Ende des Zweiten WeltkriegsGefangen unter freiem Himmel
Gummersbach – Wenn man heute von Gummersbach die Westtangente zur Autobahn fährt, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass hier vor 70 Jahren auf den Wiesen links und rechts – von US-Militär scharf bewacht – zeitweise an die 60 000 oder gar 70 000 gefangene Wehrmachtsangehörige, Volkssturmmänner und Hitlerjungen auf engstem Raum zusammengepfercht waren: unter freiem Himmel, im Matsch der zertrampelten Wiese, ohne Schutz dem Wetter und der nächtlichen Kälte ausgesetzt.
Eingekreist
Am 11. April 1945 war Gummersbach von amerikanischen Truppen eingenommen worden. Der Hauptteil der Amerikaner war dann weitergezogen, um den Ring des sogenannten Ruhrkessel zu verstärken. In einer groß angelegten Zangenbewegung nämlich hatten die alliierten Truppen, die im Süden bei Remagen und im Norden bei Wesel den Rhein überquerten, die Heeresgruppe B eingekreist. Jeden Tag wurde der Kreis enger gezogen, über 300 000 Soldaten, die Reste von insgesamt 21 Divisionen, saßen in der Falle, und Tag für Tag gingen Zehntausende in Gefangenschaft, die meisten ab Mitte April, bis am 21. April auch die Letzten kapitulierten.
Auffanglager
Als eines der Auffanglager für die vielen Gefangenen hatte man kurzerhand die Rospewiesen bei Gummersbach genommen. „Im Laufe der Zeit wurden das immer mehr Gefangene“, erinnert sich Ursula Schürmann geb. Tabbert aus Rospe, damals sieben Jahre alt. „Bis zur Wäscherei Schneeweiß rauf erstreckte sich das Lager, runter bis zu Schürmanns Sägewerk, und nachher ging es auch hier hinter der Hardtstraße den Hang hoch bis oben zum Wald. Die Grenze zur einen Seite war das Bahngleis; dort standen die Posten mit Maschinenpistolen und Maschinengewehren. Auf der anderen Seite war anfangs die Hardtstraße die Grenze - den Zubringer gab es ja noch nicht - später dann oben der Wald. Auch dort standen natürlich Posten.“
Mit 16 Jahren gefangen
Einer der ersten Gefangenen, die hier eingeliefert wurden – das muss am 14. oder 15 April gewesen sein – war der damals noch nicht einmal 16 Jahre alte Julius Kaus aus Köln, später Gummersbach. In den letzten Kriegsmonaten war er mit der Werkstatt, bei der er Kfz-Schlosser lernte, in die Nähe von Nümbrecht evakuiert und Anfang 1945 im Zuge der sogenannten „Mobilmachung der oberbergischen Jugend“, das betraf alle 14 – 16-Jährigen, eingezogen und, weil Kfz-Lehrling, kurzerhand Offizieren als Fahrer zugeteilt worden.
Bei einer Erkundungsfahrt nahe Wuppertal geriet er in Gefangenschaft: „Du Soldat?“, fragten mich die Amis. „Jaa“, sagte ich, „ich Soldat.“ Da sagte der: „Du kleine Baby!“ und hat mich von den anderen abgesondert. Das hat mich doch sehr geärgert. Dieser Amerikaner hielt mir dann noch ein Kaugummi hin; das habe ich aber nicht angenommen, weil uns ja immer gepredigt wurde, dass die uns vergiften wollen. Wir waren ja so fanatisiert!“
Julius Kaus kommt in das im Entstehen begriffene Gefangenenlager bei Rospe. Geschlafen wurde unter freiem Himmel, zu essen gab es einmal am Tag: „Morgens wurde uns von einem Lkw aus ein Frontpäckchen hingeworfen. Es enthielt drei Camel-Zigaretten, ein Döschen Ketchup, ein Döschen Milchpulver – damit konnten wir natürlich nicht viel anfangen –, und dann waren da noch ein paar Kekse und so etwas Schokoladenartiges. Wasser nahmen wir aus dem Bach. Das Wichtigste aber war, dass man morgens schnell genug an den Lkw kam, um ein Päckchen zu erhaschen. Jeder musste sehen, wie er zurechtkam.“
Später nach Sinzig
Nach etwa einer Woche im Rospelager ging es für Julius Kaus über mehrere Stationen in das Lager bei Sinzig, eines von etwa zwanzig Kriegsgefangenenlager entlang des Rheins. Die Ernährung und die hygienischen Verhältnisse in diesen Lagern – eingezäunte verschlammte Wiesen unter freiem Himmel, auf denen die Gefangenen mangels Baracken in offenen Erdlöchern lebten – waren schlecht bis katastrophal. Reguläre Soldaten waren durch den Kriegsdienst meist abgehärtet und kamen mit den Bedingungen leichter zurecht. Nicht aber ein Jugendlicher wie Julius Kaus. Dass auch im Rospelager bald ähnlich schlimme Zustände herrschten wie in den Lagern auf den Rheinwiesen, kann er sich nicht erinnern, gehörte er doch zu den ersten Insassen und dies auch nur für wenige Tage. Als nämlich zwischen dem 18. und 21. April 1945 die Zahl der Gefangenen immer mehr anschwoll, füllte sich auch das Rospelager dramatisch.
Baumrinde abgeschält
„Es wurden immer wieder welche weggebracht, aber viel mehr Neue kamen, und an einem Sonntag sollen im ganzen 60 000 Mann hier gelegen haben“, weiß Ursula Schürmann. Und ihr Mann Ernst-Wilhelm, der in Ahlefeld aufwuchs, erinnert sich, dass die Gefangenen die Rinde von den Bäumen geschält haben, um sich des Nachts draufzulegen und abzudecken, überhaupt sich gegen das Wetter zu schützen, denn es regnete viel und nachts war es bitterkalt. „Die lagen ja in Erdlöchern oder auf der blanken Erde.“
Fluchtversuche
Kein Wunder, dass es immer wieder Fluchtversuche gab, obwohl scharf aufgepasst wurde: „Jeden Abend“, so erinnert sich Ursula Schürmann, „kam zum Beispiel . ein bewaffneter Posten, der – meine Mutter voran – das ganze Haus bis in die letzte Kammer auf versteckte Gefangene hin durchsuchte.“ Trotz der Bewachung gelang aber doch dem einen oder anderen die Flucht.
So ergänzt Schürmann: „Unter unserem Haus geht eine Rohrleitung her, durch die der Bach fließt, der von Hardt-Hanfgarten runterkommt und drüben in den Rospebach mündet. Durch diese Rohrleitung sind viele gekrochen und dann, wo es nach Hardt hochgeht, rausgekommen, geguckt, ob keiner schaute, und dann weg.“
Verbitterung
Die meisten aber wagten die Flucht nicht und wurden nach wenigen Tagen wie Julius Kaus in eins der schnell errichteten Lager entlang des Rheins weitertransportiert. „Was haben wir auf den Rheinwiesen gehungert! Schwer haben wir gehungert! Und auch sonst …“, erinnert sich Julius Kaus mit ziemlicher Verbitterung in der Stimme.
Hier blieb er sechs Monate, und hier beging er seinen 16. Geburtstag. Wurde dann nach Hause entlassen, ins zerstörte Köln. Später ist er ins Oberbergische zurückgekommen, war viele Jahre bei Steinmüller beschäftigt und hat, kaum einen Kilometer entfernt vom ehemaligen Gefangenenlager, gewohnt.
Ende Mai 1945 war das Rospelager Geschichte.
