Abo

Ärztlicher NotfalldienstLänger warten, bis der Arzt kommt

3 min

Der medizinische Notdienst soll reformiert werden, mit gravierenden Folgen für die Patienten. (Symbolfoto: dpa)

Oberberg – Wer nachts oder am Wochenende plötzlich hohes Fieber bekommt, ist heilfroh, wenn er den ärztlichen Notfalldienst anrufen kann und bald darauf ein Bereitschaftsarzt vor der Tür steht. Doch ab dem 1. Januar 2016 drohen deutlich längere Wartezeiten von zwei, drei Stunden oder mehr. Denn der medizinische Notfalldienst steht vor einer umfassenden Neuausrichtung.

Noch gibt es in Nordrhein 115 Fahrdienste, die nachts und am Wochenende die Patienten zu Hause aufsuchen, außerdem 83 Notfallpraxen. Das neue Modell sieht für den gleichen Raum nur noch 54 Fahrdienste und 41 Notfallpraxen vor. In Oberberg drohen alle Notdienstbezirke wegzufallen zudem steht die Notfallpraxis am Wipperfürther Helios-Krankenhaus vor dem Aus. Die nächste Notfallpraxis wäre dann in Gummersbach. Auch in Overath und Rösrath stehen die Notfallpraxen vor der Schließung.

Für die gesamte Region Oberberg, Rhein-Berg, Leverkusen, Wuppertal, Remscheid und Solingen wären künftig durchschnittlich nur noch sieben Notfallfahrzeuge im Einsatz, die von einer Zentrale in Duisburg gesteuert werden. Die Folge: Der Arzt verbringt viel mehr Zeit im Auto als bei den Patienten.

Ein Problem der Großstädte?

Am kommenden Mittwoch tagt das „Parlament“ der niedergelassenen Ärzte, die Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Nordrhein. Dort dürfte eine Grundsatzentscheidung fallen. Soll die Zahl der Notfallbezirke deutlich reduziert werden, oder belässt man alles beim alten? Wie weit geht der gesetzlich vorgeschriebenen Sicherstellungsauftrag?

„In dieser Frage geht ein Riss durch die Ärzteschaft“, erklärt der Wipperfürther Hausarzt Dr. Herbert Sülz. Für viele ältere Ärzte sei der Notfalldienst eine Selbstverständlichkeit. „Im Schnitt bedeutet das jetzige System für jeden Arzt in Wipperfürth 14 bis 17 Nacht- und Wochenendschichten im Jahr“, sagt Sülz. „Damit sind wir noch recht komfortabel aufgestellt, es gibt Regionen, in denen die Ärzte 30 bis 40 mal jährlich Bereitschaftsdienst haben.“

Gerade bei jüngeren Ärzten sehe er aber eine geringere Bereitschaft zum Bereitschaftsdienst. „Diese Kollegen arbeiten dann lieber in der Stadt, wo man aufgrund der höheren Ärztedichte viel seltener Dienst hat“, so Sülz. Und auch manche Ärztin würde nachts nicht gerne alleine herausfahren. Eine Begleitperson zum Schutz werde aber von den Kassen nicht bezahlt.

Sülz gibt jedoch auch zu bedenken: „Rund 80 Prozent der Patienten, die zum ärztlichen Notfalldienst ins Krankenhaus kommen, sind keine wirklichen medizinischen Notfälle und könnten auch gut am nächsten Tag zu ihrem Hausarzt gehen.“

Dringenden Handlungsbedarf sieht der Hausärzteverband: Die Zahl der Hausarztpraxen sinke, die derzeitige Vergütung mache den Bereitschaftsdienst nicht attraktiv. Der jetzt vorliegende Kompromiss bedeute einen „Kahlschlag der Notfallversorgung“, so der Hausärzteverband in einer Pressemitteilung und fordert, die Kreisstellen des Hausärzteverbandes in eine Neuausrichtung des Notdienstes mit einzubeziehen.

In Westfalen-Lippe wurde die Zahl der Notfallbezirke schon zum Januar 2011 deutlich reduziert. So reicht etwa der neue Bezirk 25 von Meinerzhagen im Süden bis nach Menden im Norden, im gesamten Bezirk gibt es nur noch zwei stationäre Notfallpraxen – an den Krankenhäusern in Lüdenscheid und in Iserlohn.

Der Wiehler Arzt Professor Dr. August Wilhelm Bödecker ist Vorsitzender der KV Nordrhein. Er lehnt die Reformpläne strikt ab, und sieht den Großteil der Hausärzte in Oberberg auf seiner Seite. „Das ist ein Problem der Großstädte, weil dort der ärztliche Notdienst zum Teil missbraucht wird – von Patienten, die so die Wartezeiten umgehen wollen.“

Oberbergs Sozialdezernent Dr. Jörg Nürmberger hält die angedachten Reformpläne gar für „skandalös“. „Das ist ein massiver Rückschritt, der die Bevölkerung auf dem Land benachteiligt.“ Um die gesetzlich vorgeschriebene, flächendeckende Notfallversorgung sicherzustellen, sei diese Reform das falsche Instrument.

Die Pläne für eine Reform des ärztlichen Notfalldienstes sind alarmierend. Ein Kommentar.