betracht. Das Klinikum Würselen hat nach internen Untersuchungen sieben Abmahnungen ausgesprochen.