Scheel – Wenn ein Kind mit einer Behinderung einen Kindergarten besucht, kam das Geld für die Therapie bislang vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Künftig sollen die Krankenkassen die Finanzierung übernehmen. Weil die Umstellung aber auf allerhand Schwierigkeiten stößt, beschloss der LVR eine Verlängerung der Übergangsfrist. Statt im Sommer 2015 greift die Neuregelung erst im Sommer 2016. Auch die Umstellung von der alten, einrichtungsbezogenen Förderung auf eine Kindpauschale zum 1. August 2014 (siehe Kasten) stellt die Kindergärten vor Probleme.
„Wir haben zumindest ein Jahr Zeit gewonnen“, erklärt Barbara Wirth. Sie leitet das Familienzentrum Domino in Frielingsdorf, einen Kindergarten, in dem Kinder mit und ohne Behinderungen gemeinsam spielen und lernen. Doch die grundsätzlichen Schwierigkeiten bleiben. Das größte Problem: Bislang hat Domino fest angestellte Therapeuten, eine Physiotherapeutin, eine Motopädin und eine Sprachheilpädagogin, so dass die Kinder immer dann gezielt gefördert werden konnten, wenn es gerade gut in den Zeitplan passte. Die Verträge mit den Therapeuten sind aber nur zeitlich befristet.
Im neuen System sollen Therapeuten von außerhalb zu festgelegten Zeiten die Einrichtung besuchen. „Im ländlichen Raum gibt es aber gar nicht genügend therapeutische Praxen, die mit allen Kindergärten zusammenarbeiten können“ , beklagt Wirth.
Auch die Umstellung der Finanzierung sorgt für große Unsicherheiten. Die bisherige einrichtungsbezogene Förderung wurde zum 1. August auf eine Pauschale von 5000 Euro pro Kind und Jahr umgesetzt. „Ich weiß noch gar nicht, ob ich mit dem Geld bis zum Jahresende hinkomme“, erklärt Wirth. Unklarheiten gebe es auch bei den Kinderärzten, die die nötigen Therapiestunden verschreiben sollen. Und richtig kompliziert wird es erst mit der Umstellung zum Kindergartenjahr 2016/17. Dann nämlich kommt das Geld für die Therapie nicht mehr vom LVR, sondern von den Krankenkassen. „Wenn ich zehn Kinder habe, und jedes Kind ist bei einer anderen Krankenkasse, dann muss ich zehn verschiedene Verträge, nämlich einen mit jeder einzelnen Kasse abschließen“, erklärt Wirth. Der bürokratische Aufwand sei immens.
Auch wenn Domino sich nicht mehr integratives Familienzentrum nennen darf, weil das politische Ziel Inklusion statt Integration heißt, so will die Scheeler Einrichtung eine Schwerpunkt-Kita für Kinder mit Behinderung bleiben. „Wir hoffen, dass auch die Politik am Ball bleibt“, so Wirth.
Inklusion als ziel – wie der LVR die Umstellung begründet
Kinder mit Behinderung sollen grundsätzlich in jeder Kindertagesstätte aufgenommen werden können. Mit diesem Ziel will der Landschaftsverband Rheinland (LVR) die UN-Behindertenrechtskonvention umsetzen. Die Konvention fordert eine gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Bislang gab es spezielle intergrative Kindergärten wie „Domino“ in Frielingsdorf.
Laut LVR gibt es im Rheinland rund 5500 Kindertagesstätten, rund 640 davon betreuen auch Kinder mit Behinderungen. In Westfalen, wo das System schon früher umgestellt wurde, können Kinder mit Behinderungen an rund 3000 Kitas gefördert werden.
Bislang wurden Einrichtungen wie Domino direkt vom LVR gefördert – jetzt erfolgt die Umstellung auf eine Kindpauschale von 5000 Euro pro Jahr. Eltern soll es so leichter fallen, eine wohnortnahe Betreuungsmöglichkeit für ihr Kind zu finden. Die Finanzierung erfolgt künftig über die Krankenkassen
Der LVR argumentiert, dass sich in die Behinderungsbilder gewandelt hätten. Heute sei vielfach eine flexiblere, komplexere Therapie nötig, die von festangestellten Therapeuten nur bedingt geleistet werden könne. Das therapeutische Angebot soll sich – so der LVR – am ärztlich festgestellen Bedarf der Kinder ausrichten und nicht an den Qualifikationen der Therapeuten.
Und schließlich geht es auch ums Geld. Bislang mussten Eltern eines behinderten Kindes keine Elternbeiträge bezahlen. Seit dem laufenden Kindergartenjahr zahlen sie die gleichen Beiträge wie alle Eltern.
